Kaiserschnitte in Ägypten: Eine der höchsten Raten weltweit Von Johannes Sadek, dpa

Sieben von zehn Babys werden in Ägypten per Kaiserschnitt geboren.
Über Profit, drohende Haftstrafen und eine große Entscheidung, die
Ärzte auch mal ohne die Schwangeren treffen.

Kairo (dpa) - Als Malak al-Assaui zum ersten Mal schwanger wurde,
hatte sie vor allem einen Wunsch: eine natürliche Geburt. Aber ihr
behandelnder Arzt in Ägypten hatte - so vermutet sie - von vornherein
einen anderen Plan. «Vor meinem errechneten Termin fing er an, mich
davon zu überzeugen, dass ich dieses Baby per Kaiserschnitt auf die
Welt bringen würde», sagt die 35-Jährige. So kam es dann auch - wie
bei ihren zwei weiteren Geburten.

Bis heute fragt sich al-Assaui, ob ihre Kinder auf natürlichem Weg
hätten kommen können, ob die Eingriffe medizinisch notwendig waren.
«Ich erinnere mich nur noch daran, dass sie mir keine Wahl gelassen
haben. Sie haben es nicht einmal versucht», sagt sie zur ersten
Geburt. Als ihre Fruchtblase platzte und sie im Krankenhaus bat, sie
wolle es erst auf natürlichem Wege versuchen, habe der Arzt
geantwortet: «Ihr Kaiserschnitt-Termin ist morgen.»

In kaum einem Land der Welt kommen so viele Kinder per Kaiserschnitt
zur Welt wie in Ägypten. 2021 lag die Kaiserschnitt-Rate nach
offiziellen Angaben bei 72 Prozent. Im Ort Port Said kommt
statistisch sogar nur jedes zehnte Kind auf natürlichem Weg zur Welt.
Die Regierung in Kairo bemüht sich, gegenzusteuern. Denn ein
Kaiserschnitt kann zwar Leben retten, aber Müttern und Kindern auch
schaden, wenn er medizinisch gar nicht notwendig ist.

Globaler Trend mit Ägypten im Spitzenfeld

Von solchen Zahlen ist Deutschland, wo 2023 etwa ein Drittel der
Babys per «Sectio» zur Welt kam, weit entfernt. Binnen 30 Jahren hat
sich der Anteil damit allerdings nach Daten des Statistischen
Bundesamts fast verdoppelt. 1993 brachten nur knapp 17 Prozent der
Frauen ihr Kind mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Die
Weltgesundheitsorganisation (WHO), die lang eine Rate von maximal 10
bis 15 Prozent empfahl, spricht von einem globalen Trend mit
verschiedenen Ursachen je nach Land. 

«Viele, viele Patienten in Ägypten und im arabischen Raum bitten um
einen Kaiserschnitt», sagt Jusra Laschin, die in Kairo eine
Frauenarztpraxis führt. «Sie wollen keine Schmerzen mitten in der
Nacht. Sie wollen keine Überraschungen.» Diese Frauen wollten lieber
ein geplantes Ereignis, ein «perfektes Zimmer mit Ballons und
Schokolade und sich schminken für eine Fotosession» nach Ankunft des
Babys, sagt Laschin.

Wirtschaftlicher Druck ist auch ein Grund

Für einen Teil der Mütter mag das stimmen. Aber Ägyptens Ärzte
greifen bei einer Geburt auch aus ganz anderen Gründen gern zum
Skalpell. 

Da wäre zunächst der Lohn: Ärztinnen und Ärzte verdienen in der
wachsenden Zahl privater Krankenhäuser oft mehr an einem
Kaiserschnitt, teils ist bei Kritikern die Rede von «Profitgier». Aus
wirtschaftlichem Druck arbeiten viele parallel in mehreren Kliniken -
und können mit Kaiserschnitten besser planen. Der Eingriff dauert im
Kern oft nur 15 Minuten, ein Arzt könnte also zehn oder mehr
Kaiserschnitte durchführen in der Zeit einer einzigen natürlichen
Geburt. 

So beschreibt es auch der Gynäkologe Scharif Hamsa. «Beim ersten Baby
wartet man im Schnitt sechs bis zwölf Stunden.» Ein Arzt, der mehrere
Jobs und sein Privatleben habe, frage sich deshalb: «Warum soll ich
das machen? Ich mache einen Kaiserschnitt und gehe nach Hause.»
Hebammen, die bei allen Geburten in Deutschland Pflicht sind, gibt es
kaum oder gar nicht. 

«Wenn etwas schiefläuft, ist der Arzt schuld»

Ägypten ringt mit einer schweren Wirtschaftskrise, ein Drittel lebt
in Armut. Die Versorgung in staatlichen Krankenhäusern ist schlecht,
oft fehlt es an Geräten, um etwa den Herzschlag des Babys zu
verfolgen. Blutbanken sind oft leer oder gar nicht vorhanden.
Natürliche Geburten können deshalb auch Risiken bedeuten. Wer kann,
geht in eine private Klinik, viele zahlen aus eigener Tasche.

Dazu kommen rechtliche Fragen. So drohen Haftstrafen für Ärzte, wenn
es bei einer natürlichen Geburt zu Komplikationen oder gar zum Tod
von Baby oder Mutter kommt, auch wenn Ärzte sich strikt ans Protokoll
halten. «Wenn etwas schiefläuft, ist der Arzt schuld», sagt Hussein
Gohar, einer der bekanntesten Gynäkologen in Kairo. Viele Kollegen
betrieben deshalb «defensive Medizin». 

Angst vor Schadensersatzforderungen auch in Deutschland

Mit der Versorgung in Deutschland ist Ägypten nicht vergleichbar,
aber auch hier gibt es rechtlichen Druck. Die Angst vor
Schadensersatzforderungen bei unterbliebenem Kaiserschnitt sei
allgegenwärtig, sagte Andrea Köbke vom Präsidium des Hebammenverbands

der dpa im vergangenen Jahr. In Deutschland spielt aber auch das
zunehmende Alter der Mütter eine Rolle, das mehr Risiken bedeutet und
damit eine stärkere Tendenz zum Kaiserschnitt. 

Ägypten bemüht sich, die Zahlen zu senken. Krankenhäuser müssen
neuerdings dokumentieren, wann ein Kaiserschnitt durchgeführt wurde
und warum. Zuletzt gab es Inspektionen in mehreren Kliniken der
Hauptstadt. Kosten sollen vereinheitlicht und künftig Hebammen
geschult werden. Es gibt auch private Kampagnen, die Frauen aufklären
und ermutigen sollen, selbst zu entscheiden. 

Experte: Rate von 72 Prozent ist «keine Medizin»

Experte Alexandre Dumont bezeichnet die Rate von 72 Prozent als
alarmierend. «Es ist unfassbar hoch. Das ist keine Medizin und nicht
vereinbar mit dem hippokratischen Eid» von Ärzten, Patienten nicht zu
schaden. Dumont, der an der Pariser Universität Sciences Po zum Thema
forscht, hat ein Projekt gestartet, das das Selbstbewusstsein von
Schwangeren stärken soll. 

In weniger entwickelten Ländern könnten Frauen in der Frage oft gar
nicht frei entscheiden, sagt Dumont. «Der Arzt hat Macht, er wird
sehr respektiert. Er ist Teil der oberen Gesellschaftsschicht,
wohlhabend und gebildet.» Frauen aus ärmeren Schichten ließen sich da

leicht vom Kaiserschnitt überzeugen. «Diese Beziehung ist nicht fair.
Die Frau sollte mit entscheiden können», sagt Dumont. 

Keine Kurse für werdende Mütter, keine Hebammen

«Es gibt kein System, keine angemessene Beratung für Frauen, keine
Kurse zur Geburtsvorbereitung und sehr wenige bis gar keine
Hebammen», sagt auch Gynäkologe Gohar. Zudem sind die als PDA
bekannte Periduralanästhesie und andere Mittel zur Schmerzbehandlung
oft nicht verfügbar oder teuer. Umso weiter verbreitet ist die Angst
vor der Geburt, die 70 Prozent der werdenden Mütter laut einer Studie
von 2024 in Ägypten empfinden. In westlichen Ländern liegt der Wert
demnach bei 5 bis 15 Prozent.

Den Trend umzukehren, könnte Jahre dauern. Gefragt ist vor allem die
jüngere Generation von Ärzten, aber «die kennt Komplikationen einer
normalen vaginalen Geburt überhaupt nicht» sagt Gohar. In der
Ausbildung gehe die Tendenz zum Kaiserschnitt.

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