Infektionen in Bayern: Die Feldspitzmaus und das Borna-Virus Von Ute Wessels, dpa

Infektionen mit dem gefährlichen Borna-Virus gibt es kaum, im Schnitt
eine einstellige Zahl pro Jahr. Ein großer Teil dieser seltenen Fälle
tritt in Bayern auf. Was dazu bekannt ist.

München (dpa/lby) - Augsburg, Erding, Tirschenreuth - aus
verschiedenen Regionen Bayerns sind in den vergangenen Monaten
einzelne Infektionen mit dem sehr seltenen, in der Regel durch die
Feldspitzmaus übertragenen und tödlichen Borna-Virus gemeldet worden.
Bundesweit werden nach Behörden-Angaben weniger als zehn
Infektions-Fälle pro Jahr registriert, ein Großteil davon in Bayern.
Was ist über das Virus und seine Verbreitung bekannt? Ein Überblick.

Was ist das Borna-Virus?

Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) kommt nach Angaben des Landesamtes
für Gesundheit (LGL) in der Feldspitzmaus vor und ist in der
Forschung seit langem bekannt. Dass es beim Menschen schwere
Gehirnentzündungen verursacht, wurde nach Angaben des Landesamtes für
Gesundheit (LGL) erst 2018 nachgewiesen. Experten gehen davon aus,
dass die Übertragung durch den Kontakt mit Ausscheidungen infizierter
Tiere erfolgt, also unter anderem über deren Kot, Urin und Speichel.
Die Tiere erkranken selbst nicht. Direkte Übertragungen von Mensch zu
Mensch sind nicht bekannt. 

Markus Naumann, Direktor der Neurologischen Klinik am
Universitätsklinikum Augsburg, erläuterte jüngst: «Symptomatisch
kommt es nach einer Ansteckung zu einer rasch voranschreitenden
Entzündung des Gehirns mit Verwirrtheit, geistigem Abbau,
Sprachstörungen und epileptischen Anfällen.» Es gibt laut LGL weder
eine spezifische Therapie noch eine Impfung. Seit 2020 sind
BoDV-1-Infektionen meldepflichtig. 

Die Feldspitzmaus im Steckbrief

In Deutschland gibt es neun heimische Spitzmausarten, von denen eine
die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) ist. Spitzmäuse gehören,
anders als «echte» Mäuse, nicht zu den Nagetieren, wie Dennis
Rubbenstroth erläutert. Er ist Leiter des Nationalen Referenzlabors
für Borna-Virusinfektionen der Tiere am Friedrich-Loeffler-Institut
(FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Vielmehr
seien Feldspitzmäuse Insektenfresser und als solche enger verwandt
mit Maulwurf und Igel als mit Mäusen. Sie sind scheu, nachtaktiv und
haben deutlich spitzere Gesichter als andere Mäuse.

Die Feldspitzmaus ist sehr selten - stark gefährdet oder vom
Aussterben bedroht ist sie nicht. Sie steht aber auf der Vorwarnliste
für die Rote Liste gefährdeter Arten in Deutschland. Eine gezielte
Bekämpfung ist nicht erlaubt. Spitzmäuse sollten aber auch nicht
durch für sie attraktive Futterquellen oder Habitate angelockt
werden, sagt Fachmann Rubbenstroth.

Regionale Verbreitung

Ein LGL-Sprecher teilt unter Verweis auf Daten des FLI mit, dass
BoDV-1 nahezu überall im Freistaat in der Feldspitzmauspopulation
vorkomme. Lediglich im Nordwesten Bayerns gebe es bisher keine
Nachweise von BoDV-1. Dem LGL ist keine systematische Erhebung der
Feldspitzmauspopulation in Deutschland bekannt. Das Virus tritt bei
Feldspitzmäusen den Angaben nach bisher regional begrenzt in Teilen
Ost- und Süddeutschlands, Österreichs, der Schweiz und Lichtensteins
auf.

Im Norden und Westen Deutschlands gibt es Rubbenstroth zufolge große
Regionen, in denen Feldspitzmäuse kaum oder gar nicht vorkommen. Das
seien die Gebiete, in denen bisher keine endemischen Vorkommen des
BoDV-1 nachgewiesen worden seien: Mecklenburg-Vorpommern,
Nordrhein-Westfalen, große Teile Niedersachsens, Rheinland-Pfalz und
Schleswig-Holstein. Grundsätzlich kämen Feldspitzmäuse in gemäßig
ten
Breiten vom Atlantik bis an das kaspische Meer vor, während BoDV-1
nur in dem Streifen von den Alpen bis nach Nordwest-Brandenburg
nachgewiesen worden sei. «Es scheint also in Europa auch
Feldspitzmauspopulationen zu geben, die das Virus gar nicht tragen.»

Pferd, Schaf, Igel

Prinzipiell sei davon auszugehen, dass nahezu jedes Säugetier für
eine Infektion mit BoDV-1 empfänglich sei, teilt das LGL mit.
Nachweise gebe es bisher unter anderem bei Pferden, Schafen, Alpakas,
Igeln und Bibern. Mit Ausnahme der Feldspitzmaus erkranken Säugetiere
schwer infolge einer BoDV-1-Infektion und gelten als Fehl- oder
Sackgassenwirte. Das bedeute, «dass sie das Virus nicht ausscheiden
und nicht übertragen». 

Auch direkte Übertragungen von Mensch zu Mensch sind nicht bekannt.
Bei Katzen liege erst ein einziger Fall einer bestätigten natürlich
aufgetretenen BoDV-1-Infektion vor, und zwar in den 1990er Jahren in
der Schweiz, sagt FLI-Experte Rubbenstroth. Es sei davon auszugehen,
dass Katzen im Fall einer Infektion ebenfalls als Sackgassenwirte
fungierten, die das Virus nicht weiterverbreiteten. 

Infektions-Fälle in Bayern

Anfang Mai wurde in Bayern der jüngste Borna-Fall bekannt: In
Augsburg starb ein Mensch an den Folgen einer Infektion. In der
schwäbischen Stadt hatte es zuletzt 2023 zwei Erkrankungsfälle
gegeben.

Ende April war eine tödliche Borna-Infektion im Raum Bad Wörishofen
im Landkreis Unterallgäu registriert worden und im März ein
Infektions-Fall im Landkreis Erding. Im Herbst 2025 starb im
Landkreis Tirschenreuth ein 57 Jahre alter Mensch. Wenige Monate
zuvor waren zwei Menschen aus dem Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm
an den Folgen einer Borna-Infektion gestorben. 

Schutz vor einer Infektion

Da es keine Impfung gebe, könne das Risiko einer Infektion lediglich
durch die Vermeidung von Kontakt mit Spitzmäusen und ihrer
Ausscheidungen reduziert werden, heißt es beim LGL. Lebende oder tote
Tiere sollten nicht mit bloßen Händen berührt werden. Beim Entsorgen

einer toten Maus oder ihrer Ausscheidungen sowie bei Staub
aufwirbelnden Arbeiten an Orten, an denen Feldspitzmäuse leben - etwa
beim Kehren im Schuppen - sollten Schutzbrille, Gummihandschuhe und
Feinstaubmaske getragen werden. Danach sollte man duschen, die
Kleidung waschen und kontaminierte Flächen reinigen. Kadaver sollten
in einer verschlossenen Plastiktüte im Hausmüll entsorgt werden.

Forschung

Zu BoDV-1 wird unter anderem im Rahmen des Projekts «Zoonotic
Bornavirus Focalpoint Bavaria» (ZooBoFo) geforscht, das vom LGL in
Kooperation mit dem FLI und dem Uniklinikum Regensburg durchgeführt
und den Angaben nach vom bayerischen Gesundheitsministerium gefördert
wird. Ziel sind genauere Erkenntnisse zum regionalen Vorkommen des
Virus in Bayern und zu den Übertragungswegen auf den Menschen sowie
die Eruierung der Wirksamkeit antiviraler Substanzen gegen BoDV in
Zellkultur, wie es heißt.

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