Scheidende NRW-Opferbeauftragte mag keine True-Crime-Formate
Was passiert, wenn Opfer ihr eigenes Leid als reißerische TV-Story
wiederentdecken? Die ehemalige Opferbeauftragte NRW spricht Klartext
über Grenzen und Verantwortung der Medien.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Die scheidende nordrhein-westfälische
Opferbeauftragte Barbara Havliza hat in drei Amtsjahren sowie mehr
als 30 Jahren als Richterin viel Leid erlebt und lehnt reißerische
True-Crime-Formate ab. Viele Betroffene seien entsetzt, wenn sie sich
selbst in solchen Geschichten wiederfänden, sagte die 68-Jährige bei
ihrer offiziellen Verabschiedung in Düsseldorf.
«Sie erleben dann alles noch mal und es wird alles wieder
hochgeholt», sagte die ehemalige niedersächsische Justizministerin.
«Das ist ganz schwierig für Opfer, die schlimme Sachen erlebt haben.»
Deswegen könne sie nur Zurückhaltung anmahnen.
Öffentlichkeitswirksame Obduktionen - «eine Grenzüberschreitung»
Überschritten werde die Grenze bei Formaten, bei denen es lediglich
darum gehe, nach dem Motto «Das ist jetzt was Echtes» das Krimi-Genre
zu bedienen, kritisierte Havliza. «Und das triggert die Betroffenen
und Angehörigen, wenn es Tötungsdelikte waren», betonte die erfahrene
Juristin. «Stellen Sie sich mal vor, einer aus Ihrem Familienkreis
wäre ermordet worden und Sie fänden das fünf Jahre später als
True-Crime-Story reißerisch aufgemacht im Fernsehen wieder.»
Eine Grenzüberschreitung sei es auch, wenn Rechtsmediziner sehr
öffentlichkeitswirksam Obduktionen in den Medien vorführten. «Ich
weiß nicht, ob man sich keine Gedanken darüber macht, was man damit
anrichtet bei denen, die es angeht», wunderte sich Havliza.
Kein Problem mit «Aktenzeichen XY...ungelöst»
Auf die Fernsehsendung «Aktenzeichen XY...ungelöst» ließ die
gebürtige Dortmunderin hingegen nichts kommen. Das sei «ein
Klassiker», sagte Havliza. «Das ist kein True Crime, das ist ja im
Grunde nur eine öffentliche Fahndung.»
Stabwechsel: Die neue Frau im Amt kommt aus Siegen
Havliza war seit März 2023 Opferbeauftragte in NRW und ist Mitte
April abgelöst worden von der langjährigen Siegener
Landgerichtspräsidentin Dagmar Schulze-Lange. NRW hatte Ende 2017
eine hauptamtliche Institution für die Anliegen von Opfern von
Straftaten geschaffen und das Amt 2022 im Opferbeauftragtengesetz
auch rechtlich verankert.
Die beauftragte Person ist unabhängig, nur dem Gesetz unterworfen und
mit weitreichenden Auskunftsrechten ausgestattet. Die Dienststelle
fungiert als zentrale Lotseninstanz, die Betroffene von Gewalttaten
und deren Angehörige an spezialisierte Hilfseinrichtungen vermittelt,
Kooperation zwischen Opferhilfeorganisationen koordiniert und bei
Großschadensereignissen das psychosoziale Krisenmanagement des Landes
steuert - etwa beim islamistisch motivierten Terroranschlag von
Solingen im Sommer 2024.
Bürgerinnen und Bürger erreichen die Opferbeauftragte unter der
Hotline-Nummer 0800 3345667 oder per E-Mail unter
poststelle@opferbeauftragte.nrw.de.
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