Selbsternanntes «Ikea-Kartell» - Nur Spitze des Eisbergs? Von Magdalena Henkel und Marco Krefting, dpa

Über 150 Diebstähle, rund 130.000 Euro Schaden, Bestellungen per
Screenshot und Bargeld unter Fußmatten: Vor Gericht zeigt sich, wie
raffiniert die Bande vorging - und wie leicht sie es auch hatte.

Freiburg (dpa/lsw) - Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass dieses
Vorgehen über Jahre funktioniert hat: Eine Ikea-Kassiererin soll das
Möbelhaus in Freiburg bestohlen haben. Nicht im Alleingang -
stattdessen band die Frau unter anderem ihren Mann, ihre Tochter,
eine enge Freundin und Bekannte ein. In Chats bezeichneten sie sich
selbst laut dem Staatsanwalt als «Ikea-Kartell».

Mal soll die heute 50-Jährige die Komplizen mit Waren an ihrer Kasse
vorbeigelassen haben, ohne diese einzuscannen oder abzukassieren.
Diebstahlsicherungen seien dafür sogar abgeklebt worden. Die Beute
behielt die Bande, verkaufte sie online weiter - oder beschaffte
sogar im Auftrag spezielle Möbel, Lampen, Regale, Esstische, Stühle
oder andere Produkte. 

In einigen Fällen soll die Kassiererin zudem Belege regulär zahlender
Kunden einbehalten haben, damit Komplizen die darauf verzeichneten
Artikel mitnehmen und anschließend gegen Erstattung zurückgeben
konnten.

Bewährungsstrafen nach schwerem Bandendiebstahl 

Nun hat das Amtsgericht Freiburg fünf Angeklagte im Alter von 26 bis
46 Jahren unter anderem wegen schweren Bandendiebstahls zu Strafen
von einem Jahr und vier Monaten bis zwei Jahren auf Bewährung
verurteilt. «Dieses Urteil ist ein sehr mildes Urteil», sagte der
Vorsitzende Richter. «Das Gericht hat versucht, Ihnen
entgegenzukommen.» Mit Ach und Krach sei es gelungen, gegen die nicht
vorbestraften Angeklagten Bewährungsstrafen auszusprechen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Vorausgegangen war eine
Verständigung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung.
Dabei einigten sie sich auf einen Strafrahmen gegen Geständnisse der
Angeklagten. 

Doch vor Gericht wurde deutlich: Das war längst nicht alles. Eine
Polizistin als Zeugin sprach von einem großen Ermittlungskomplex. 15
Tatbeteiligte und mehr als 150 Diebstahlhandlungen seien ermittelt
worden. Die Staatsanwaltschaft kommt auf einen Schaden von rund
130.000 Euro - gemessen am Wert der Waren, die von Februar 2019 bis
Januar 2023 aus der Filiale gestohlen wurden. 

Hinzu kämen zahlreiche Auftraggeber, die Waren bestellt hätten:
einige nichts ahnend - andere sehr wohl wissend, dass es hier nicht
mit rechten Dingen zugehen kann. Manche von ihnen hätten sich der
Hehlerei strafbar gemacht, sagte die Polizistin. Mehrere Verfahren
seien abgetrennt worden. Auch gegen Mitarbeiter der Logistikabteilung
liefen separate Verfahren. 

Bestellung per Screenshot

Die Zeugin las aus Chatverläufen vor, aus denen die Absprachen
hervorgehen. «Gibt's Großauftrag?», fragte einer der Komplizen, die
die Kassiererin als ihre «Jungs» bezeichnet habe. An anderer Stelle
hieß es: «Nimm' so viel du tragen kannst.» Auch hätten die Täter

offen darüber geschrieben, dass sie «klauen».

Vor allem Kommoden seien begehrt gewesen, schilderte die Beamtin. So
sehr, dass die Kassiererin sogar mal einen Mitnahme-Stopp verhängte:
«Sorry, fehlen schon zu viele.» Die Bande habe für die Beute oft
weniger als den Verkaufspreis verlangt. Bezahlt wurde demnach in bar.
«Das zeigt einfach auch, dass das verschleiert wurde.» Das Geld sei
teils unter Fußmatten verstaut worden. 

Die Hauptbeschuldigte sei seit 2018 bei Ikea angestellt gewesen. «Sie
hat ihre Position als Kassiererin systematisch ausgenutzt», stellte
die Polizistin fest. Und sie habe eingeteilt, wer welche Aufgabe
übernehme. Das Ganze war irgendwann so eingespielt, dass Screenshots
aus dem Ikea-Katalog reichten.

Die Ex-Kassiererin selbst ist nicht von dem Urteil betroffen,
wenngleich sie mit angeklagt war. Doch nach Auskunft ihres Anwalts
hat ein Arzt sie am Morgen mehrere Wochen krankgeschrieben. Daher
wurde ihr Verfahren abgetrennt.

Hat es Ikea der Bande zu einfach gemacht?

Ikea äußerte sich auf Anfrage nicht «zu Einzelfällen sowie zu unser
en
Sicherheits- und Kassensystemen». Kameraüberwachung habe es
seinerzeit im Kassenbereich der Freiburger Filiale nicht gegeben,
sagte die Polizistin aus. Bei Inventuren seien jedoch immer wieder
Differenzen festgestellt worden, im Jahr 2022 sogar der höchste
Fehlwert deutschlandweit.

Vor Gericht zeigte sich auch, dass das Einrichtungshaus schon früher
Verdacht geschöpft hatte. 2021 habe es einen Hinweis auf die damalige
Kassiererin gegeben. Zwischenzeitlich setzte Ikea Privatdetektive auf
die Frau an, die sogar Teppichkäufe im Internet fingierten. Doch es
passierte erst einmal nichts. 

Das Unternehmen habe über einen längeren Zeitraum nur zugesehen und
habe es geschehen lassen, sagte einer der Verteidiger. Die
Hemmschwellen seien gering gewesen, räumte der Staatsanwalt in seinem
Plädoyer ein. Und sie seien mit jedem erfolgreichen Vorbeiwinken der
Kassiererin nochmal gesunken. 

Ausschlaggebend für die Ermittlungen der Behörden war am Ende wohl
ein Nachbar einer Angeklagten, der laut der Polizistin Ikea von
seinen Beobachtungen berichtete: Immer wieder seien originalverpackte
Produkte im Keller verschwunden - und später dort wieder herausgeholt
worden. 

Ende 2022, einen Tag vor Heiligabend, habe Ikea dann Anzeige
erstattet. Bei Durchsuchungen hätten die Einsatzkräfte nicht nur
Dutzende verpackte Artikel sichergestellt, sagte die Polizistin. Auch
die Wohnungen der Betroffenen seien größtenteils mit hochwertiger
Ikea-Ware ausgestattet gewesen.

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