Mit Orthese und starkem Willen zurück in die Berge Von Christian Thiele, dpa
Menschen weltweit sind auf Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen,
Einlagen oder Rollstühle angewiesen. Einen Überblick gibt eine
Fachmesse in Leipzig.
Berlin/Leipzig (dpa) - Stephan Scherzer ist ein Kämpfertyp durch und
durch. Himalaya, Alpen oder im Wasser in der Bucht vor San Francisco:
All das hätte der Berliner wohl nur aus Dokumentationen gekannt, wenn
seine Ärzte damals recht behalten hätten. Wegen einer Krankheit hat
er Schwierigkeiten, seinen Fuß zu heben. Doch mit 61 schnürt er noch
immer seine Lauf- oder Wanderschuhe. Ganz selbstverständlich ist das
nicht.
Scherzer leidet unter der sogenannten Fußheberschwäche. Einfach
ausgedrückt: Bei dieser Krankheit fällt es Betroffenen schwer, den
Fuß zu heben. «Wenn du mit 12, 13 Jahren ständig irgendwo gegenstö
ßt,
hängenbleibst, stolperst, hinfällst - das ist demoralisierend»,
erinnert er sich.
Über Sport und Training seiner Muskeln kann Scherzer die
Einschränkungen über Jahrzehnte kompensieren und so nach eigenen
Angaben den sogenannten Heidelberger Winkel - eine Schiene, die den
Fuß gerade hält - ablegen. «Es wurde mir gesagt, du musst so eine
Schiene tragen, damit du vielleicht normal gehen kannst. Aber du
kannst keinen Sport mehr machen.»
Als die Hüfte beim Wandern versagte
Über Jahrzehnte kann der Berliner ohne größere Probleme leben - bis
er Mitte 50 ist. Zwischen Zugspitze und Alpspitze bei
Garmisch-Partenkirchen habe seine Hüfte versagt, erzählt er. «Wie
sich herausstellte, hatte ich eine Arthrose vierten Grades.» Danach
stellte sich die Frage: Wie geht es weiter?
Anders als vor 48 Jahren, als Scherzers damalige Ärzte eine Schiene
verordneten, gibt es heute deutlich mehr Möglichkeiten, Menschen nach
Unfällen oder bei Einschränkungen zum Beispiel wegen Krankheiten den
Weg zurück in den Alltag zu ermöglichen.
Wie viele Menschen auf Hilfsmittel wie Prothesen angewiesen sind
Einen Überblick über solche Möglichkeiten bietet in den nächsten
Tagen die Fachmesse der Orthopädie- und Rehabranche in Leipzig. Die
OTWorld (19. bis 22. Mai) ist nach eigenen Angaben die weltgrößte
Veranstaltung der Branche. Dort geht es um den Austausch, wie
Spezialisten Betroffenen helfen können.
Weltweit sind Menschen auf Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen,
Bandagen, Kompressionsstrümpfe, Einlagen oder Rollstühle angewiesen.
In Deutschland benötige statistisch gesehen pro Jahr ein Viertel der
gesetzlich Versicherten solche Hilfsmittel, heißt es vom
Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik.
Dafür hätten die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 knapp zehn
Milliarden Euro ausgegeben. Die Hälfte dieser Hilfsmittel entfiel den
Angaben zufolge auf die Altersgruppe der 65-Jährigen und älter.
Der Bundesinnungsverband spricht von einer insgesamt steigenden
Nachfrage. «Das liegt an der älter werdenden Gesellschaft, an
chronischen Erkrankungen, an dem Wunsch nach Mobilität und Teilhabe
bis ins hohe Alter, aber auch an Unfallfolgen aus Alltag, Beruf und
Freizeit», sagt Kirsten Abel, Sprecherin des Verbandspräsidiums.
Wie Experten die Versorgungslage einschätzen
Der Erste Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und
Unfallchirurgie sieht Deutschland gut aufgestellt: Es gebe eine lange
Tradition, und es werde viel geforscht, sagt Christoph Lohmann,
Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Magdeburg.
«Deutschland hat weltweit führende Unternehmen, die Verletzte und
Operierte mit technisch sehr aufwendigen Exoprothesen versorgen, zum
Beispiel mit computergesteuerten Knieprothesen», sagt er. «Der
Bereich des Sports, gerade bei Paralympics, ist ebenfalls sehr hoch
entwickelt durch hochmoderne Prothetik, mit der Spitzenleistungen
erbracht werden.» Auch die Versorgung mit Schuheinlagen für Kinder,
Jugendliche und Erwachsene werde immer weiter entwickelt, «um
Fußschmerzen zu nehmen oder um weiter schmerzfrei Sport machen zu
können».
Eine Orthese aus dem Drucker
Dass Scherzer nach seiner Arthrose-Diagnose weiter Sport machen und
Berge erklimmen kann, hat er auch der Geduld von Petra Menkel zu
verdanken. Sie ist Co-geschäftsführende Gesellschafterin eines
Orthopädie-Betriebes aus Berlin. Mehr als ein Jahr lang wurde
zusammen mit einer anderen Firma aus Bayern an einer speziell
angefertigten Orthese aus dem 3D-Drucker gearbeitet.
«Kunststoffe werden schon lange verarbeitet, aber die Möglichkeit,
Orthesen zu drucken, ist relativ neu», sagt Menkel. Scherzers Orthese
sei in ihrer Firma die erste gewesen, die gedruckt worden sei. Immer
wieder wurde probiert, angepasst, getestet, bis Scherzer ohne
Probleme gehen konnte.
Ein Experiment, das sich Unternehmen nicht immer erlauben können.
«Wir haben mittlerweile so einen Kostendruck, dass wir diese
Entwicklungsarbeit wirtschaftlich gar nicht mehr leisten können, sehr
zum Schaden aller Menschen mit Behinderungen», bedauert die
Unternehmerin.
Scherzer findet, dass durch gute Hilfsmittel Kosten im
Gesundheitssystem eingespart werden könnten - in seinem Fall
vermutlich eine Hüft-OP, wie er sagt. «Und wer weiß, ob ich danach
noch hätte alles machen können.»
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