Mehr Navigation für Patienten in dringenden Fällen Von Sascha Meyer, dpa
Wenn sonntags plötzlich Beschwerden auftreten, gehen viele direkt in
Rettungsstellen der Krankenhäuser - stundenlanges Warten meistens
inklusive. Kommen bald effizientere Wege, die das unnötig machen?
Berlin (dpa) - Patientinnen und Patienten mit dringenden Anliegen
sollen künftig gezielter zu passenden Behandlungsangeboten kommen,
statt in überfüllte Notaufnahmen der Krankenhäuser zu gehen. Das
sehen Gesetzespläne von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor,
die das Bundeskabinett auf den Weg gebracht hat. Kernpunkt soll eine
stärkere Steuerung über neue zentrale Anlaufstellen in vielen
Kliniken und bundesweit per Telefon sein - vor allem nachts und an
Wochenenden, wenn normale Praxen geschlossen sind.
Warken sagte, die Menschen müssten sich auf eine Notfallversorgung
verlassen können, die im Ernstfall schnell Hilfe leiste. «Und zwar
egal, wo sie wohnen, in der Stadt oder auf dem Land.» Viele Anliegen
müssten aber nicht zwingend in Krankenhäusern behandelt werden. Die
Reform solle Hilfesuchende daher besser zu der Versorgungsebene
navigieren, die am besten helfen kann. Im Blick stehen vor allem zwei
Zugangswege außerhalb der Praxisöffnungszeiten:
Wenn Patientinnen und Patienten anrufen,
... sollen sie unter der bundesweiten Servicenummer 116 117 der
Kassenärzte eine Ersteinschätzung zum weiteren Vorgehen bekommen.
Viele Beschwerden könnten an diesen «Akutleitstellen» schnell und
unkompliziert mit telefonischer ärztlicher Beratung geklärt werden,
erläuterte das Ministerium - auch per Video. Für dringende akute
Fälle sollen außerdem rund um die Uhr ärztliche Notdienste auch für
Hausbesuche bereitgehalten werden.
Vorgesehen ist eine enge digitale Vernetzung der Hotline mit der
Notrufnummer 112 für lebensbedrohliche Situationen wie Herzinfarkte
oder Unfälle. Wenn man dort in dringenden Fällen anruft, sollen die
Rettungsleitstellen klären, ob ein Rettungswagen, ein Notarzt oder
sogar ein Hubschrauber geschickt wird - oder ob man auch nur zur
Akutleitstelle der 116 117 weitergeleitet wird.
Kommen soll auch eine Vorgabe, dass man bei Anrufen unter der 112
gleich am Telefon eine Anleitung zur Wiederbelebung bekommt, wenn
jemand anders etwa einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand hat.
Die Rettungsleitstellen sollen mit Apps vernetzt werden, über die
freiwillige Ersthelfer alarmierbar sind.
Wenn Patientinnen und Patienten direkt in die Klinik gehen,
... sollen sie an vielen Standorten an einem Empfangstresen zunächst
eine Ersteinschätzung bekommen, wohin es geht - in die Notaufnahme
oder eine nahe Notdienstpraxis. Dafür sollen in Kliniken «integrierte
Notfallzentren» aufgebaut werden, die 24 Stunden am Tag geöffnet sein
sollen. An manchen Standorten kann es auch Zentren speziell für
Kinder und Jugendliche geben.
In welchen Kliniken solche Anlaufstellen entstehen, soll jeweils vor
Ort festgelegt werden. Die unterstützende Notdienstpraxis soll an
Wochenenden von 9.00 bis 21.00 Uhr offen sein, Mittwoch und Freitag
von 14.00 bis 21.00 Uhr und Montag, Dienstag und Donnerstag von 18.00
bis 21.00 Uhr.
Geplant ist auch ein Anreiz, vor dem Weg ins zum Krankenhaus zuerst
bei der 116 117 anzurufen, wo man eine erste Einschätzung zur
Dringlichkeit bekommt. Patientinnen und Patienten mit einem
entsprechenden Nachweis sollen dann am zentralen Tresen in der Klinik
bei gleichgewichtigen Beschwerden in der Regel schneller drankommen
als «Selbsteinweiser», die direkt vorstellig werden.
Neuer Rahmen für Rettungsdienst
Der Gesetzentwurf sieht auch Neuregelungen beim Rettungsdienst vor.
Die Notfallrettung soll künftig regulärer Teil des Leistungskatalogs
der gesetzlichen Krankenkassen sein. Bisher hängt die Kostenübernahme
daran, dass Patienten in Kliniken transportiert werden, was oft gar
nicht nötig wäre. Ausgeschlossen werden sollen auch Fälle, in denen
Patienten auf Kosten dafür sitzen bleiben.
Immer mehr Andrang in Rettungsstellen
Zuletzt wurden in Kliniken immer mehr Menschen als ambulante Notfälle
behandelt, ohne in Stationen aufgenommen zu werden. Im Jahr 2024
stieg die Zahl laut Statistischem Bundesamt auf 13 Millionen. Das war
ein Plus von fünf Prozent im Vergleich zu 2023 und der Höchstwert
seit Erfassungsbeginn 2018. Im Schnitt wurden täglich 35.600 Menschen
in Notfallambulanzen versorgt.
Von Ärzten und Klinikbranche kommt Kritik an der Reform, auch
angesichts der Sparpläne der Koalition bei Vergütungen zum
Stabilisieren der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kassenärztliche
Bundesvereinigung (KBV) warnte davor, Leistungsversprechen in
«unzumutbarer Art und Weise» aufzublähen, wofür es keine personelle
n
Ressourcen gebe. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erklärte,
Kliniken, die bereits heute ums Überleben kämpften, könnten keine
zusätzlichen Aufgaben übernehmen, die weitere Verluste verursachen.
Wie es weitergeht
Der Gesetzentwurf kommt nun in den Bundestag. Warken sagte: «Es ist
der dritte Anlauf für eine längst überfällige Reform, und der muss
und der wird auch gelingen.» Das Vorhaben knüpft an Gesetzespläne der
Vorgängerregierung an, die wegen des Bruchs der Ampel-Koalition aber
nicht mehr umgesetzt wurden. Der Spitzenverband der gesetzlichen
Kassen mahnte bundesweit einheitliche Vorgaben für die
Ersteinschätzung und die Standorte der künftigen zentralen
Empfangstresen in Kliniken an, bei denen es keinen Flickenteppich
geben sollte.
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