Endlich Bewegung in zwei Cold Cases - Mördern auf der Spur?
Nach mehr als 40 Jahren gibt es endlich einen Verdächtigen:
DNA-Spuren rücken einen Mann in einen Mordfall im Schwäbischen in den
Fokus. Und auch zu einem Mord in Lahr gibt es nach 26 Jahren
Hoffnung.
Stuttgart (dpa/lsw) - Da verschwindet ein neun Jahre altes Mädchen,
als es an einem Automaten in Stuttgart für ihren Vater Zigaretten
holen will. Die Leiche wird später gefunden, ihr Mörder hingegen nie.
Im Schwarzwald wird eine teilweise verbrannte Frauenleiche entdeckt
und auf dem Münsterplatz liegt die verstümmelte Leiche eines Mannes.
All diese Fälle haben etwas gemeinsam: Sie gehören zu den mehr als
350 ungelösten sogenannten Cold Cases in Baden-Württemberg. Nun kann
mindestens eines dieser teils jahrzehntealten Fragezeichen womöglich
aus der Liste gestrichen werden.
Denn mehr als 40 Jahre nach dem Fund einer nackten und an den Beinen
gefesselten Frau neben einem Waldweg im schwäbischen Deggingen sitzt
ein Mann hinter Gittern, der die damals 31-Jährige aus Sicht der
Ermittler brutal ermordet haben könnte. Gegen den 70-Jährigen bestehe
der dringende Verdacht, die Frau im Februar 1985 getötet zu haben,
teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Ulm mit. Er habe damit ein
Sexualdelikt vertuschen wollen.
Mit Sonde und Spezialfahrzeug
Mit Details halten sich die Ermittler zwar noch zurück. Sicher ist
aber: In diesem Cold Case kommt der Haftbefehl nicht ganz
überraschend. Denn bereits Anfang November war das Haus des Mannes in
Schwendi (Kreis Biberach) aufwendig durchsucht und der Mann
kurzzeitig festgenommen worden. Etliche mögliche Beweismittel wurden
nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft sichergestellt und
von der Kriminalpolizei Göppingen untersucht. Die Ermittler hatten
damals unter anderem ein Spezialfahrzeug sowie eine Sonde eingesetzt,
die Hohlräume entdecken kann.
Der Mord an der Küchenhilfe hatte vor 41 Jahren für Aufsehen gesorgt.
Sie war nach Polizeiangaben durch massive Gewalt gegen den Oberkörper
und den Kopf ermordet worden. «Das Verletzungsmuster ähnelte dem
eines Überrollens mit einem Kraftfahrzeug», hieß es dazu.
Entscheidende Spur ist 40 Jahre alt
Entscheidend für die Spur zum heute 70-Jährigen dürfte eine 1985
gesicherte DNA-Spur gewesen sein. Denn: «Dass die Tötung des Opfers
im Zusammenhang mit einem Sexualdelikt steht, ist sehr
wahrscheinlich», hatte die Polizei bereits im vergangenen November
mitgeteilt.
Nun habe die Ermittlungsgruppe «Oberberg» beim Kriminalkommissariat
Göppingen die in Schwendi beschlagnahmten Asservate geprüft und
bereits vorhandene Beweismittel neu bewertet. Außerdem gebe es
Erkenntnisse aus einem rechtsmedizinischen Sachverständigengutachten.
Unklar ist noch, ob gegen den 70-Jährigen weitere Vorwürfe im Raum
stehen und ob er sich zu den bisherigen Ermittlungen und dem
Mordverdacht geäußert hat. Polizei und Staatsanwaltschaft machten
bislang auch keine Angaben dazu, ob sich Opfer und Tatverdächtiger
kannten.
Weitere Hoffnung in Lahr
Nicht der einzige Cold Case, bei dem es derzeit Bewegung gibt:
Hoffnungen macht sich auch die Kripo in einem seit mehr als einem
Vierteljahrhundert ungelösten Mordfall aus Lahr (Ortenaukreis). Im
Januar 2000 war ein 39 Jahre alter Narkosearzt tot in einem Gebüsch
aufgefunden worden - er war erwürgt worden. Der Mediziner hatte kurz
zuvor das Lahrer Herzzentrum verlassen und wollte wohl zum Bahnhof.
Doch dort kam er nie an.
Nach Angaben von Ermittlern gibt es nun einen Verdacht. Details
wurden aber nicht genannt. Überdies könne der Ablauf des Verbrechens
inzwischen besser nachgezeichnet werden, teilte die Kriminalpolizei
Offenburg mit.
In der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» sagte
Kriminaldirektor Steffen Siefert am Mittwochabend, zuletzt seien die
männlichen Mitarbeiter der Klinik ins Visier genommen worden. «Es
stehen bestimmte Personen aus dem beruflichen Umfeld des Opfers im
Fokus.» Um die Ermittlungen nicht zu beeinträchtigen, könne er aber
keine Einzelheiten nennen.
Polizei: «Täter und Opfer kannten sich»
Vor wenigen Tagen hatte die Kriminalpolizei mitgeteilt, es lägen
inzwischen neue Hinweise vor. «Es konnten DNA-Spuren extrahiert
werden, die möglicherweise vom Täter oder von dessen Umfeld stammen»,
sagte Siefert nun im ZDF.
Nach seinen Angaben haben sich zudem im vergangenen Jahr mehrere
Zeugen gemeldet und Hinweise zu dem Fall gegeben. Darunter sei auch
«eine interessante Wahrnehmung» am mutmaßlichen Tatort, dem Lahrer
Bahnhof, gewesen. «So konnten wir uns ein Bild vom Tatgeschehen
machen und das Ermittlungsverfahren jetzt nochmal neu aufrollen.» So
seien sich die Ermittler inzwischen sicher, dass Täter und Opfer sich
bereits an der Herzklinik begegnet sind. «Die Zeitläufe lassen gar
keine andere Interpretation zu», sagte Siefert.
Außerdem gehe die Polizei nicht von einer von langer Hand geplanten
Tat aus. «Es handelte sich eher um einen Streit, der eskalierte»,
sagte Siefert in der ZDF-Sendung. Laut Polizei wurde eine Belohnung
von 3.000 Euro ausgesetzt.
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