Vom Apotheker zum Taxifahrer? Irans Wirtschaft im Krieg Von Arne Bänsch und Mathis Richtmann, dpa
Krieg, Sanktionen und eine Seeblockade: Im Iran steigen die Preise,
Medikamente fehlen, viele Menschen verlieren ihre Arbeit. In Teheran
zeigt sich, wie sehr die Krise den Alltag verändert.
Teheran (dpa) - Siamak steht in einer Apotheke im Norden von Teheran.
Viele Medikamente fehlen an diesen Tagen. Stattdessen verkauft der
Pharmazeut vor allem Seifen, Shampoos und Parfum. Die
Gesundheitsbranche steht unter Druck. Im Krieg haben Luftangriffe der
USA und Israels Teile der Pharmaindustrie im Iran zerstört. Preise
steigen, Importe bleiben aus.
«Es wird immer wieder gesagt, dass im Iran die Medikamente lokal
hergestellt werden», sagt Siamak. «Das stimmt auch - aber die
Bestandteile müssen importiert werden.» Die Apotheke sei in den
vergangenen Wochen immer mehr zu einem Drogerieladen geworden. Siamak
hat bereits seine Kündigung bekommen. Spezialisten benötige der
Besitzer bald wohl nicht mehr, sagt er.
Der Krieg hat die Wirtschaft Irans schwer getroffen. Bereits vor
Ausbruch der Kämpfe litten die Menschen im Land unter hoher Inflation
und steigenden Armutsraten. Die Proteste, die zu Beginn des Jahres
den Iran erschütterten, entzündeten sich zunächst in IT-Geschäften
in
der Hauptstadt Teheran und weiteten sich von dort aus.
Wirtschaftliche Unwuchten hatten die Händler auf die Straßen
getrieben.
Seeblockade trifft Teherans wichtigste Einnahmequelle
Irans Machtapparat ließ die Proteste brutal niederschlagen. Die Lage
beruhigte sich aber nicht. Der Konflikt mit den USA und Israel
spitzte sich zu. Dann folgten Luftangriffe auf das Land. Inzwischen
gilt eine fragile Feuerpause. Die Sorgen um die Zukunft bleiben aber.
Fast täglich berichten Menschen von drastischen Preiserhöhungen.
Unterdessen haben die USA eine Seeblockade verhängt, die den Ölexport
trifft - Irans wichtigste Einnahmequelle.
Genaue Daten über die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind im
Iran schwer zu bekommen. Manchmal werden offizielle Daten
veröffentlicht, die dann von Regierungsseite zurückgenommen werden.
Vieles deutet darauf hin, dass die Führung in Teheran das Ausmaß der
Krise klein hält. Auch die Furcht vor neuem Unmut in der Bevölkerung
dürfte dabei eine Rolle spielen.
Wie umkämpft die Deutung ist, zeigte sich Anfang der Woche. Die auf
Wirtschaft spezialisierte iranische Nachrichtenagentur Ilna
berichtete über widersprüchliche Angaben zur Arbeitslosigkeit. Im
Raum stehen Zahlen zwischen 100.000 und 500.000 Anträgen auf
Arbeitslosenhilfe. Doch selbst diese Daten dürften das tatsächliche
Ausmaß unterschätzen. Viele arbeiten ohne festen Vertrag. Sie haben
keinen Anspruch auf Unterstützung.
UN-Bericht warnt vor sozialem Abstieg für viele Familien
Laut einem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms UNDP sind rund 39
Prozent der Beschäftigten informell tätig. Im schlimmsten Fall
könnten bis zu 41 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze von
8,30 US-Dollar pro Tag fallen. Die Schätzungen stammen noch aus einem
Zeitraum, bevor die US-Seeblockade sich gegen die Öleinnahmen des
Landes richtete.
Die Folgen sind im Alltag längst sichtbar. Iranische
Nachrichtenportale berichten, dass immer mehr Menschen Arbeit in
einfachen Dienstleistungsjobs suchen. Etwa in der Reinigung oder
Gastronomie gebe es einem sprunghaften Anstieg der Arbeitsangebote,
auch unter Älteren und Männern, die zuvor in anderen Berufen
gearbeitet haben. Selbst Besitzer teurer Autos und SUVs fahren
inzwischen für Taxi-Apps.
Märkte sind voll, aber gekauft wird kaum
Der Tadschrisch-Basar im Norden Teherans ist wie immer voll. Menschen
drängen sich durch die engen Gassen, bleiben stehen, schauen. Doch
gekauft wird kaum etwas. Wenn, dann eher bei den Straßenhändlern, die
sich zwischen den festen Läden ausbreiten. Kontrollen gibt es in
diesen Wochen seltener. Selbst Obst und Gemüse, früher kiloweise
gekauft, wird nun einzeln begutachtet. Gurken, Tomaten, etwas Salat -
mehr passt oft nicht ins Budget.
Apotheker Siamak ist wütend auf alle Seiten. «Die Amerikaner müssen
wissen, dass es hier um Menschen und ihre Gesundheit geht, nicht um
Politik», sagt er. «Und das Regime muss verstehen, dass politische
Unabhängigkeit mit kranken Menschen nicht funktioniert.»
Einwohner in Teheran erzählen, das Gesundheitssystem sei zu einem der
größten Problemfälle im Land geworden. Es funktioniert noch, aber zu
einem Preis, den sich viele nicht mehr leisten können.
Laboruntersuchungen, Röntgen, Operationen - für viele ist das
unbezahlbar geworden. Gleichzeitig gerät das Versicherungssystem an
seine Grenzen. Es greift meist nur in staatlichen Krankenhäusern, die
überfüllt sind.
«In der Zwischenzeit werde ich wohl Taxi fahren»
Fachärzte verlassen das Land seit Jahren, ebenso wie viele
Pflegekräfte. Vor allem die Golfstaaten locken mit besseren Gehältern
und Perspektiven. Nach den iranischen Angriffen sind die politischen
Spannungen in der Region jedoch gewachsen. Für viele ist Auswandern
keine Option mehr.
Auch Siamak hat mit dem Gedanken gespielt. Hoffnung macht er sich
aber nicht. «Ich muss den Kunden erklären, wie sie die Medikamente
nehmen sollen», sagt er. «Das kann ich nur in meiner Muttersprache.»
In seiner Branche herrsche Verzweiflung. Immerhin habe er ein Auto.
«In der Zwischenzeit werde ich wohl Taxi fahren.»
Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK
Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.
hkk: Günstigste Krankenkasse
In drei Minuten in die hkk wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der hkk. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.