WHO: 10.000 Angriffe auf Kliniken und Helfer in zehn Jahren
2.000 Tote in einem Jahr, mehr Gewalt gegen medizinisches Personal
und Einrichtungen: WHO und Hilfsorganisationen schlagen Alarm.
Genf (dpa) - Fast 10.000 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und
-personal innerhalb von gut zehn Jahren haben die Vereinten Nationen
und Hilfsorganisationen dokumentiert. Anlass für die Bilanz ist der
heutige 10. Jahrestag der Resolution 2286 des Weltsicherheitsrates,
mit der sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat, medizinisches und
humanitäres Personal sowie deren Infrastruktur, Transportmittel und
Ausrüstung zu schützen.
«Die Staaten haben bei ihrer Verpflichtung versagt», sagt Michael
Keeffe vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Der
internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen, Javid Abdelmoneim,
sieht eine starke Zunahme von Attacken in den vergangenen zwei
Jahren. «Was einst als Ausnahme galt, ist heute zur Normalität
geworden.»
Rund 5.200 Todesfälle bei Gesundheitspersonal
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in einer Datenbank knapp
10.000 Angriffe seit 2015 erfasst und verifiziert, ebenso rund 5.200
Todesfälle von Gesundheitspersonal und fast 8.000 Verletzungen in 26
Ländern und Territorien. In den ersten Jahren waren die Erhebungen
allerdings noch spärlich. Ohnehin geht die WHO davon aus, dass die
wahre Zahl deutlich höher liegt, weil nicht in allen Ländern Fälle
systematisch aufgenommen werden können.
Im vergangenen Jahr gab es demnach etwa 1.400 Angriffe. Dabei wurden
fast 2.000 Menschen getötet, rund doppelt so viele wie im Jahr davor.
Die Organisationen machen keinen Unterschied, ob eine Klinik oder ein
Sanitäter gezielt angegriffen oder bei einem Angriff auf ein anderes
Ziel als Kollateralschaden getroffen werden.
Was bei Angriffen gilt
Die Verpflichtungen aus der Resolution und dem internationalen
Völkerrecht seien klar, sagt IKRK-Juristin Supriya Rao: Wenn sich
eine Klinik oder Krankenwagen in der Nähe befinden, ist ein Angriff
nur in den seltensten Fällen gerechtfertigt. Wenn es Grund zur
Annahme gibt, dass ein Feind ein Krankenhaus als Versteck nutzt, muss
ebenfalls abgewogen werden, wie groß der Schaden bei einem Angriff
für Unbeteiligte wäre.
Dem IKRK zufolge fehlt zunehmend der politische Wille, die
Verpflichtungen einzuhalten. Immer wieder würden Angriffe damit
gerechtfertigt, dass das Gesundheitspersonal «den Feind unterstütze»,
sagt Keeffe. Dabei seien Menschen, die Verwundeten helfen,
grundsätzlich zu schützen, unabhängig davon, auf welcher Seite eines
Konflikts sie womöglich stehen.
Wer für Angriffe verantwortlich ist
«Besonders alarmierend ist, dass Staaten immer häufiger selbst für
diese Gewalt verantwortlich sind», so Ärzte ohne Grenzen. Nach
IKRK-Angaben gehen rund 85 Prozent der Angriffe nicht etwa auf das
Konto von Rebellengruppen, sondern staatlicher Armeen.
Das IKRK ruft Staaten mit Einfluss auf Konfliktparteien auf, sie zur
Einhaltung des humanitären Völkerrechts und der Resolution 2286 zu
ermahnen. Weder das IKRK noch Ärzte ohne Grenzen nennen einzelne
Länder.
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