Was, wenn doch? Trump und die Verschwörungserzählungen Von Jan Mies, dpa

Waren die Schüsse in Washington inszeniert? Die Frage kann noch so
oft mit einem klaren «Nein!» beantwortet werden - viele Menschen
fasziniert allein der Gedanke an eine Verschwörung. Warum?

London (dpa) - Ein Maskierter sitzt in einem dunklen Raum vor der
Kamera und nennt immer wieder den einen Namen: Cole Allen. Mit
ruhiger Stimme zählt er scheinbare Fakten auf, Zusammenhänge. Eine
Schlussfolgerung zieht er nicht - die soll sich aus dem kurzen
Instagram-Video von selbst ergeben. Hinter den Schüssen beim
Korrespondentendinner in Washington soll demnach viel mehr stecken,
etwas, das verschwiegen wird. Und schon ist die Welt um US-Präsident
Donald Trump um eine Verschwörungserzählung reicher.

Ähnliche Videos mit teils abweichenden Erzählungen sind in den
vergangenen Tagen vielfach in den sozialen Medien aufgetaucht. Mal
zeigen sich die Erzähler - oft Männer -, mal ist eine KI-Stimme zu
hören. Als scheinbares Indiz wird ein mehr als drei Jahre alter
Beitrag auf X genannt, der nur den Namen des Schützen, Cole Allen,
enthält. Wer daran glauben möchte, bekommt es einfach gemacht: Da
steckt doch mehr hinter den Schüssen!

Verschwörungserzählungen «appellieren an unsere urmenschliche
Intuition, hinter den Dingen Muster, Intention und Plan zu
unterstellen», sagte der Psychologe Roland Imhoff von Johannes
Gutenberg-Universität Mainz der Deutschen Presse-Agentur. «Diese
«hyperactive agency detection» hilft uns, unsere soziale Umwelt
besser zu verstehen, aber auch die Welt als kontrollierbar
wahrzunehmen.»

Die Erzählung des inszenierten Angriffs 

Der Universitätsprofessor zieht einen Vergleich zu klassischen
Erzählstrukturen von der antiken Tragödie bis zum
Hollywood-Blockbuster: «Es gibt Schurken, die sinistre Pläne
verfolgen (und schuld sind am beklagenswerten Zustand der Welt),
denen aber Heldinnen und Helden das Handwerk legen können.» Die
britische Psychologin Karen Douglas von der University of Kent sagt,
dass im Grunde «jeder unter den richtigen Umständen anfällig für
Verschwörungstheorien sein kann».

Das Narrativ der aktuell wohl am häufigsten auftauchenden Erzählung
ist schnell erklärt: Der Angriff des Einzeltäters, der versuchte,
bewaffnet in den Ballsaal zu stürmen, soll inszeniert gewesen sein.
Stellenweise wird eine Verbindung zu Israel gezogen. Trumps Gegner
unter den Verschwörungserzählern glauben, der US-Präsident wolle
damit von seiner verfehlten (Kriegs-)Politik ablenken und seine
Beliebtheitswerte steigern. Ende des Jahres wird in den USA bei den
sogenannten Midterms gewählt - für Trump steht viel auf dem Spiel.

Das US-Unternehmen Newsguard, das auf Falschinformationen und
Vertrauensbewertungen für Nachrichtenquellen im Internet
spezialisiert ist, zählte unmittelbar nach dem Zwischenfall 80
Millionen Aufrufe von Beiträgen allein auf X, die dieses Narrativ des
«staged shooting» verbreiten. Die Geschwindigkeit überraschte selbst

Trump. «Normalerweise dauert es etwas länger. Normalerweise warten
sie etwa zwei oder drei Monate, bevor sie so etwas sagen», sagte er
dem Sender CBS.

Die Gefahr der Verbreitung in den sozialen Medien

Imhoff beschreibt die schnelle Verbreitung als Gefahr. «Wenn
Verschwörungserzählungen zu einem Ereignis vor die eigentliche
Meldung kommen, also das Erste sind, was ich zu einem Ereignis lese,
dann kommen sie in die privilegierte Position des zuerst Gehörten»,
sagte der Psychologe. «Das hat häufig einen Vorteil bei der
Erinnerung, aber auch der folgenden Verarbeitung von Informationen,
die vor dem Hintergrund des bereits Gehörten aufgenommen und
gewichtet werden.»

Bei der Deutung der um den Schützen aufgebauten Mysterien spielen
auch Trumps Unterstützer mit. Sie können nun mit dem Finger auf die
Gegner zeigen und behaupten, mit Verschwörungserzählungen werde
bewusst versucht, dem US-Präsidenten zu schaden. Die eine
Verschwörung dient der anderen, es entsteht ein endloses Spiegeln der
Vorwürfe. Für Trump ist das kein Neuland - kaum eine
Verschwörungserzählung steht für sich alleine.

Verschwörungserzählungen lassen sich «nur schwer eindämmen»

Auch zum Attentat auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten im
Juli 2024, nach dem sich Trump mit blutendem Ohr zum großen Anführer
stilisierte, gibt es schier unzählige Beiträge. Mittlerweile wird
hier auch eine Verbindung zum Washingtoner Schützen gezogen. 

Verschwörungen verbreitet werden auch zum tödlichen Anschlag auf
Trumps Unterstützer Charlie Kirk im September 2025. Und es müssen
nicht immer Schüsse sein. Auch an der Gefangennahme des
venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro arbeiten sich die Macher
der Verschwörungsideen ab - und am Skandal um Sexualstraftäter
Jeffrey Epstein, der täglich neue Vermutungen provoziert.

«In sozialen Medien ist es leicht, Verschwörungstheorien zu finden
und zu verbreiten. Menschen, die sich dafür interessieren, stoßen
fast sofort darauf», sagte Psychologin Douglas. «Sind
Verschwörungstheorien erst einmal im Umlauf, lassen sie sich nur
schwer eindämmen - besonders dann, wenn einige Fakten noch unbekannt
sind.»

Begünstigt werden die Erzählungen von der teils skurrilen
Personenkonstellation um den US-Präsidenten und durch dessen eigene
Art. Trump verbreitet selbst wilde Erzählungen, unter anderem zum
Klimawandel und den Vorgängerregierungen unter Barack Obama und Joe
Biden.

Der US-Präsident mobilisiere seine Anhänger «vor allem durch
Polarisierung und Dämonisierung seiner Gegner», sagte Imhoff. Die
Experten warnen vor der Gefahr der unabsehbaren Folgen.
Verschwörungserzählungen «können Menschen von der etablierten Polit
ik
und Wissenschaft abwenden und hin zu extremeren politischen Ansichten
und wissenschaftsfeindlichen Einstellungen führen», sagte Douglas.
«Für manche mögen sie unterhaltsam und harmlos erscheinen, doch in
vielen Fällen sind sie potenziell deutlich gefährlicher.»

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