Curevac-Gründer erbost: Hat Biontech getäuscht?

Nach der Übernahme des Rivalen Curevac will Biontech Standorte
schließen. In Tübingen stehen Hunderte Jobs auf dem Spiel.
Curevac-Gründer Hoerr erhebt schwere Vorwürfe - und spricht von
Täuschung.

Tübingen/Mainz (dpa/lsw) - Wenige Monate nach der Übernahme von
Curevac durch Biontech steht das Biotech-Unternehmen vor einer
ungewissen Zukunft. Der neue Eigentümer will den Hauptsitz in
Tübingen schließen - mehr als 800 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr erhebt nun schwere Vorwürfe und wirft
den Mainzern Täuschung vor. 

«Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei meiner
Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass
die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames,
starkes Unternehmen wird», sagte Hoerr der Deutschen Presse-Agentur. 

«Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen»

Es war Hoerr zufolge vereinbart worden, ein gemeinsames Unternehmen
zu schaffen, das sich gegenseitig befruchtet. «Und das wurde jetzt
über den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht
worden. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.»

Der Biologe vermutet, dass Biontech mit dem Vorgehen
Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen will. «Die Investoren haben
sich mit Versprechungen einlullen lassen. Das könnte Biontechs
Strategie von Anfang an gewesen sein». Biontech äußerte sich zunäch
st
nicht zu den Vorwürfen.

Zuvor hatte bereits der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer
(parteilos) die Pläne scharf kritisiert: «Ich erwarte von Biontech,
dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft
über Alternativen verhandelt wurde. Erst kaufen, dann killen, das
geht so nicht». Curevac sei in Tübingen entstanden - aus der
Universität, aus der Arbeit von Pionieren wie Ingmar Hoerr und
Hans-Georg Rammensee. «Hier standen Wissenschaftlerinnen,
Wissenschaftler und Beschäftigte für eine Idee, die die Medizin
weltweit verändert hat. Dieses Erbe darf nicht abgewickelt werden»,
teilte Palmer mit. 

Biontech schließt mehrere Standorte

Biontech hatte den früheren Konkurrenten im Januar vollständig
übernommen. Die Mainzer wollten sich mit dem Deal mehr Wissen für den
Weg zu Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten
ins Haus holen. Damals hieß es, dass der Forschungs- und
Entwicklungsstandort von Curevac in der württembergischen
Universitätsstadt erhalten bleiben soll. 

Wie seit Dienstag bekannt ist, will das Biontech-Management nun aber
mehrere Standorte schließen - darunter auch Einrichtungen von
Curevac. Nach Angaben des Unternehmens sind rund 820 frühere
Curevac-Beschäftigte betroffen. Der Tübinger Standort soll bis Ende
2027 aufgegeben werden. 

Begründet werden die Pläne mit einer zu geringen Auslastung,
Überkapazitäten und Kostensenkungen. Ebenfalls geschlossen werden
sollen Produktionsstätten von Biontech in Idar-Oberstein, Marburg und
Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Stellen von den Plänen
betroffen sein, hieß es.

Gewerkschaft vermutet Trickserei wegen Patentstreit 

Auch die Pharma- und Biotech-Gewerkschaft IGBCE kritisierte die Pläne
als gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit und Frontalangriff auf
die Beschäftigten. «Im Konzern haben offenbar endgültig die
Rechenschieber das Regiment übernommen», sagte der Leiter des
IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. «Aus
kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal
Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des
Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.» 

Für die Beschäftigten bei Curevac in Tübingen bedeute die Schließun
g
ihres Standorts einen tiefen Einschnitt. «Curevac war bereits in den
vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark
gebeutelt», sagte Catharina Clay, IGBCE-Landesbezirksleiterin in
Baden-Württemberg. «Der Kauf durch Biontech wirkt vor diesem
Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten
auf Kosten der Beschäftigten.»

Weltweiter Erfolg in der Corona-Pandemie

Biontech entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere
Krankheiten. Auch Curevac forscht seit Jahren an der
mRNA-Technologie. Die Tübinger galten einst neben Biontech und
anderen als Hoffnungsträger bei der Entwicklung eines
Corona-Impfstoffs. Beide lieferten sich nach Beginn der Pandemie ein
Kopf-an-Kopf-Rennen.

Doch anders als die Mainzer, die gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer
die erste Marktzulassung für ein Vakzin bekamen und so
Milliardengewinne erwirtschafteten, hatte Curevac Probleme: Die
Schwaben zogen ihren ersten Impfstoffkandidaten wegen einer
vergleichsweise geringen Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren
zurück, in der Folge gab es auch Patentstreitigkeiten zwischen
Curevac und Biontech. 

Letztlich strichen die Tübinger mehrere Hundert Stellen und
konzentrierten sich auf die Forschung. «Jetzt wird skrupellos
Produktion geopfert, um die Aktionäre zu beeindrucken», teilte
IGBCE-Vertreter Strasser mit. Gleichzeitig kündigt die ein
milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm an. «Dass muss den
Beschäftigten wie Hohn vorkommen.»

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