Biontech schließt auch Marburger Werk - 540 Jobs betroffen Von Bernd Glebe und Christine Schultze, dpa
Harte Einschnitte bei Biontech: Warum das einst groß eröffnete Werk
in Marburg schließt, was mit den Beschäftigten passiert und was das
Unternehmen in Zukunft vorhat.
Mainz/Marburg (dpa) - Die geplante Schließung mehrerer
Produktionsstandorte des Impfstoffherstellers Biontech kostet in
Marburg rund 540 Arbeitsplätze. Der Abbau solle sozialverträglich
ablaufen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Biontech hatte die
Einschnitte mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und
Kosteneinsparungen begründet.
Das Werk in Marburg war 2021 während der Corona-Pandemie eröffnet
worden, bis heute wird dort der Covid-19-Impfstoff hergestellt, mit
dem Biontech einst Milliarden verdient hatte. Noch in diesem Jahr
solle die letzte Charge in dem mittelhessischen Werk gefertigt
werden, danach stehe noch der Rückbau an, sagte die Sprecherin. Man
habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und lote auch
Verkaufsoptionen aus.
Sozialplan und Betroffenenprogramm für Beschäftigte
Der Stellenabbau soll über einen Sozialplan sowie ein sogenanntes
Betroffenenprogramm erfolgen. Zudem hätten betroffene
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch die Möglichkeit, sich innerhalb
des Unternehmens auf offene Stellen zu bewerben.
Biontech hatte das Werk, das sich auf dem Gelände der historischen
Behringwerke in Marburg befindet, vom Schweizer Pharmakonzern
Novartis übernommen und Millionen in den Standort investiert. Die
angekündigte Schließung ist nicht die einzige Hiobsbotschaft in der
Branche in Marburg: Das Unternehmen CSL will neben der Einstellung
der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der mittelhessischen
Stadt auch Einschnitte in der Produktion vornehmen.
Fast 1.900 Jobs bei Biontech könnten betroffen sein
Neben Marburg sind von den Plänen auch die Produktionsstandorte in
Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz und Singapur sowie Standorte vom
übernommenen Konkurrenten Curevac betroffen. Bis zu 1.860 Stellen
könnten von den Maßnahmen betroffen sein, hatte das Management
angekündigt.
Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro
Geplant ist, die Standorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen
bis Ende 2027 zu schließen. Der Betrieb in Singapur soll
voraussichtlich im ersten Quartal 2027 eingestellt werden. Geplant
sei ein partieller oder vollständiger Verkauf.
Das Biopharma-Unternehmen rechnet nach vollständiger Umsetzung der
Maßnahmen im Jahr 2029 mit wiederkehrenden jährlichen Einsparungen
von bis zu rund 500 Millionen Euro. Die Mittel sollen für die
Forschung, Entwicklung und Markteinführung von Medikamenten gegen
Krebs eingesetzt werden.
Betriebsräte und Gewerkschaft entsetzt
Die Betriebsräte der betroffenen Standorte sprachen nach der
Bekanntgabe der geplanten Werkschließungen von inakzeptablen und
verantwortungslosen Plänen des Managements. Die Arbeitnehmervertreter
kündigten entschiedenen Widerstand der Beschäftigten an. Die
Betriebsräte äußerten die Hoffnung, dass die angedrohte Stilllegung
der Werke durch den Verkauf an einen Investor verhindert werden
könnte.
Die Gewerkschaft IG BCE kritisierte «den geplanten Kahlschlag». Im
Konzern hätten offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment
übernommen, sagte der Leiter des Landesbezirks
Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. «Aus kurzfristigem
finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten
zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und
Biotech-Standorts Deutschland.»
Nicht der erste Stellenabbau
Es ist nicht der erste Jobabbau bei Biontech. Nachdem das Unternehmen
2024 mit Millionen in die roten Zahlen gerutscht war, wurde ein
Stellenabbau über drei Jahre bis Ende 2027 angekündigt. Es sollte 950
bis 1.350 Vollzeitäquivalente weniger in Europa und Nordamerika
geben. Zum Zeitpunkt der Ankündigung kam das Biopharma-Unternehmen
nach eigenen Angaben global auf etwa 7.200 Beschäftigte.
Betroffen von den Plänen waren damals schon die Standorte in Marburg
und Idar-Oberstein. Als Begründung nannte das Management vor rund
einem Jahr die geringere Nachfrage nach dem Covid-Impfstoff.
Im ersten Quartal verbuchte Biontech einen zurückgehenden Umsatz. Die
Erlöse lagen bei 118,1 Millionen nach 182,8 Millionen Euro in den
ersten drei Monaten des Vorjahres. Der Rückgang sei vor allem auf
niedrigere Umsätze mit den Covid-19-Impfstoffen zurückzuführen.
Der Nettoverlust stieg an und betrug den Angaben zufolge 531,9
Millionen Euro. Im ersten Quartal des Vorjahres lag der Wert bei
415,8 Millionen Euro. Als Grund für die Entwicklung nannten die
Mainzer höhere Kosten für die Entwicklung von Programmen für die
Immunonkologie.
Herstellung von Covid-19-Impfstoff vollständig bei Pfizer
Angesichts der hohen Entwicklungskosten hatte Biontech bereits das
Vorjahr mit einem Milliardenverlust abgeschlossen. Für dieses Jahr
rechnet Biontech sowohl auf dem europäischen als auch auf dem
US-amerikanischen Markt mit geringeren Umsätzen aus dem Geschäft mit
Covid-19-Impfstoffen.
Für die Impfsaison 2026/27 werde die Entwicklung eines an Varianten
angepassten Covid-19-Impfstoffs vorbereitet. Biontech kündigte an,
dass die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs künftig vollständig von
den Pfizer-Standorten in Europa und Amerika abgedeckt werde.
Weltweiter Erfolg in der Corona-Pandemie
In der Corona-Pandemie war Biontech weltbekannt geworden, weil das
Unternehmen gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die erste
Marktzulassung für einen Impfstoff gegen Covid-19 bekam. Dieser
spülte in der Folge Milliardengewinne in die Kassen der Mainzer.
Für 2026 erwartet das Unternehmen, dessen Gründer Ugur Sahin und
Özlem Türeci spätestens Ende dieses Jahres ausscheiden werden, Erlö
se
zwischen 2,0 Milliarden und 2,3 Milliarden Euro.
Onkologie im Fokus
Das Biopharma-Unternehmen entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen
Krebs und andere Krankheiten. Grob gesagt soll mittels mRNA dem
Immunsystem der Patientin oder des Patienten geholfen werden,
Krebszellen anhand bestimmter Merkmale zu erkennen und zu zerstören.
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