Wie lebt es sich auf einer Bohrinsel? Von Janet Binder und Christian Charisius

Die Ingenieurin Sandra Ludwig ist eine der wenigen Frauen, die
regelmäßig auf der Bohrinsel Mittelplate in der Nordsee arbeiten.
Warum sie sich keinen besseren Job vorstellen kann.

Cuxhaven/Friedrichskoog (dpa) - Wenn Sandra Ludwig auf einer Party
von ihrem Job erzählt, machen die Leute große Augen. «Sie sind immer

sofort begeistert», sagt die Ingenieurin, die europaweit auf
unterschiedlichen Bohrinseln tätig ist. Derzeit ist ihr Einsatzort
die Offshore-Anlage Mittelplate in der Nordsee vor der Küste
Schleswig-Holsteins. Rund 90 Menschen sind dort rund um die Uhr im
Einsatz. Die Kielerin ist eine der wenigen Frauen, die hier arbeiten
und die Einzige, die direkt an den Bohrungen beteiligt ist. Das
andere weibliche Personal ist vor allem für die Zimmerreinigung
zuständig. 

Gerade hat eine neue Bohrung begonnen 

Die 51-Jährige ist vor einigen Tagen ab Cuxhaven mit dem Schiff
angereist, um die 33. Bohrung im größten deutschen Ölfeld
mitzubetreuen. Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Jonink ist sie
dafür zuständig, dass der frisch gesetzte, mit Industriediamanten
belegte Bohrkopf durch das Sedimentgestein exakt in die gewünschte
Richtung gesteuert wird. «Wir sind sehr spezialisiert auf das, was
wir machen», sagt Ludwig. Alle notwendigen Daten überwachen sie auf
zehn Bildschirmen. «Manchmal reichen die noch nicht», sagt der
62-jährige Jonink. 

Ludwig und Jonink sind für ihren Arbeitgeber, die
Erdöl-Servicegesellschaft Baker Hughes aus Celle, europaweit als
Richtbohr-Ingenieure im Einsatz. Seit rund 15 Jahren sind die beiden
regelmäßig auch auf der Plattform Mittelplate. Seit Inbetriebnahme
der Bohrinsel 1987 wurden dort nach Angaben des Hamburger Betreibers
Harbour Energy bereits 43 Millionen Tonnen Öl gefördert. 

Mittelplate ist das förderstärkste deutsche Ölfeld 

Durch die Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus ist
die Versorgung mit Erdöl weltweit unter Druck geraten. Daran ändert
auch die deutsche Erdölförderung nichts: Diese trug im Jahr 2024 nach
Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, Energie und
Geologie nur zu zwei Prozent zur Deckung des bundesweiten Verbrauchs
bei. Die wichtigsten Erdölfelder liegen in Niedersachsen und
Schleswig-Holstein, Mittelplate ist das förderstärkste. Das Rohöl
fließt dort durch eine unterirdische Pipeline im Wattenmeer nach
Friedrichskoog. In Raffinerien wird es zu Kerosin für den
Luftverkehr, zu Bitumen für den Straßenbau oder zu petrochemischen
Produkten weiterverarbeitet, die für Medikamente, Kosmetika oder
Reinigungsmittel verwendet werden. 

Gegen die Erlaubnis zur Ölförderung im Flora-Fauna-Habitat-Gebiet
Wattenmeer ist derzeit eine Klage der Deutschen Umwelthilfe anhängig.
Wie auch immer das Gerichtsverfahren ausgeht - spätestens 2041 ist
mit der Offshore-Förderung Schluss. 2024 hatte die Kieler
Landesregierung angekündigt, keine Genehmigungen mehr für die
Erschließung neuer Ölfelder in der Nordsee zu erteilen. Noch fließen

jedoch jeden Tag 2,5 Millionen Liter Erdöl durch die Pipeline,
berichtet Martin Buttchereit von Harbour Energy. 

Nach Feierabend geht es in die Sauna 

Es ist Nachmittag. Während ihr Kollege Jonink die Bohrung steuert und
überwacht, ist Sandra Ludwig gerade erst aufgestanden. Sie hatte
Nachtschicht, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Sie teilt
sich eine Kammer mit einer Kollegin, die in der Tagesschicht
eingesetzt ist. «Dadurch hat man nach der Arbeit seine Ruhe und einen
Rückzugsort für sich allein», sagt Ludwig. Wenn sie nicht zu kaputt
von der Arbeit ist, geht sie nach Feierabend in die Sauna, in den
Fitnessraum oder vertreibt sich die Zeit mit Gesellschafts- und
Computerspielen. «Wir haben auch schon mal einen Kinoabend
organisiert.» 

Alle Beschäftigten auf der Bohrinsel arbeiten im
Zwölf-Stunden-Rhythmus, um einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb zu
gewährleisten. Das Personal setzt sich zu zwei Dritteln aus externen
Firmen zusammen. Zwei Wochen wird Sandra Ludwig bleiben, anschließend
hat sie zwei Wochen frei. Bis zum Abschluss der aktuellen Bohrung
voraussichtlich im August wird ihr Einsatzort Mittelplate bleiben.
Auf den Einsatz hat sie sich gefreut: «Wir sind hier alle sehr
familiär miteinander.» 

Bohrrohre werden spinnenbeinförmig gesetzt 

Die Plattform ist fast so groß wie ein Fußballfeld. Der 70 Meter hohe
Bohrturm überragt alle anderen festen Module auf der künstlichen
Insel - auch das Wohnquartier mit Helikopter-Landeplatz, der für
Notfälle vorgehalten wird. In der Bohranlage wird gerade ein neun
Meter langes Rohr nach dem anderen ineinander verschraubt und in den
Wattenmeerboden versenkt. Harte körperliche Arbeit ist das für die
Facharbeiter längst nicht mehr, stattdessen nutzen sie dafür
Hightech-Anlagen. 

Wie das Rohr sich anschließend im Boden weiterbewegt, steuert Martin
Jonink. Denn es geht nicht einfach senkrecht nach unten. Direkt unter
der Plattform ist das Öl längst gefördert worden. Um an die Reserven

in einem Radius von mehreren Kilometern zu gelangen, verzweigen sich
die Bohrrohre spinnenbeinförmig. Im Büro von Ludwig und Jonink hängt

an der Wand ein Plan, wie die Neigungen des aktuellen Rohres
verlaufen müssen. «1.449 Meter haben wir schon Richtung Nordwesten
gebohrt», sagt Martin Jonink. Bis zu 9.000 Meter können die Rohre
lang sein. Die Öllagerstätte selbst befindet sich in einer Tiefe von
2.500 Metern. 

«Die Arbeit ist technisch hochinteressant», betont Jonink. Für ihn
ist der Job auf der Bohrinsel ein permanentes Abenteuer. Sandra
Ludwig kann ihm da nur zustimmen. «Ich könnte mir nicht vorstellen,
acht Stunden am Tag immer im selben Büro mit denselben Menschen zu
arbeiten.»

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