Moshammer-Mord und NSU-Prozess: Abschied von Gerichtsgebäude Von Britta Schultejans, dpa
In kaum einem Gebäude sind so viele legendäre Prozesse verhandelt, so
viele aufsehenerregende Urteile gesprochen worden wie im Münchner
Strafjustizzentrum. Ein Rückblick.
München (dpa) - Wenn an diesem Montag das neue Strafjustizzentrum in
München eingeweiht wird, dann bedeutet das auch langsam aber sicher
den Abschied von dem alten.
In dem nicht unbedingt schönen, aber geschichtsträchtigen und fast
legendären grauen Block an der Nymphenburger Straße sind Urteile
gefällt worden, die ganz Deutschland bewegten.
Gebäude kostete damals 100 Millionen D-Mark
Zwischen 1972 und 1977 für damals 100 Millionen D-Mark errichtet,
wird es seit August 1977 genutzt - für Strafprozesse der Landgerichte
München I und II, des Amtsgerichts, des Oberlandesgerichts und nach
einer Pause auch wieder des Bayerischen Obersten Landesgerichts.
Auf einer Fläche von fast 35.200 Quadratmetern fanden in den
insgesamt 48 Sitzungssälen Prozesse statt, die nicht nur in
Deutschland Schlagzeilen machten, sondern zuweilen auch darüber
hinaus. «Das alte Strafjustizzentrum war fast 50 Jahre lang die
Herzkammer der Münchner Strafjustiz», sagt Bayerns Justizminister
Georg Eisenreich (CSU) der Deutschen Presse-Agentur. «Es erlangte
bundesweite Bekanntheit als Schauplatz bedeutsamer Strafprozesse.»
Ein Rückblick.
Der Mord am Inka-Pfad
Erst im vergangenen Jahr brachte die ARD den Fall als Vierteiler ins
Fernsehen: den Mord am Inka-Pfad. Im Januar 1997 kommt eine
Krebsforscherin aus München beim Wandern auf dem Inka-Pfad in Peru
ums Leben. Ihr Ehemann gibt an, sie seien überfallen worden - doch
nach einem Indizienprozess, der drei Jahre später in München
stattfindet, sind die Richter sicher: nicht unbekannte Räuber,
sondern der Ehemann selbst hat seine Frau auf der Hochzeitsreise
nachts im Zelt angeschossen und so schwer verletzt, dass sie ein paar
Tage später starb. Er wird wegen Mordes verurteilt. Das Urteil ist
162 Seiten lang.
Mord an Walter Sedlmayr
In einem der größten Indizienprozesse der Nachkriegszeit werden die
beiden Mörder des Volksschauspielers Walter Sedlmayr schon vier Jahre
vorher, im Jahr 1993, im Gebäude an der Nymphenburger Straße 16 zu
lebenslanger Haft verurteilt. Die Justiz sieht es damals als erwiesen
an, dass sein Ziehsohn und dessen Halbbruder, die jede Schuld
bestreiten, den damals 64 Jahre alten Sedlmayr am 14. Juli 1990 erst
gefoltert und dann mit einem Hammer aus Habgier erschlagen haben. Im
Juli 1994 wird das Urteil rechtskräftig. Im Sommer 2007 wird einer
der Männer freigelassen, im Januar 2008 der Zweite.
Mord an Rudolph Moshammer
Ein ähnlicher Fall erschüttert die Münchner Promi-Welt Jahre später
:
Im Januar 2005 wird der Modeguru Rudolph Moshammer in seinem Haus
ermordet - von einem jungen Iraker, den er kurz vorher mit seinem
Rolls Royce im Bahnhofsviertel aufgelesen hat, um ihn für Sex zu
bezahlen. Noch im gleichen Jahr wird der Mann, der gestanden hat, den
64-Jährigen umgebracht zu haben, zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf
der Richterbank sitzt damals Richter Manfred Götzl, der später eines
der wohl größten Verfahren führen wird, das an der Nymphenburger
Straße je verhandelt worden ist.
Der NSU-Prozess
Mehr als fünf Jahre und über 400 Verhandlungstage dauert es, bis
Götzl als Vorsitzender des zuständigen Senats am Oberlandesgericht
(OLG) München die Rechtsterroristin Beate Zschäpe im Juli 2018 nach
einem international vielbeachteten Mammutprozess als Mittäterin an
den Morden der Terrorzelle NSU zu lebenslanger Haft verurteilt. Im
Münchner Prozess werden außerdem noch zwei Mitangeklagte wegen
Beihilfe und zwei weitere Männer als Unterstützer verurteilt.
Prozess gegen John Demjanjuk
Um Nazi-Ideologie ging es auch im Prozess gegen den früheren
KZ-Wachmann John Demjanjuk vor dem Landgericht München I. Der
91-jährige gebürtige Ukrainer stirbt 2012 in einem bayerischen
Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als
Holocaust-Mittäter. Er war im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord an
mehr als 28.000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt
worden. Das Urteil wird nie rechtskräftig, weil Demjanjuk 2012
stirbt, bevor über die von Verteidigung und Staatsanwaltschaft
beantragte Revision entschieden wird.
Promis auf der Anklagebank
Eine Tennis-Legende, ein Formel-1-Funktionär, Star-Koch Alfons
Schuhbeck - und immer wieder Fußball-Stars wie Jérôme Boateng oder
Jens Lehmann: Das Münchner Strafjustizzentrum hat zahlreiche berühmte
Angeklagte gesehen.
Zu Unrecht, wie sich später herausstelle, wurde der Schauspieler
Günther Kaufmann im Jahr 2002 nach dem Tod eines befreundeten
Steuerberaters verurteilt. 15 Jahre verhängte das Gericht wegen
räuberischer Erpressung mit Todesfolge - weil Kaufmann ein falsches
Geständnis abgelegt hatte, um seine Frau zu schützen. Erst nach
Jahren im Gefängnis kam er auf freien Fuß.
Der Freispruch von Manfred Genditzki
Zu Unrecht saß auch Manfred Genditzki in Haft - und zwar noch
deutlich länger als Kaufmann, nämlich mehr als 13 Jahre lang. 1,3
Millionen Euro Entschädigung hat er inzwischen bekommen, weil er für
einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, den es wohl nie
gegeben hat.
Die Ermittler hatten ihm vorgeworden, eine alte Frau in ihrer
Badewanne getötet zu haben, weil er an ihr Geld wollte. Als er nach
jahrelangem Kampf und neuen Gutachten im Sommer 2023 in seinem
Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde, hatte selbst die
Richterin Tränen in den Augen.
Der legendäre A 101
Viele dieser großen Verfahren - wie der Freispruch von Genditzki und
der NSU-Prozess - fanden im größten Saal des Gebäudes, dem legendär
en
A 101 statt.
«Der A 101 ist sicherlich keine Schönheit. Bei so manchem langen
Sitzungstag am Schwurgericht habe vermutlich nicht nur ich mir ein
wenig Tageslicht gewünscht», sagt Gerichtssprecher Laurent Lafleur.
Dank des Saals hätten auch große Verfahren «mitten in der Stadt»
verhandelt und die Strafjustiz so für die Bevölkerung erfahrbar
gemacht werden können. «Trotzdem werde ich die Farbwahl der
Innenausstattung, die ich als Staatsanwalt, Richter und
Pressesprecher über viele hundert Stunden erleben durfte, nicht
vermissen.»
Bis Ende Juni soll das Gebäude noch in Betrieb sein, ab dann wird
nicht mehr ganz so zentral verhandelt - im an diesem Montag
eingeweihten neuen Münchner Strafjustizzentrum unterhalb des
Olympiaparks.
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