) Hirschhausen zeigt in Doku die perfide Deepfake-Industrie Von Jonas-Erik Schmidt, dpa

Eckart von Hirschhausen kämpft gegen seine digitalen Kopien: In einer
neuen ARD-Doku beleuchtet der Arzt eine weitere Facette in der
Deepfake-Debatte - und fordert strengere Regeln für Tech-Konzerne.

Köln (dpa) - Was bleibt uns, wenn man uns unser Gesicht und unsere
Stimme nimmt? Lange war das ein eher philosophisches Gedankenspiel.
Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist es längst Teil
krimineller Praxis. Jemand, der davon viel erzählen kann, ist Eckart
von Hirschhausen. Der Mediziner und Fernsehjournalist blickt heute in
eine Art digitalen Spiegel, in dem er mehr als 2.000 Mal existiert -
als Fälschung.

Mit ihm wird alles Mögliche beworben - vom angeblichen Abnehmpulver
bis hin zu vermeintlichen Potenzmitteln. Das Problem ist nur: Der
Moderator macht gar keine Werbung dafür. Bei den Werbevideos, die im
Netz kursieren, handelt es sich um sogenannte Deepfakes - täuschend
echte, KI-generierte Clips, in denen digitale Marionetten mit seiner
Stimme Dinge sagen, die er nie unterschrieben hätte.

Über Deepfakes wird schon seit einigen Wochen in Deutschland
debattiert - vor allem wegen sexualisierter Deepfakes, von denen
besonders Frauen betroffen sind. Eine neue ARD-Doku von und mit
Eckart von Hirschhausen zeigt eine weitere perfide Facette des
Problems: den systematischen Identitätsklau als Geschäftsmodell.
«Hirschhausen und die Deepfake-Mafia» ist vom 1. Mai an in der
ARD-Mediathek abrufbar und wird am 4. Mai im Ersten (20.15 Uhr)
ausgestrahlt. Der Film zeigt eine Masche, bei der Prominenz als Köder
für Verzweifelte dient.

Zwischen Hoffnung und Betrug

«Mich gibt es genau einmal. Im Netz als Fake aktuell über 2.000 Mal.
Das ist tausendfacher Rufmord, Identitätsdiebstahl und psychisch sehr
belastend bis traumatisierend», sagt von Hirschhausen in einem
Gespräch mit der dpa. Und er sei dabei kein Einzelfall - es betreffe
viele Kolleginnen und Kollegen. Menschen würden zu Werbefiguren
gemacht, ohne dass sie es wüssten oder zustimmten.

Das Besondere an der Doku ist allerdings, dass sie alle Betroffenen
zu Wort kommen lässt - nicht nur diejenigen, die für Fakes herhalten
müssen, darunter etwa auch Moderator Ingo Zamperoni. Sondern auch
diejenigen, die auf die Fakes hereingefallen sind. Erschütternd ist
etwa die Geschichte einer 80-Jährigen, die ihren Mann pflegt - und
falsche Hoffnung schöpft, als sie auf eine gefälschte
Hirschhausen-Anzeige mit Heilungsversprechen stößt.

Besonders beklemmend wirkt die digitale Invasion in einer Szene der
Dokumentation, die eine Straßenumfrage zeigt: Ein Passant erkennt von
Hirschhausen zwar sofort - offenbar aber nicht wegen dessen
jahrelanger Arbeit als Moderator, sondern aufgrund einer gefälschten
Werbebotschaft, die der Mann zuvor im Netz gesehen hat. Er probiere
das Mittel zum Abnehmen gerade aus, erzählt er fröhlich. Es ist eine
absurde Umkehrung der Realität: Die Fälschung ist prominenter als der
echte Mensch.

Auf den Spuren der Betrugsindustrie

Desinformation sei für ihn «ein medizinischer Notfall», sagt von
Hirschhausen. Opfern der gefälschten Medikamentenwerbung werde etwa
empfohlen, ihre anderen Medikamente abzusetzen. «Das ist hochgradig
gesundheitsgefährdend und kriminell, wie da oft chronisch kranken
Menschen erst Angst gemacht wird, um sie dann abzuzocken», sagt er.

Der Arzt versucht in der Doku, die Spur der Deepfake-Betrüger
nachzuzeichnen. In Brasilien trifft er einen Whistleblower, der mit
Hut und Sonnenbrille auftritt. Er sagt, er habe in einem Callcenter
gearbeitet, das deutsche Kunden die angeblichen Wundermittel
andrehte.

Zudem wird die Rolle der großen Digitalkonzerne bei der Verbreitung
der Fakes beleuchtet. «Wir brauchen verbindliche Regeln für
Plattformen - und zwar mit echter Haftung, Durchsetzung und Strafen
bei Verzögerung sowie einer einfachen Möglichkeit für jeden, die
Verstöße anzuzeigen», fordert von Hirschhausen.

«Im analogen Leben würden wir viele Dinge niemals akzeptieren, die im
Internet längst normal sind», betont er. «Wir würden keinen
Supermarkt betreten, in dem jedes zehnte Produkt gefälscht ist. Und
wir würden keine Zeitung kaufen, in der bewusst falsche Artikel und
gefälschte Anzeigen stehen.» Ständig werde so getan, als müsse man

die digitale Welt nicht ernst nehmen - es sei «nur» das Internet. Man
hört ein wenig Verzweiflung heraus, wenn er redet.

Wenn das Netz zur letzten Hoffnung wird

Tatsächlich sei das Internet ein Zufluchtsort für viele Menschen, die
gesundheitlichen Probleme haben. «Gerade im Gesundheitsbereich sind
Menschen besonders verletzlich. Wer krank ist oder Angst hat, sucht
nach Hilfe und Antworten», sagt von Hirschhausen. «Weil das
Gesundheitssystem diese Bedürfnisse nicht ausreichend auffängt, gehen
viele ins Internet.»

Ganz zum Schluss trifft der Moderator für den Film auch Collien
Fernandes, die momentan wohl bekannteste Kämpferin gegen
Identitätsdiebstahl. Sie sagt, was ihr in schweren Zeiten geholfen
habe - es sind nur wenige Worte. «Echte Menschen», sagt Fernandes.
«Im echten Leben.»

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