Weniger Straftaten - Mehr gewalttätige Kinder Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa
Das Cannabis-Gesetz, Grenzkontrollen und ein Fall aus Berlin
beeinflussen die Kriminalstatistik. Der Anstieg der
Gewaltkriminalität ist vorerst gebremst. Sorgen bereitet die Zahl
straffälliger Kinder.
Berlin (dpa) - Die Polizei hat in Deutschland 2025 bundesweit rund
212.300 Gewaltverbrechen registriert - 2,3 Prozent weniger als im
Jahr zuvor. Sorgen bereitet die nach wie vor steigende Zahl
tatverdächtiger Kinder.
Ein Teil des Rückgangs bei den Straftaten insgesamt - ohne Verstöße
gegen das Aufenthaltsrecht und andere ausländerrechtliche Vorgaben
wurden 4,4 Prozent weniger Taten aktenkundig als 2024 - geht auf die
Teillegalisierung von Cannabis im April 2024 zurück.
Die wichtigsten PKS-Kennzahlen für 2025:
* Rund 5,5 Millionen Straftaten wurden der Polizei bekannt. Ein
Rückgang um 5,6 Prozent gegenüber 2024. Ohne ausländerrechtliche
Verstöße war der Rückgang mit 4,4 Prozent etwas geringer. Die durch
intensivierte Grenzkontrollen und Änderungen bei den Fluchtursachen -
dazu zählt der Machtwechsel in Syrien - geringere Zahl unerlaubter
Einreisen führte zu einem Rückgang von Verstößen gegen das
Aufenthalts-, Asyl- und EU-Freizügigkeitsgesetz um über 28 Prozent.
* Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger insgesamt lag bei 35,5
Prozent und damit in etwa auf dem Niveau des Vorjahres (35,4
Prozent). Ausländerrechtliche Verstöße sind hier nicht
berücksichtigt.
* Mehr Straftaten verzeichnete die Polizei bei Leistungsbetrug
(plus 11,5 Prozent), Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen (plus
6,5 Prozent) sowie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller
Übergriff im besonders schweren Fall auch mit Todesfolge (plus 8,5
Prozent).
* Seltener ermittelte die Polizei zu Raub, räuberischer Erpressung
und räuberischen Angriffen auf Kraftfahrer (minus 7,1 Prozent). Die
registrierten Rauschgiftdelikte nahmen um 27,7 Prozent ab.
* Die Zahl der Kinder, die durch Gewaltkriminalität auffielen,
stieg zwar um 3,3 Prozent an - auf rund 14.200 Tatverdächtige. Der
Anstieg fiel jedoch weniger stark als im Vorjahr aus (plus 11,3
Prozent).
Sondereffekte beeinflussen Polizeistatistik
Neben der geringeren irregulären Zuwanderung und der Gesetzesänderung
zu Cannabis gibt es noch einen Sondereffekt. Das Bundeskriminalamt
(BKA) weist darauf hin, dass sich die Zunahme der Fälle von Mord,
Totschlag und Tötung auf Verlangen innerhalb der regelmäßig zu
beobachtenden Schwankungen bewege. 79 der in der Statistik
aufgeführten Mordfälle seien einem Berliner Fall zuzurechnen, wo ein
ehemaliger Palliativmediziner im Verdacht steht, unter Ausnutzung
schwer kranke Menschen getötet zu haben. Das BKA geht davon aus, dass
der Anteil der Sexualstraftaten, die zur Anzeige gebracht werden,
gestiegen ist. In rund drei Viertel der Fälle hätten sich Opfer und
Täter vorher gekannt.
Neue Kategorie: Messerangriff
Zu insgesamt rund 29.200 Straftaten wurde im vergangenen Jahr ein
Messerangriff erfasst, was im Vergleich zum Vorjahr einen leichten
Anstieg um 0,8 Prozent bedeutet. Messerangriffe im Sinne der
Statistik sind «Tathandlungen, bei denen der Angriff mit einem Messer
unmittelbar gegen eine Person angedroht oder ausgeführt wird.»
Die Frage nach dem Warum
Auf der Suche nach Erklärungen für den Anstieg bei Kindern im Bereich
Gewaltkriminalität verweist das BKA auf Studien, die psychische
Belastungen durch mehr «Zukunftsängste angesichts multipler Krisen»
nennen. Nicht genügend erforscht sei bisher ein möglicher
Zusammenhang zwischen der Nutzung bestimmter Social-Media-Angebote
durch Kinder und Jugendliche und der Wahrscheinlichkeit straffälligen
Verhaltens.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagt, der Rückgang von
Straftaten habe auch mit weniger irregulärer Migration zu tun. Der
Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Hamburgs Innensenator Andy
Grote (SPD), betont, unter Geflüchteten seien junge Männer
überrepräsentiert - eine Gruppe, die generell eine höhere
Kriminalitätsneigung zeige als andere gesellschaftliche Gruppen. Die
Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD),
Mehtap Caglar, kritisiert: «Die Veröffentlichung des polizeilichen
Tätigkeitsberichts wird immer dazu genutzt, Stimmung gegen Menschen
mit Migrationsgeschichte zu machen.»
Studie zeigt hohe Betroffenheit durch Cybercrime
Eine umfangreiche Dunkelfeldstudie zur Kriminalitätsbelastung, die
zeitgleich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)
veröffentlicht wurde, zeigt, dass der Anteil der Menschen, die Opfer
von Cyberkriminalität (18 Prozent), Diebstahl (12,7 Prozent) und
Betrug (12,6 Prozent) werden, relativ hoch ist. Die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer der für die Wohnbevölkerung im Alter ab 16 Jahren
repräsentativen Studie waren nach Kriminalitätserfahrungen im Jahr
2023 gefragt worden. Die Ergebnisse belegen auch, dass 16- und
17-Jährige am stärksten von Körperverletzung betroffen sind (8,5
Prozent). Mit steigendem Alter sinkt der Anteil stetig und liegt laut
Studie unter den über 84-Jährigen bei 0,2 Prozent.
Mehr als jede zehnte Frau hat sexuelle Belästigung erfahren
Deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es laut Studie
bei bestimmten Gewaltdelikten. Während 11,2 Prozent der Frauen
angaben, binnen eines Jahres Opfer sexueller Belästigung geworden zu
sein, waren es unter den Männern 2,9 Prozent. Männer waren dagegen
häufiger von Körperverletzung betroffen (3,1 Prozent) als Frauen
(zwei Prozent). Erfreulich sei, dass das allgemeine Sicherheitsgefühl
der Studie zufolge tagsüber inzwischen sehr hoch und nachts besser
als bei einer früheren Befragung sei, sagt BKA-Präsident Holger
Münch.
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