Wie gefährlich ist das Hantavirus auf einem Kreuzfahrschiff? Von Simone Humml, dpa
Auf einem Kreuzfahrtschiff wurde das Hantavirus festgestellt. Was das
für Passagiere bedeutet und wie Experten das Infektionsrisiko
bewerten.
Berlin (dpa) - Auf einem kleinen niederländischen Kreuzfahrtschiff
ist das Hantavirus aufgetreten. Die «Hondius» war in Argentinien zu
einer Atlantik-Kreuzfahrt aufgebrochen. Wie gefährlich ist das Virus?
Was unterscheidet das aufgetretene Andesvirus von unseren Hantaviren?
Es gibt mehrere Typen von Hantaviren, auch in Deutschland. Sie werden
meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren
kontaminiert ist. Ein großer Teil der Hantavirus-Infektionen in
Deutschland verläuft laut Robert Koch-Institut (RKI) symptomlos oder
mit unspezifischen Symptomen. Die Viren können aber auch mit
Blutungen einhergehendes Fieber und Nierenschäden auslösen.
Eine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe es bei den meisten
Hantaviren nicht, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. «Eine
wichtige Ausnahme ist jedoch das südamerikanische Andesvirus. Für
dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem
Kontakt beschrieben.»
Es gehört zu einer Gruppe von Hantaviren, deren Infektion etwa zu
Übelkeit, Erbrechen, Husten und einer Lungenerkrankung führen kann.
Hantavirus-Infektionen haben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO)
in Asien und Europa eine Sterblichkeit von unter 1 bis 15 Prozent, in
Amerika jedoch von bis zu 50 Prozent.
Die Zahl der bundesweit übermittelten Hantavirus-Erkrankungen
variiert laut RKI von Jahr zu Jahr sehr stark. Die durchschnittliche
jährliche Zahl der Neuerkrankungen lag demnach zwischen 2010 und 2019
bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner - 0,2 für 2013 und 3,5 für
2012.
Wie groß ist das Risiko, dass sich weitere Leute infiziert haben?
Es sei durchaus möglich, dass sich weitere Menschen infiziert haben,
sagte Schmidt-Chanasit. «Hantavirus-Erkrankungen haben eine
Inkubationszeit, die je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis
Wochen betragen kann. Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert
auftreten.»
Der Virologe sieht zwei Szenarien der Infektionsquelle: «Erstens
könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder
im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an
Bord gebracht haben. Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere
an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche,
Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar - «etwa wenn Mäuse oder
Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben».
Für die Weltbevölkerung ist das Risiko laut WHO gering. «Für Person
en
an Bord oder enge Kontaktpersonen ist die Situation jedoch anders zu
bewerten, weil sie möglicherweise dieselbe Expositionsquelle oder
engen Kontakt zu Erkrankten hatten», erklärte Schmidt-Chanasit.
Ist der Fall ungewöhnlich?
«Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser
Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde», sagte
Schmidt-Chanasit.
«Dieser Ausbruch von Hantavirus-Infektionen deutet nicht auf ein
generelles Risiko im Zusammenhang mit Kreuzfahrten hin, sondern
spiegelt ein lokal begrenztes, situationsbedingtes
Expositionsereignis wider», teilte das Global Virus Network (GVN)
mit, ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen und
Organisationen mit Expertise zu Viruserkrankungen.
«Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in
seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich
nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus», sagte Scott Weaver
von der University of Texas Medical Branch (USA).
Sind Kreuzfahrten generell gefährdet für Infektionsketten?
Die am häufigsten gemeldeten Krankheiten auf Kreuzfahrtschiffen
betreffen nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC
Magen-Darm-Infektionen (30 bis 40 Prozent), etwa durch das Norovirus,
Verletzungen durch Ausrutschen, Stolpern oder Stürzen (12 bis 18
Prozent) und Atemwegsinfektionen, darunter Grippe und Corona (10
Prozent).
«Das größte Problem, was Infektionen an Bord betrifft, ist das
Norovirus», sagte Christian Ottomann, Gründer der Schiffsarztbörse,
die Ärzte und Ärztinnen für Einsätze auf hoher See und Flüssen
vermittelt. Dieses Magen-Darm-Virus übertrage sich durch
Schmierinfektion. «Fast immer infizieren sich Passagiere damit
während eines Landgangs und bringen den Erreger dann mit an Bord.»
Im Zeitraum von 2006 bis 2019 sind laut CDC die gemeldeten Raten von
Magen-Darm-Erkrankungen bei Passagieren auf Kreuzfahrten pro 100.000
Reisetage um rund die Hälfte gesunken. In den ersten Monaten des
Jahres 2025 gab es global allerdings ungewöhnlich viele
Norovirus-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen.
Dem Vessel Sanitation Program der US-Gesundheitsbehörde CDC zufolge
wurden 12 Ausbrüche bis Mitte Mai 2025 erfasst - und damit fast so
viele wie im gesamten Jahr 2024, in dem es 15 gab. Als eine mögliche
Ursache für die hohe Zahl geben Experten an, dass die Grundimmunität
in der Bevölkerung gegen eine relativ neue kursierende
Norovirus-Variante noch niedrig ist.
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