Babyklappen im Norden werden selten genutzt
Fünf Babyklappen in Schleswig-Holstein retten selten, aber manchmal
Leben. Warum Betreiber an dem Angebot festhalten und was das Recht
auf vertrauliche Geburt verändert hat.
Lübeck/Reinbek (dpa/lno) - Nur selten werden Neugeborene in einer
Babyklappe in Schleswig-Holstein abgelegt - aus Sicht der Betreiber
bleibt das Angebot dennoch wichtig. Die fünf Babyklappen des Landes
befinden sich in Lübeck, Pinneberg, im Ortsteil Satrup der Gemeinde
Mittelangeln, Kiel und Reinbek. Sie ermöglichen es Müttern, die
verzweifelt sind und anonym bleiben möchten, ihr ungewolltes Kind in
Sicherheit zu bringen.
«Selbst wenn wir zukünftig nur ein einziges Neugeborenes mit unserer
Babyklappe retten können, ist es für uns das Fortführen unserer
Babyklappe mehr als wert», sagte die Sprecherin des Krankenhauses
Reinbek St. Adolf-Stift. Die dortige Babyklappe wurde nach langer
interner Diskussion 2008 eingerichtet, seitdem wurden dort demnach
insgesamt 5 Neugeborene abgelegt: Je zwei Kinder in den Jahren 2012
und 2013, sowie ein Baby im Jahr 2024.
Betreiber von bundesweit erster Babyklappe auch bei Flensburg aktiv
Vor 26 Jahren - am 8. April 2000 - eröffnete die Einrichtung
Sternipark in Hamburg-Altona Deutschlands erste Babyklappe. Hinter
den Klappen und Türen befindet sich in der Regel ein Bettchen. Darauf
liegt ein Brief an die Mutter. Ist die Klappe geschlossen, lässt sie
sich von außen nicht mehr öffnen. Wenige Minuten später - damit die
Mutter Zeit hat, sich unerkannt zu entfernen - geht ein Alarm an,
dass die Babyklappe genutzt wurden.
Insgesamt betreibt Sternipark heute drei Babyklappen: Zwei in Hamburg
sowie eine im Ortsteil Satrup im schleswig-holsteinischen
Mittelangeln. Insgesamt wurden seit Bestehen der Babyklappe 60
Säuglinge in die drei Babyklappen gelegt. In Satrup in der Nähe von
Flensburg wurde zuletzt im Spätsommer 2024 ein Baby abgegeben.
Totes Baby auf Mülldeponie Anlass für Lübecker Babyklappe
Auch die Babyklappe in Lübeck gehört mit zu den ersten Babyklappen
Deutschlands. Sie wurde 2000 nur wenige Monate nach Eröffnung der
Hamburger Babyklappe eingerichtet. Das erste Baby in Lübeck wurde
2003 abgegeben, sagte die Vorsitzende des Vereins Leben bewahren,
Friederike Garbe.
Sie habe die Babyklappe eröffnet, weil sie gelesen habe, dass in
Hamburg ein totes Baby gefunden wurde. «Und kurze Zeit später wurde
bei uns in Lübeck auf der Mülldeponie ein totes Baby gefunden.»
Insgesamt wurden 23 Neugeborene und ein registriertes Geschwisterpaar
in der Hansestadt abgegeben - das bislang letzte Mal im August 2024.
Kreistag in Pinneberg forderte Einrichtung einer Babyklappe
In Pinneberg war das Schicksal eines Findelkindes im Kreisgebiet Ende
2003 Anlass für die Einrichtung einer Babyklappe gewesen, wie die
Sprecherin der Regio Kliniken sagte. Der Säugling sei auf den Stufen
eines Einfamilienhauses gefunden worden, nachdem dessen Eltern dort
geklingelt und weggelaufen waren.
Nach diesem Vorfall forderte der Pinneberger Kreistag den Angaben
zufolge die Einrichtung einer Babyklappe. Diese wurde schließlich
2007 eröffnet. Seitdem wurden dort insgesamt fünf Babys abgelegt,
zuletzt im August 2015.
Vertrauliche Geburten seit 2014 möglich
Babyklappen sind allerdings durchaus umstritten. Kritiker führen
unter anderem an, dass die anonyme Abgabe das Recht des Kindes auf
Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletze.
Um die Situation von Müttern und Kindern in Not zu verbessern, wurde
im Jahr 2014 wurde in Deutschland bundesweit die Möglichkeit einer
vertraulichen Geburt eingeführt. Diese ermöglicht es den Angaben des
Bundesministeriums für Familie zufolge Schwangeren in Notsituationen,
ihr Kind medizinisch sicher, aber ohne Offenlegung ihrer Identität
zur Welt zu bringen. Zudem wahrt sie das Recht des Kindes auf
Kenntnis der eigenen Abstammung.
Mehrere vertrauliche Geburten pro Jahr in Schleswig-Holstein
Bei vertraulichen Geburten können Mütter anonym entbinden und einen
Vornamen für das Kind auswählen. Ihre persönlichen Daten werden in
einem versiegelten Brief beim Bundesamt für Familie verwahrt. Das
Kind kann diesen Herkunftsnachweis nach seinem 16. Geburtstag
einsehen, wenn es möchte. Begleitet wird der gesamte Prozess der
vertraulichen Geburt durch eine Schwangerschaftsberatungsstelle.
In Schleswig-Holstein wurden nach Angaben des
Landessozialministeriums vorliegenden Rückmeldungen zufolge von 2014
bis 2024 insgesamt 44 Herkunftsnachweise übermittelt. Die jährlichen
Fallzahlen bewegen sich nach Angaben einer Sprecherin dabei
durchgängig im niedrigen einstelligen Bereich.
Betreiber halten an Babyklappen fest
Das Angebot einer vertraulichen Geburt sei begrüßenswert, weil
vermutlich darum insgesamt weniger Kinder in Babyklappen abgelegt
werden und die Frauen eine medizinische Versorgung unter der Geburt
erhalten, sagte die Sprecherin des Reinbeker Krankenhauses. «Wir
glauben jedoch nicht, dass eine vertrauliche Geburt die Babyklappen
komplett ersetzen kann, da sich nicht alle Frauen in ihrer Not den
Beratungsstellen mitteilen können.»
Ähnlich sehen es die Regio Kliniken Pinneberg. Vertrauliche Geburten
seien immer die bessere Lösung, weil Mutter und Kind während und nach
der Geburt umfassend versorgt werden, sagte deren Sprecherin. Dennoch
seien Babyklappen weiterhin sehr wichtig, da nicht jede Frau
rechtzeitig Hilfe suche oder den Weg ins Krankenhaus schaffe. «Diese
werdenden Mütter stecken oft in einer großen Krise und handeln aus
Angst, Verzweiflung oder Überforderung spontan. In solchen akuten
Situationen kann eine Babyklappe das Leben eines Neugeborenen
retten», sagte die Sprecherin.
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