Merkels Krisenmanager für bessere Pandemie-Vorsorge
Was kann Deutschland aus der Corona-Pandemie lernen? Ein damals
Verantwortlicher verteidigt die umstrittenen Lockdown-Maßnahmen - und
will für die Zukunft mehr Akzeptanz erreichen.
Berlin (dpa) - Der frühere Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU)
fordert eine stärkere Rolle des Bundes für den Fall einer künftigen
Pandemie. Während der Corona-Pandemie habe es durch die föderale
Zuständigkeitsverteilung «die unterschiedlichsten Regelungen» in den
Bundesländern gegeben, sagte der heutige Präsident der Universität
Lübeck vor der Corona-Enquete-Kommission des Bundestags. Dies sei «in
der Sache schwierig» gewesen und habe in der Bevölkerung zu
Verwirrung geführt. Deshalb solle im Pandemiefall «die Verantwortung
des Bundes» gestärkt werden.
Auf diese Weise solle ab einem bestimmten Ausbruchsgeschehen die
Pandemiebekämpfung verbessert und das Gerechtigkeitsempfinden der
Bürgerinnen und Bürger gestärkt werden, sagte Braun. Dies kann nach
seiner Ansicht in einem künftigen Pandemiefall dafür sorgen, dass
getroffene Maßnahmen von der Bevölkerung besser «verstanden und
akzeptiert» werden.
Der Narkosearzt aus Hessen war als Kanzleramtsminister im Kabinett
der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) federführend am
Corona-Krisenmanagement des Bundes beteiligt, bis die Regierung 2021
von der Ampel-Koalition abgelöst wurde. Wichtige Entscheidungen
wurden damals in Spitzenrunden von Bund und Ländern getroffen.
«Massive Notlage»
Mit Blick auf «die massive Notlage» bei Schutzmasken und -ausrüstung
zu Pandemiebeginn sprach sich Braun zudem für mehr Vorsorge aus.
Inzwischen hätten verschiedene Bundesländer die Leistungserbringer,
also etwa Krankenhäuser, verpflichtet, Vorsorge für ihren eigenen
Bedarf zu decken. Dies reiche aber nicht aus, um im Pandemiefall den
Bedarf in der Bevölkerung insgesamt zu decken. «Ich glaube, dass das
System insgesamt mit überschaubaren Kosten in der Lage wäre, eine
stärkere Pufferfunktion wahrzunehmen.»
Zu Beginn der Pandemie habe man beruhigt denken können, Deutschland
sei wegen vorhandener Pandemieplänen gut vorbereitet. Dann «stellt
man fest, dass mancher Pandemieplan den Namen nicht wirklich
verdient», da er nur für kleinräumiges Geschehen passend gewesen sei.
Braun: «Das ist etwas, was nachbearbeitet werden muss.»
«Viele Unsicherheiten»
Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, erinnerte an
die «vielen Unsicherheiten» zu Pandemiebeginn. Zunächst sei der
Erreger noch unbekannt gewesen. Bevor es 2021 auf breiter Basis
Impfungen gegeben habe, seien die «einzig verfügbaren Maßnahmen» zu
r
Eindämmung des Virus verschiedene Schutzvorkehrungen gewesen.
Kritikerinnen und Kritiker des damaligen Anti-Corona-Kurses von Bund
und Ländern nehmen vor allem am Umfang dieser Maßnahmen Anstoß. Hier
geht es um Maskenpflichten, Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen,
Schulschließungen und Hygienevorschriften.
Braun verteidigte diese teils umstrittenen Schritte unter den
damaligen Umständen als «angemessen und verantwortungsvoll». In der
Wissenschaft werden diese Maßnahmen NPIs genannt (non-pharmaceutical
Interventions, also nicht-pharmazeutische Interventionen). «NPIs
können Leben schützen, sie können aber auch Schaden verursachen»,
stellte die Münchener Professorin für öffentliche Gesundheit, Eva
Annette Rehfuess, fest.
Expertin fordert mehr Forschung
Nötig ist nach Ansicht der Expertin mehr Forschung zu solchen
Maßnahmen. «Auch in einer nächsten Pandemie werden NPIs zum Einsatz
kommen», stellte Rehfuess klar. «Für einen möglichst evidenzbasiert
en
Umgang mit NPIs müssen wir uns jetzt möglichst gut rüsten.»
Nur bedingt sinnvoll sei es, «rückblickend nach der Wirksamkeit
einzelner Maßnahmen in bestimmten Situationen zu fragen». Dies ließen
vorliegende Studien nicht zu, sagte Rehfuess. Vor allem würden die
einzelnen Maßnahmen aber am besten gebündelt wirken. Die
Sachverständige plädierte dafür, Studien hierzu für die Zukunft
vorzubereiten. Vorbild könne Norwegen sein, wo ein Zentrum für
Interventionsforschung bei Epidemien gegründet worden sei.
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