Curevac-Gründer wirft Biontech Täuschung vor

Biontech will mehrere Standorte schließen. Der Curevac-Gründer und
die Gewerkschaft sehen darin Trickserei und scharfe Einschnitte für
die Beschäftigten.

Tübingen/Mainz (dpa) - Nach der Übernahme des Biotechunternehmens
Curevac durch Biontech wirft Curevac-Gründer Ingmar Hoerr dem
Konkurrenten Täuschung vor. Hintergrund sind die Schließungspläne von

Biontech für den Standort Tübingen kurz nach der Übernahme. 

«Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei meiner
Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass
die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames,
starkes Unternehmen wird», sagte Hoerr der Deutschen Presse-Agentur. 

Hoerr: «Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen»

Es war laut Hoerr vereinbart, ein gemeinsames Unternehmen zu
schaffen, das sich gegenseitig befruchtet. «Und das wurde jetzt über
den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht
worden. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.» 

Hoerr vermutet hinter dem Vorgehen, dass Biontech
Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen will. «Die Investoren haben
sich mit Versprechungen einlullen lassen. Das könnte Biontechs
Strategie von Anfang an gewesen sein.»

Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci hatten im März
bekanntgegeben, Biontech verlassen und eine neue Firma gründen zu
wollen. Die Eheleute kündigten an, spätestens Ende 2026
auszuscheiden. In dem neuen Unternehmen möchten sich die beiden
Mediziner der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten
auf mRNA-Basis widmen, hieß es. 

Nun will das Management von Biontech mehrere Standorte schließen -
darunter auch Einrichtungen von Curevac. Nach Angaben des
Unternehmens sind rund 820 frühere Curevac-Beschäftigte betroffen.
Der Tübinger Standort soll bis Ende 2027 aufgegeben werden. 

Die Biontech-Führung begründet die Pläne mit einer zu geringen
Auslastung, Überkapazitäten und Kostensenkungen. Ebenfalls
geschlossen werden sollen die Biontech-Produktionsstätten in
Idar-Oberstein, Marburg und Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860
Stellen von den Plänen betroffen sein, hieß es aus der Zentrale in
Mainz.

Gewerkschaft vermutet Trickserei wegen Patentstreit 

Auch die Pharma- und Biotech-Gewerkschaft IGBCE kritisierte die Pläne
als gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit und Frontalangriff auf
die Beschäftigten. «Im Konzern haben offenbar endgültig die
Rechenschieber das Regiment übernommen», sagte der Leiter des
IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. «Aus
kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal
Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des
Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.» 

Für die Beschäftigten bei Curevac in Tübingen bedeute die Schließun
g
ihres Standorts einen tiefen Einschnitt. «Curevac war bereits in den
vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark
gebeutelt», sagte Catharina Clay, Landesbezirksleiterin der IGBCE in
Baden-Württemberg. «Der Kauf durch Biontech wirkt vor diesem
Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten
auf Kosten der Beschäftigten.»

Weltweiter Erfolg in der Corona-Pandemie

Das Biopharmaunternehmen Biontech entwickelt Medikamente auf
mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten. Auch Curevac forscht
seit Jahren an der mRNA-Technologie. Die Tübinger galten einst neben
Biontech und anderen als einer der Hoffnungsträger bei der
Entwicklung eines Corona-Impfstoffs.

Doch im Gegensatz zu Biontech, das erfolgreich war und Milliarden mit
seinem Vakzin verdiente, kam es bei den Schwaben zu Problemen: Das
Unternehmen zog seinen ersten Impfstoffkandidaten wegen einer
vergleichsweise geringen Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren
zurück, in der Folge gab es auch Patentstreitigkeiten zwischen
Curevac und Biontech. 

Letztlich strichen die Tübinger Stellen und konzentrierten sich auf
die Forschung. «Jetzt wird skrupellos Produktion geopfert, um die
Aktionäre zu beeindrucken», so IGBCE-Vertreter Strasser. Gleichzeitig
kündigt das Unternehmen ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm
an. «Dass muss den Beschäftigten wie Hohn vorkommen.»

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