Frau Meeßen-Hühne, wo steht Sachsen-Anhalt in Sachen Sucht? Interview: Dörthe Hein, dpa
Kaum jemand kennt sich mit dem Thema Sucht in Sachsen-Anhalt so gut
aus wie Helga Meeßen-Hühne. Ein Vierteljahrhundert leitete sie die
Landesstelle für Suchtfragen. Ein Kampf gegen Windmühlenflügel?
Magdeburg (dpa/sa) - In Sachsen-Anhalt liegt der Konsum von Alkohol,
Tabak und E-Zigaretten häufig über dem Bundesdurchschnitt, während
der Konsum illegaler Drogen insgesamt etwas niedriger ist. Besonders
auffällig: Fast ein Viertel (22,4 Prozent) der jungen Erwachsenen im
Land gab an, in den letzten 30 Tagen an einer E-Zigarette gezogen zu
haben. Das waren deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt (8,8
Prozent). Das zeigt der jüngste Epidemiologische Suchtsurvey aus dem
Jahr 2021. Der Anteil der jungen Leute mit riskantem Alkoholkonsum
lag demnach unter dem Bundesschnitt.
Mehr legale Drogen, weniger illegale als im Bundesschnitt
In vielen Altersgruppen wird in Sachsen-Anhalt riskanter mit Alkohol
umgegangen als bundesweit, so die Untersuchung. Auch beim Rauchen
liegen die Werte insgesamt über dem Bundesschnitt. Beim Konsum
illegaler Drogen bleiben die Werte über alle Erwachsenen hinweg etwas
niedriger als im Bund.
Was hat sich in einem Vierteljahrhundert verändert?
Helga Meeßen-Hühne hat von 1999 bis Ende vergangenen Jahres die
Landesstelle für Suchtfragen geleitet. Was hat sich in dem
Vierteljahrhundert verändert? War es ein Kampf gegen
Windmühlenflügel? Und was müssen die nächsten Schritte sein? Die
Expertin antwortet:
Frage: Wenn Sie auf 26 Jahre zurückblicken: Was hat sich beim Thema
Sucht in Sachsen-Anhalt am stärksten verändert?
Antwort: Ich würde bei der Hilfestruktur anfangen. Land und Kommunen
haben eine belastbare Suchthilfe und eine suchtpräventive Struktur
aufgebaut, die sich bundesweit sehen lassen kann. Als ich anfing,
steckte die Suchthilfe in einer Umbruchphase, vieles war noch wenig
professionalisiert. In Sachsen-Anhalt mussten Beratungsstellen zudem
früh lernen, ihren Nutzen sehr klar zu erklären - weil freiwillige
Leistungen in einem finanzschwachen Land schnell auf dem Prüfstand
stehen.
Quote der Nie-Trinker so hoch wie nie
Frage: Aber jetzt mal provokativ gefragt: Wie viel haben Sie
tatsächlich erreicht? Man hat nicht das Gefühl, dass das Thema Sucht
kleiner geworden ist angesichts von Social Media, Alkohol, Rauchen,
Glücksspiel.
Antwort: Ich würde sagen: Sie verändert sich. Auch wenn Alkohol immer
noch Problemdroge Nr. 1 ist: Die Quote der Nie-Trinker ist so hoch
wie nie. Was man im Alltag sieht, sind die dreieinhalb Lümmel, die im
öffentlichen Raum besoffen sind. Die anderen, die lieber weniger
trinken, lieber anderes trinken, die sieht man ja nicht so. Und auch
beim Rauchen gab es Fortschritte. Gleichzeitig verschiebt sich das
Spektrum: Neue Konsumformen und neue Gewohnheiten treten hinzu, und
manches konterkariert alte Erfolge.
Frage: Welche neuen Baustellen sehen Sie derzeit besonders - gerade
mit Blick auf Jugendliche?
Antwort: Ein großes Thema ist Vapen. Fachkräfte berichten, dass
Erfolge beim Nichtrauchen durch einen laschen Umgang mit E-Zigaretten
und ähnlichen Produkten gefährdet werden. Viele unterschätzen das,
auch weil nicht immer klar ist, was genau konsumiert wird und wie
hoch die Nikotindosen sind - und Nikotin ist stark abhängig machend.
Bei Mediennutzung sehe ich zudem die Gefahr, dass alles vorschnell
als «individuelle Sucht» etikettiert wird. Übersehen wir dabei oft
die Frage: Was passiert in unserer Gesellschaft gesundheitlich und
sozial, wenn Minderjährige täglich viele Stunden zusätzlich zur
Schule am Bildschirm hängen? - Erwachsene übrigens auch.
Aufklärung allein reicht nicht
Frage: Was hat sich in der Prävention fachlich am deutlichsten
gewandelt?
Antwort: Dass wir wegkommen von der Vorstellung, Aufklärung allein
reiche. Prävention hat immer zwei Seiten: Verhalten und Verhältnisse.
Ein zentraler Grundsatz ist, dass das Ausmaß suchtmittelbezogener
Schäden stark von Preis, Werbung und Zugriffsnähe abhängt. Das wurde
vielen spätestens beim «Alkopopschock» klar: Erwachsene haben diese
bunten Mixgetränke für Jugendliche unterschätzt - bis es spektakulä
re
Unfälle gab und gesellschaftlich ein Umdenken einsetzte. Wirksam wird
Prävention eher, wenn sie Persönlichkeitsstärkung mit klaren, auch
gesetzlichen, Rahmenbedingungen verbindet.
Frage: Wo sollte Sachsen-Anhalt in zehn Jahren stehen - was wäre aus
Ihrer Sicht entscheidend?
Antwort: Suchtberatung muss konsolidiert und ausgebaut werden -
analog und digital. Sachsen-Anhalt war beim Aufbau der
Beratungsplattform DigiSucht besonders engagiert, damit digitale
Beratung mehr Menschen erreicht werden.
Wir sind auf einem guten Weg, was die Akzeptanz der Dienste vor Ort
angeht. Die hatten schon immer Wartezeiten. Das heißt, die Leute
trauen sich dahin. Ich glaube, vor Ort gibt es niemanden, der sagt,
Suchtberatung braucht kein Mensch. Jeder weiß, wie nützlich die sind.
Sie helfen Leuten, entweder in Arbeit zu bleiben oder in Arbeit
zurückzukommen oder ausbildungsfähig zu werden. Das müssen wir uns
dringend erhalten, wenn nicht sogar ausbauen.
ZUR PERSON: Helga Meeßen-Hühne (66) ist Diplom-Sozialpädagogin und
Suchttherapeutin. Sie arbeitete beratend und therapeutisch in der
Drogenberatung im Rheinland und kam 1995 nach Magdeburg. 1999
übernahm sie die Leitung der Landesstelle für Suchtfragen im Land
Sachsen-Anhalt. Dort wirkte sie am Aufbau und an der
Weiterentwicklung von Suchthilfe und Suchtprävention im Land mit. Es
ging um Qualitätsstandards in der Beratung bis zur Vernetzung mit
Kommunen, Schulen und Leistungsträgern. Ende 2025 ging Meeßen-Hühne
in den Ruhestand.
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