Junge Menschen sprechen immer häufiger mit KI über Probleme Von Daniel Josling, dpa

Ob Stress oder Depression: Immer mehr junge Menschen wenden sich an
KI, um über ihre Probleme zu sprechen. Die Angebote sind leicht
zugänglich - doch Fachleute sehen auch erhebliche Risiken.

Leipzig (dpa) - Chatbots als Gesprächspartner für seelische Probleme:
Für viele junge Menschen ist das längst Alltag. Rund zwei Drittel (65
Prozent) der 16- bis 39-Jährigen haben schon einmal mit Künstlicher
Intelligenz über psychische Belastungen gesprochen. Das zeigt eine
neue repräsentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
und Suizidprävention in Leipzig.

Dabei gehe es häufig um allgemeine Probleme wie Stress, Trauer oder
Liebeskummer - nicht zwingend um eine diagnostizierte Depression.
Noch höher ist der Anteil unter Befragten, die angaben, sich aktuell
in einer depressiven Phase zu befinden (76 Prozent).

Am häufigsten nutzen die Befragten dabei bekannte Systeme wie ChatGPT
(77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent) und Microsoft Copilot
(4 Prozent).

Gleichzeitig zeigt die Studie: Auch bei ernsthaften Erkrankungen
spielt KI bereits eine Rolle. Mehr als ein Drittel der Befragten mit
diagnostizierter Depression (35 Prozent) hat demnach in jüngerer Zeit
mit Chatbots über die eigene Erkrankung gesprochen. Häufig geht es
dabei darum, einfach über Probleme zu sprechen oder sich Zuspruch zu
holen. Mehr als die Hälfte nennt als Grund, überhaupt jemanden zum
Reden zu haben (56 Prozent). 46 Prozent hoffen, die Erkrankung selbst
besser in den Griff zu bekommen, 40 Prozent informieren sich über
Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.

Niedrige Hürden - große Verbreitung

Der Reiz, KI-Chatbots zu nutzen, liegt vor allem in ihrer einfachen
Verfügbarkeit: Sie sind anonym, jederzeit erreichbar und ohne
Wartezeit nutzbar. Für viele sind sie deshalb eine erste
Anlaufstelle, wenn es um persönliche Probleme geht.

Ein Großteil der Nutzer beschreibt die Gespräche als hilfreich und
unterstützend. Gleichzeitig berichten viele, dass sie sich verstanden
fühlen oder sich leichter öffnen können. Rund drei Viertel der Nutzer

(75 Prozent) haben nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen 30
Tage mit einem Chatbot über ihre Probleme gesprochen.

Ein Teil nutzt die Programme dabei intensiver: Rund ein Viertel (26
Prozent) führt längere Gespräche oder spricht mit der KI ähnlich wi
e
mit einem persönlichen Gegenüber.

Experten sehen Chancen - und warnen vor «Scheinbehandlungen»

Fachleute sehen in der Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken.
«Die Art, über psychische Probleme zu kommunizieren, hat sich bei
jungen Menschen in den vergangenen Jahren deutlich in die digitalen
Räume verlagert», sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner
Charité.

Solche Systeme könnten helfen, Versorgungslücken zu überbrücken.
«KI-basierte Systeme - evidenz-basiert, menschlich geleitet und
gezielt eingesetzt - haben das große Potenzial, Barrieren abzubauen,
Wartezeiten zu verkürzen und mehr Prävention zu ermöglichen», so
Bajbouj.

Gleichzeitig warnt er vor Fehlentwicklungen: «Umgekehrt bergen KI
Systeme die Gefahr der Scheinbehandlungen: anstatt professionelle
Hilfe zu suchen, bleiben Menschen in Systemen gefangen, die entweder
wirkungslos sind oder sogar schädlich sind.»

Gefahr: Ersatz für Therapie

Besonders kritisch sehen Experten, dass manche Nutzer KI als
Alternative zu einer Behandlung wahrnehmen. «KI kann keine Therapie
ersetzen», sagt Bajbouj. Algorithmen seien auf Empathie programmiert,
kritisches Nachfragen und therapeutische Führung kämen dabei meist zu
kurz - also genau das, was in einer echten Therapie entscheidend ist.

Auch die Befragung liefert Hinweise darauf: Ein Teil der Betroffenen
sieht Gespräche mit KI-Chatbots als Alternative zum Arzt oder zur
Psychotherapie. So geben 62 Prozent der Nutzer mit Depression an, die
Gespräche mit KI hätten bei ihnen den Gang zum Arzt oder
Psychotherapeuten überflüssig gemacht.

Risiken bei Krisen und fehlende Forschung

Problematisch kann das bei schweren Verläufen sein. «Nebenwirkungen
KI-gestützter Behandlung sind kaum systematisch untersucht. Stand
heute sind KI-Systeme häufig nicht krisenkompetent», sagt Bajbouj. Im
ungünstigsten Fall verstärkten KI-Systeme belastende oder suizidale
Gedanken.

Tatsächlich berichten 53 Prozent der betroffenen Nutzer von
verstärkten Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid nach der
Nutzung.

Hinzu kommt: Viele Angebote sind nicht für therapeutische Zwecke
entwickelt, gleichzeitig fehlt es an klaren Regeln,
Qualitätsstandards und unabhängiger Kontrolle. Ob KI Betroffenen
insgesamt eher hilft oder schadet, ist bislang wissenschaftlich nicht
ausreichend geklärt.

Geprüfte Angebote als Ergänzung

Fachleute raten deshalb, KI allenfalls ergänzend zu nutzen.
«Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, und
Betroffene sollten sich unbedingt weiterhin an Hausärzte, Psychiater
oder Psychologische Psychotherapeuten wenden», betont die Stiftung
Deutsche Depressionshilfe.

Wer digitale Unterstützung nutzen möchte, sollte auf geprüfte
Angebote zurückgreifen. Dazu zählen etwa zugelassene digitale
Gesundheitsanwendungen - sogenannte «Apps auf Rezept», die ärztlich
verordnet und von der Krankenkasse bezahlt werden - sowie begleitete
Onlineprogramme.

Zur Studie

Für die Untersuchung wurden bundesweit 2.500 Menschen im Alter von 16
bis 39 Jahren in einer Online-Befragung im März 2026 befragt.

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