Trotz allem ein «Meister des Lebens»: Alessandro Zanardi Von Jens Marx und Christoph Sator, dpa
Der Tod des italienischen Rennfahrers bewegt die Menschen weit über
die Welt des Motorsports hinaus - auch weil er so viele
Schicksalsschläge meistern musste. Er wurde 59 Jahre alt.
Padua/Miami (dpa) - Das Lächeln bleibt. Ebenso wie die Erinnerung an
einen Menschen, der nie aufgab, allen Schicksalsschlägen zum Trotz.
Es ist das Erbe von Alessandro Zanardi: Formel-1-Pilot, Gold- und
Silbermedaillengewinner bei den Paralympischen Spielen, Finisher des
legendären Hawaii-Triathlons und vieles mehr. Oder, wie es die
italienische Tageszeitung «Corriere della Sera» nach seinem Tod im
Alter von 59 Jahren am Sonntag auf den Punkt brachte: «Ein Meister
des Lebens, für immer».
Es war ein Leben mit mehr Schicksalsmomenten, als ein Mensch
eigentlich ertragen kann. Alessandros ältere Schwester Cristina starb
1979 bei einem Verkehrsunfall. Sie war gerade mal 16. Zanardi selbst
wurde 59 Jahre alt. Nur 59, noch viel zu jung, pflegt man in solchen
Momenten zu sagen. Aber der Italiener hätte auch längst schon tot
sein können, seit vielen Jahren bereits, seit seinem Horror-Unfall im
September 2001 auf dem Lausitzring, der deutschen Rennstrecke in
Brandenburg.
Letztlich starb «Alex», wie er international genannt wurde, wohl an
den Spätfolgen eines Verkehrsunfalls mit einem Handbike 2020, von dem
er sich nie mehr erholte. Aber genau weiß man das noch nicht. An
diesem Dienstag soll er in Padua beigesetzt werden. Die Anteilnahme
wird riesig sein. In der norditalienischen Stadt lebte Zanardi seit
drei Jahren in einer Pflegeeinrichtung. Im Sommer 2022 hatte es einen
Brand im Wohnhaus seiner Familie gegeben, wo er mit den wichtigen
medizinischen Geräten für seine Reha zu Hause war.
Mama Zanardi: Dann passierte alles ganz plötzlich
«Es ging ihm gut, natürlich mit den Folgen, die der Unfall bei ihm
hinterlassen hatte», sagte Mutter Anna der Zeitung «La Repubblica»
über die letzten Tage ihres praktisch überall verehrten und geliebten
Sohnes. Dann sei alles ganz plötzlich gegangen, einfach so. «Ob es an
einem Herzstillstand lag oder an einer schweren Lungenentzündung. Man
weiß es nicht.»
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni würdigte Zanardi als
«außergewöhnlichen Menschen, der jede Prüfung des Lebens in eine
Lektion in Mut, Stärke und Würde verwandeln konnte». Auch die Formel
1, in der er mehr als 40 Mal an den Start gegangen war in den 1990er
Jahren, trug Trauer. Die Nachricht erwischte die Königsklasse im
fernen Miami mitten in der Nacht. Es folgten eine Schweigeminute,
Erinnerungsaufkleber «Ciao Alex» auf den Wagen und viele emotionale
Worte.
Ex-Rennstall aus den USA mit bewegenden Worten
«Er stand vor Herausforderungen, die jeden anderen zum Aufgeben
gebracht hätten, doch er blickte stets nach vorn - immer mit einem
Lächeln und einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die uns alle
inspirierte», sagte Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali:
«Auch wenn sein Verlust tief zu spüren ist, bleibt sein Vermächtnis
ungebrochen.»
Als er selbst ein junger Rennfahrer gewesen sei, «war Zanardi einer
meiner Helden», betonte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (54). In
der Schlussphase der Saison 1991 hatte Zanardi sein erstes
Formel-1-Rennen bestritten. Nach dem vorläufigen Abschied nach der
Saison 1994 kehrte er 1999 für ein Jahr zurück. Teamkollege damals:
Ralf Schumacher, der mittlerweile als TV-Experte im Einsatz ist.
Seine größten Erfolge feierte Zanardi in der Formel-1-Pause. Er war
damals in die USA gewechselt und gewann 1997 und 1998 die angesehene
CART-Serie. Die Rennsportgemeinde habe mehr als eine Legende
verloren, schrieb sein damaliges Team Chip Ganassi Racing nun: «Die
Welt hat einen ihrer außergewöhnlichsten Menschen verloren.»
Es war Zanardis Art, sein Wesen. In seiner Gegenwart verlor Klagen
jegliche Bedeutung. Er wurde ein von fast unerträglichem Leid
geplagtes Sinnbild des Nicht-Aufgeben-Wollens. «Keine Grenzen -
Unmöglich ist nur ein Wort», lautete der Titel einer Dokumentation
über ihn. «Der Rennfahrer und Paralympionike, der Italien gelehrt
hat, niemals aufzugeben», schrieb Italiens «Gazzetta dello Sport».
Auch Fußballclubs wie Inter Mailand oder Juventus Turin ehrten
Zanardi, dessen Leben auf dem Lausitzring vor knapp 25 Jahren beinahe
schon zu Ende gegangen wäre. Es war der 15. September 2001. Es war
ein Horrorcrash.
Zanardi musste siebenmal wiederbelebt werden
Der Italiener hatte sich mit seinem Wagen in einem Champ-Car-Rennen
gedreht, ein Konkurrent krachte mit voller Wucht in das Auto. Die
Bilder lösen heute noch Entsetzen aus. Im Helikopter auf dem Weg zum
Notfallkrankenhaus in Berlin musste Zanardi siebenmal wiederbelebt
werden.
Er schaffte es. Allerdings mussten ihm beide Beine amputiert werden.
Doch seine Einstellung und seine ansteckende Lebensfreude hatte
selbst dieser Unfall nicht zerstört.
Nur zwei Jahre später saß Zanardi wieder im Cockpit eines Rennwagens
- umgebaut für seine Bedürfnisse. Vier Siege feierte er bei den
Deutschen Tourenwagen-Masters. Damit nicht genug: Zanardi startete
bei den Paralympics 2012 und 2016 und holte Gold mit dem Handbike.
Dazwischen machte er einen Ausflug nach Hawaii und finishte 2014 und
2015 bei der Ironman-WM.
Am 1. Mai starb Zanardi - 32 Jahre nach Sennas Tod
2019 trat Zanardi bei den legendären 24 Stunden von Daytona an, einem
der großen Klassiker des Motorsports. Und dann erwischte es Zanardi
wieder - nicht im Auto. Auf einer abschüssigen Straße bei Pienza
geriet er im Jahr danach mit seinem Handbike auf die Gegenseite und
prallte auf einen Lkw. Der nächste schreckliche Unfall. Von einer
«heiklen neurochirurgischen Operation» sprachen die Ärzte damals. Ein
paar Monate später sagte seine Frau, Alessandro könne kommunizieren,
aber nicht sprechen. Er habe aber noch viel Kraft in den Armen und
Händen.
Bis zum 1. Mai 2026. «Alex ist friedlich eingeschlafen, umgeben von
der Zuneigung seiner Angehörigen», heißt es in einer Mitteilung der
Familie. Ein Tag, den die Motorsportwelt nun erst recht nicht mehr
vergessen wird. 32 Jahre zuvor, am 1. Mai 1994, war die
brasilianische Formel-1-Ikone Ayrton Senna tödlich verunglückt. In
Imola - nicht mal 50 Kilometer von Zanardis Heimatstadt Bologna
entfernt.
Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK
Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.
hkk: Günstigste Krankenkasse
In drei Minuten in die hkk wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der hkk. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.