Einfallstor Hafen - Den Drogen auf der Spur Von Mirjam Uhrich und Sina Schuldt , dpa

Zwischen Bananen, unter doppelten Böden oder in präparierter Ware:
Wie Kriminelle Drogen nach Deutschland schmuggeln - und der Zoll
ihnen auf die Schliche kommt.

Bremerhaven (dpa/lni) - Was verbirgt sich in den Containern: Wirklich
nur Medikamente oder doch Kokain? Lia schnüffelt an einer
silberfarbenen Metallbox, mit der Luft aus dem Inneren der Container
abgesaugt wird. Plötzlich verharrt die Hündin wie eingefroren - und
schlägt so Alarm.

Hafen als Einfallstor für Drogenschmuggel

Diesmal waren es nur zwei Wattepads mit Spuren von Kokain, die ein
Zoll-Mitarbeiter als Test in die Metallbox gepackt hat. Doch oft
stoßen die Einsatzkräfte tatsächlich auf Kokain oder Marihuana. «De
r
Hafen ist ein Einfallstor für den Drogenschmuggel nach Europa», sagt
Volker von Maurich vom Hauptzollamt Bremen. 

Rund eine Tonne Kokain stellt der Bremerhavener Zoll Jahr für Jahr im
Hafen sicher - mal auch deutlich weniger, mal dafür mehr. «Das war
vor 2017 eine undenkbar hohe Menge und ist jetzt fast schon zur
Normalität geworden», sagt von Maurich. Inzwischen werde deutlich
mehr Kokain produziert und mit Schiffen hierher geschmuggelt. 

Erneut große Drogenfunde 2025

Etwa 70 Prozent des Kokains in Europa kommt nach Schätzungen in den
Häfen an. Versteckt in der Kühlung von Containern, zwischen Bananen
oder in Hohlräumen von Schiffen unterhalb der Wasserlinie. Das weiße
Pulver wird so aus Südamerika - insbesondere aus Ländern wie
Kolumbien, Peru oder Brasilien - bis nach Antwerpen, Rotterdam,
Hamburg oder Bremerhaven transportiert. 

An dem Bremer Tiefwasserhafen waren es im vergangenen Jahr 1,5 Tonnen
Kokain, die der Zoll entdeckte - vor allem wegen eines Großfundes im
Sommer. 1,1 Tonnen Kokain waren da in einem Seecontainer zwischen
Kaffee versteckt. Nach Zollangaben wurde seit 2017 in fünf Jahren
jeweils mehr als eine Tonne der Droge gefunden. Im vergangenen Jahr
kamen dazu zudem 447 Kilogramm Marihuana.

Wie die Beamten die Container auswählen

Wie viele Drogen tatsächlich über die Häfen nach Europa kommen, wei
ß
niemand so genau. Die Einsatzkräfte können nur Stichproben machen.
Noch bevor die Schiffe im Hafen festmachen, wählen sie besonders
verdächtige Container aus. «Wir schauen uns an: Wo kommt der
Container her?», erklärt von Maurich. Ins Visier geraten vor allem
Waren aus Südamerika. 

Nach welchen Kriterien der Zoll am Ende entscheidet, verrät er nicht.
Nur so viel: Die Auswahl der Container basiert auf Vorschlägen eines
technischen Systems und auf der Erfahrung der Beamten. Bei aller
Routine sei es wichtig, immer wieder zu variieren. «Es darf nicht zu
eingefahren sein», meint der Sprecher des Hauptzollamts Bremen.
Ansonsten könnten die Kriminellen ihre Methoden darauf abstimmen.
Manchmal bekommt der Zoll aber auch anonyme Tipps aus der Szene.

Wettrennen mit den Schmugglern

Wenn die Container im Hafen sind, muss es schnell gehen. Die Beamten
liefern sich ein Wettrennen mit den Kriminellen, die den Drogen auf
der Spur sind. «Es ist unsere Aufgabe, schneller zu sein», sagt
Volker von Maurich. Mit Leiter, Akkuschrauber und Taschenlampe machen
sich die Beamten ans Werk, schrauben die Abdeckung der Kühlung auf
und suchen nach Kokain.

Dann brechen sie den Container mit einer Zange auf - doch auch hier
nichts Verdächtiges. «Man muss manchmal schon lange suchen, um Erfolg
zu haben», räumt Volker von Maurich ein. «Es kann tatsächlich sein,

dass man monatelang nichts findet.»

Wo die Drogen versteckt sind

Die Kriminellen arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Kokain wird
oft nach dem sogenannten Rip-on/Rip-off-Verfahren geschmuggelt:
Drogenkartelle verstecken die Ware dafür direkt hinter der Tür eines
Containers oder auf der Rückseite bei den Kühlaggregaten. So können
Helfer, meist Mitarbeiter im Zielhafen, die Drogen schnell an sich
nehmen. 

Die Hafenarbeiter werden dafür gezielt von den Kartellen
angesprochen. Der Zoll warnt davor, sich auf die kriminellen
Machenschaften einzulassen. Beim ersten Mal gebe es viel Geld, doch
dann haben die Kriminellen einen in der Hand. «Diese Täter sind ja
nicht zimperlich», betont von Maurich. «Sie wissen, wo jemand seine
Schwachstelle hat. Und das kann auch im familiären Umfeld sein.»

Wenn die Drogen erst außerhalb des Hafengeländes abgeholt werden
sollen, werden sie von den Kriminellen besser versteckt - etwa in
einem doppelten Boden des Containers oder die Waren im Container
werden entsprechend präpariert. So entdeckte der Zoll Bremerhaven vor
paar Jahren mehr als eine Tonne Kokain in einem Hohlraum von
Rigipsplatten. 

Wie Container geröntgt werden

Solche Verstecke sind mit bloßem Auge nicht erkennbar. Wenn der Zoll
einen Verdacht hegt, wird der Container geröntgt. Dafür fährt ein
spezieller Lastwagen mit einem ausgefahrenen Arm im Schritttempo am
Container entlang. «Verglichen mit den Röntgenbildern beim Arzt ist
die Strahlung deutlich höher und gesundheitsschädlich», sagt ein
Mitarbeiter der Abteilung. 

Die Bilder ploppen wenige Sekunden später auf den Bildschirmen des
Zolls auf und sind für Laien ähnlich kryptisch wie Röntgenaufnahmen
beim Arzt. «Man muss auch ein bisschen Vorstellungskraft haben: Wie
sieht eigentlich die Ware aus?», meint der Zoll-Mitarbeiter. 

Das Team sucht nicht nur nach Drogen, sondern auch nach
unversteuerten oder verbotenen Waren wie Waffen. Dabei kommen
erstaunliche Funde zutage wie etwa ein versteckter Panzer in einem
privaten Umzugscontainer. 

Wenn es brenzlig wird

Wenn die Beamten auf eine größere Menge Drogen stoßen, wird es
brenzlig. «Wir wissen, dass wir beobachtet werden bei unserem Tun»,
sagt von Maurich. Je größer der Fund ist, desto größer ist auch
dessen Wert - und das Interesse der Kriminellen, die Ware wieder an
sich zu reißen. Die Einsatzkräfte rufen dann sofort nach Verstärkung.

«Klassischerweise sind die Kollegen mit einer Pistole ausgerüstet»,
sagt der Sprecher. «Aber in solchen Einsatzlagen haben wir dann auch
eine Maschinenpistole dabei.»

Die Ermittlungen übernimmt die Zollfahndung in Hamburg. Die
sichergestellten Drogen seien ein wichtiges Beweismittel, sagt von
Maurich. «Wenn das Verfahren beendet ist, dann wird das
Betäubungsmittel vernichtet.»

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