Medizin-Roboter: Wenn Hugo und DaVinci am OP-Tisch agieren Von Robert Michael und Jörg Schurig , dpa
Der Einsatz von Robotern in der Medizin ist keine Science Fiction,
sondern inzwischen Alltag bei Operationen. Für Patienten und Ärzte
hat das Vorteile. Oft ist damit eine schnellere Genesung möglich.
Dresden (dpa/sn) - Als er gehört habe, dass er mit Hilfe eines
Roboters operiert werde, sei das für ihn sehr beruhigend gewesen,
sagt Gerd Grötzschel. «Ich bin von Beruf Musiker und weiß, wie
schnell es geht, einen Millimeter danebenzuliegen zwischen dem, was
man möchte, und dem, was geschieht.» Da reiche ein Zucken im Arm oder
ein Niesreiz aus, um abzuweichen.
Grötzschel hat mehr als 30 Jahre als Solo-Bratscher im
HR-Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks gespielt. Trotz
Ruhestands musiziert er bis heute als Gast im Beethoven-Orchester der
Stadt Bonn. Sachsen ist inzwischen wieder seine Heimat. Deshalb hat
er sich wegen eines Prostatakarzinoms auch am Dresdner
Universitätsklinikum in die Hände der Spezialisten um Christian
Thomas begeben. Der Professor leitet hier die Klinik und Poliklinik
für Urologie.
Seit 20 Jahren OP-Roboter in der Urologie in Dresden im Einsatz
Seit 20 Jahren sind hier Robotik-Systeme am OP-Tisch im Einsatz.
Dresden war damals bundesweit eine der ersten Unikliniken. Mehr als
4.100 Operationen stehen hier bislang zu Buche.
Anfangs war es nur ein Robotik-System namens DaVinci. 2023 kam Hugo
dazu. Die Nutzung von zwei Varianten gibt die Chance, beide Systeme
unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu vergleichen und steigert
zugleich die Attraktivität der Uniklinik als Ausbildungsort.
Der Mensch bleibt trotz OP-Roboter am Hebel
Für Experten wie Christian Thomas steht fest, dass Roboter die
Zukunft bei Operationen bedeuteten. Natürlich bleibt immer der Mensch
im eigentlichen Sinne des Wortes am Hebel, der Roboter unterstützt
lediglich. Er ermöglicht aber auch präzises Operieren auf kleinstem
Raum.
Am meisten werden sie heute bei der Teilentfernung der Niere und bei
der kompletten Resektion der Prostata verwendet. Letztere war lange
Zeit eine Domäne der «offenen Operationstechnik» - also der
konventionellen Chirurgie mit Hautschnitt. Inzwischen werden schon
mehr als 95 Prozent der sogenannten Prostatektomien am Uniklinikum
Dresden mit Robotern bewältigt.
Trotz aller Vorteile der Robotik sei es wichtig, auch die «offene
Operationstechnik» zu beherrschen, sagt der 49 Jahre alte Professor.
«Allerdings gibt es einige Eingriffe, die zunehmend robotisch
erfolgen. Hier wird die offen-operative Ausbildung des Nachwuchses
zunehmend schwierig.»
Dennoch würden beide operative Verfahren auch fortan eine Rolle
spielen. «Am Ende ist es wichtig, dass der Patient entsprechend
seiner Vorerkrankungen und Voroperationen gut und risikoarm operiert
wird. Da ist manchmal die offene Operation zu präferieren.»
Operative Robotik ist schonendes Verfahren
Neben der hohen Präzision hat die operative Robotik noch einen
weiteren großen Vorteil: Sie garantiert ein schonendes Verfahren, die
Patienten können sich wegen der minimalinvasiven Methode ziemlich
schnell wieder erholen. Auch bei Gerd Grötzschel war das so. Seine OP
fand Ende Januar statt. Inklusive Reha sei er sechs Wochen «außer
Betrieb» gewesen, sagt der Musiker. «Mir geht es hervorragend. Ich
sitze wieder im Orchester und mache Musik.»
Für ihn sei entscheidend gewesen, den Krebs zu besiegen, betont
Grötzschel. Zudem habe ihn die Befürchtung geplagt, ein
Kontinenzproblem zu bekommen. Für einen Musiker, der bei
Sinfoniekonzerten lange Zeit an seinem Pult sitzen muss, eine
Horrorvorstellung. Zehn Jahre zuvor hatte er sich schon einmal eine
gutartige Vergrößerung der Prostata entfernen lassen. «Ich wollte
immer nur in den Orchestergraben oder auf die Bühne zurück.»
«In keiner anderen medizinischen Fachrichtung ist die Robotik derart
fest implementiert wie in der Urologie», berichtet Professor Thomas.
Der hohe Bedarf lasse sich auch an den Fallzahlen verdeutlichen. In
Deutschland erfolgten jedes Jahr rund 25.000 radikale
Prostatektomien, also die vollständige chirurgische Entfernung der
Prostata. In etwa einem Viertel aller Fälle komme der Tumor wieder,
75 Prozent der Patienten seien dauerhaft geheilt.
Ergonomisches Arbeiten für den Operateur
Thomas sieht in den Robotern auch einen Vorteil in eigener Sache -
die Ergonomie. «Man sitzt angenehm», bringt er die «Haltungsnote» a
uf
den Punkt. Denn wenn man von morgens bis abends am OP-Tisch stehe,
hinterlasse das im Nacken und anderswo schon Spuren. Das Einzige, was
der Roboter bisher noch nicht könne, sei das «taktile Feedback» -
etwa das Gefühl für Druck oder Widerstand. «Wenn ich mit dem Roboter
greife, spüre ich nicht, ob es weich oder hart ist.» Deshalb sei
trotz Hightech viel Erfahrung nötig.
Uniklinik Dresden will Zentrum für operative Robotik etablieren
«Die Medizin der Zukunft ist maßgeblich bestimmt vom Einfluss der
Digitalisierung und von operativer Robotik», sagte Uwe Platzbecker,
Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Durch die
Etablierung eines Zentrums für operative Robotik noch in diesem Jahr
wolle man dem gerecht werden und eine noch intensivere Verschmelzung
zwischen den verschiedenen Fachbereichen, die damit arbeiten, sowie
der Wissenschaft erreichen.
Chemnitz knackt die Marke von 1.000 Robotik-Operationen
Auch anderswo sind Roboter-Assistenten bei Operationen nicht mehr
wegzudenken. Das Klinikum Chemnitz hat unlängst die Marke von 1.000
Operationen mit dem System Versius überschritten. Beim
«Jubiläumseingriff» wurde eine Ektomie zur Behandlung von
Speiseröhrenkrebs vorgenommen. «Im Gegensatz zu konventionellen
Robotersystemen besteht Versius aus mobilen Einheiten und kann damit
noch flexibler bei einer Vielzahl von chirurgischen Eingriffen zum
Wohl der Patienten eingesetzt werden», hieß es.
«Die Marke von 1.000 robotischen Operationen am Klinikum ist für uns
erst der Anfang. Die Zukunft liegt in der Symbiose aus menschlicher
Erfahrung und technologischer Präzision», sagt Yusef Moulla,
kommissarischer Chefarzt der Klinik für Allgemein- und
Viszeralchirurgie. Als Referenzzentrum werde man das erworbene Wissen
weitergeben und Chirurgen aus ganz Europa in Chemnitz ausbilden.
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