Wie Callcenter-Betrüger ihre Opfer unter Druck setzen
Kriminelle tarnen sich als weinende Angehörige oder Polizisten, ihr
Ziel: Druck erzeugen, Vernunft ausschalten - und den Opfern möglichst
viel Geld abknöpfen. Es gibt aber ein Mittel dagegen.
Hannover (dpa/lni) - Sogenannte Callcenter-Betrüger haben im
vergangenen Jahr mit gezielter Manipulation der Opfer
Millionenschäden in Niedersachsen angerichtet. Mit dem Begriff
Callcenter-Betrug fasst die Polizei Taten zusammen, die als
«Enkeltrick», «Schockanruf» und «falsche Polizeibeamte» bekannt
sind.
Dabei gehe es um kein spontanes Täuschungsdelikt, sondern einen
professionell organisierten, psychologisch gesteuerten
Manipulationsprozess, teilte das Landeskriminalamt Niedersachsen mit.
Tausende von Fällen
Laut Landeskriminalamt verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr
landesweit 1.658 Fälle, darunter waren 355 vollendete Taten - der
angerichtete Schaden lag bei knapp 8,5 Millionen Euro. Dazu kamen
6.178 Fälle mit Tatort im Ausland oder auch unbekanntem Tatort, aber
mit Opfern, die in Niedersachsen leben. 131 dieser Fälle verursachten
einen zusätzlichen Schaden von rund 2,5 Millionen Euro.
Beim Betrug am Telefon inszenieren die Täter den Angaben zufolge ein
fast perfektes Drehbuch. Binnen Sekunden entstehe eine emotionale
Ausnahmesituation - das könnten etwa Unfall, Tod, drohende Haft,
Gefahr von Kriminellen, aber auch hohe Rechnungen oder defekte Autos
und Handys des eigenen Kindes oder Enkels sein.
Professionelle Täter
Ein Mitschnitt eines Schockanrufs von 2024 zeige, wie professionell
die Täter vorgingen: Eine weinende weibliche Stimme eröffnet das
Gespräch, dann übernimmt ein vermeintlicher Polizeibeamter und
schildert einen tödlichen Verkehrsunfall. Die Tochter habe eine rote
Ampel missachtet, eine junge Mutter sei gestorben - nur mit einer
Kaution sei Haft abzuwenden.
«Bei einem Anruf mit Schockmoment wie diesem wird gezielt ein akuter
Stresszustand ausgelöst. Neuropsychologisch bedeutet das: Das Gehirn
priorisiert in Sekundenbruchteilen Schutz, Bindung und
Verantwortungsübernahme», erklärte Thorsten Garrels,
Polizeioberkommissar und Psychologe des Landeskriminalamts. Die
kritische Prüfung trete kurzfristig in den Hintergrund. «Manipulation
funktioniert hier, indem Täter emotionale Nähe herstellen,
anschließend Autorität inszenieren und schließlich massiven Zeitdruck
erzeugen.»
Experte: «Verantwortungsgefühl wird systematisch instrumentalisiert»
Häufig hielten die Täter ihre Opfer gezielt im Gespräch oder
versuchten zu verhindern, dass ein anderer Mensch einbezogen werde,
sagte er. «Diese Kombination verengt die Entscheidungsfähigkeit.
Betroffene handeln dabei nicht leichtfertig - sie handeln unter
gezielt herbeigeführtem psychologischen Druck.» Er betonte: «Gerade
Eltern oder Großeltern reagieren instinktiv, wenn sie glauben, ein
naher Angehöriger sei in Gefahr. Dieses Verantwortungsgefühl wird
systematisch instrumentalisiert.»
Die Täter arbeiten den Angaben zufolge arbeitsteilig.
«Callcenter-Agents» träten als vermeintlich betroffene Angehörige a
uf
- emotional, geradezu aufgelöst und damit glaubwürdig. Teils
übernimmt dann eine zweite Person das Gespräch, etwa als angeblicher
Polizeibeamter, Staatsanwalt oder Arzt. Weitere Beteiligte stehen als
Abholer bereit. Die Anrufe kommen oft aus dem Ausland, auf dem
Telefondisplay erscheint aber eine scheinbar authentische Nummer,
etwa die 110, wie die Behörde warnte.
Manipulationsprozess unterbrechen
Garrels erklärte: «Wenn der Zeitdruck maximal wird und sofortige
Entscheidungen eingefordert werden, ist das kein Zufall, sondern Teil
des Drehbuchs. Dazu gehört es auch, die Angerufenen zu unterbrechen,
damit sie ihren Gedanken nicht folgen können.» An diesem Punkt aber
könnten die Betroffenen eingreifen: «Wer jetzt das Gespräch bewusst
beendet, selbstständig unter bekannten Nummern zurückruft oder die
110 wählt, unterbricht den Manipulationsprozess. Mit dieser aktiven
Entscheidung holen sich Betroffene die Kontrolle zurück.»
Das Landeskriminalamt riet, bei verdächtigen Anrufen sofort
aufzulegen - oder zumindest niemals Bargeld oder Schmuck an
Unbekannte zu übergeben, auch nicht an angebliche Polizeibeamte. Auch
werde die Polizei niemals um Geld oder Wertsachen bitten. Im Zweifel
sollten die Betroffenen das Gespräch unterbrechen und die 110 wählen,
sie könnten zudem innerhalb der Familie ein Codewort für Notfälle
vereinbaren. Vor allem mit älteren Familienmitgliedern sollte offen
über diese Betrugsmaschen gesprochen werden.
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