Giuffres Vermächtnis: Epstein-Opfer warten auf Gerechtigkeit Von Patricia Bartos, dpa
Ihre Berichte brachten den Skandal um Epstein vor Jahren ins Rollen.
Doch nach wie vor kämpfen die Opfer des Sexualstraftäters um
Gerechtigkeit. Bleibt ihr Kampf am Ende vergeblich?
London/Washington (dpa) - «Innerlich schreit man, weiß aber nicht,
wie man es rauslassen soll», sagt Virginia Giuffre in einem ihrer
vielen Interviews - ihr Blick entschlossen, ihre Worte unerschrocken.
«Man wird zu einer gefühllosen Gestalt». Am Ende gehorche man
einfach. Denn das sei oft einfacher, als über das Geschehene zu
sprechen, sagt die damals 36-Jährige 2019 dem «Miami Herald». Sie
spricht über Jeffrey Epstein.
Mit dem Mut, irgendwann doch über die an ihnen begangenen Verbrechen
zu sprechen, zwang Giuffre gemeinsam mit anderen Frauen einen der
weitreichendsten Fälle massiver sexueller Gewalt an die
Öffentlichkeit. Giuffre gilt als eines der prominentesten Opfer des
Missbrauchsskandals um den Sexualstraftäter. Vor knapp einem Jahr, am
25. April 2025, schockierte ihr plötzlicher Tod Menschen weltweit.
Auf ihrer Farm in Westaustralien nahm sich Giuffre im Alter von 41
Jahren das Leben.
Jahrelang hatte der 2019 in Haft gestorbene US-Finanzier einen
Missbrauchsring betrieben. Hunderte Frauen und Mädchen fielen diesem
zum Opfer - die genaue Zahl der Betroffenen ist bis heute unklar.
Wenige Monate nach Giuffres Tod zeichnen die schier unzähligen Akten,
Fotos und Videos ein verstörendes Bild von Gewalt, Machtmissbrauch
und Menschenhandel. Epstein pflegte beste Kontakte in die High
Society, Berühmtheiten gingen bei ihm ein und aus. Zu neuen Anklagen
kam es in den USA aber nicht. In anderen Ländern kam es auf
politischer Ebene vereinzelt zu Rücktritten und Festnahmen. Unter
anderem in Großbritannien, Polen und Frankreich wird ermittelt.
Besteht ein Jahr nach Giuffres Tod die Chance auf Gerechtigkeit?
Opferschutz «versehentlich» vernachlässigt
Wie Giuffre machten im Laufe der Zeit immer mehr Frauen ihre
Missbrauchserfahrungen publik, ihr Feldzug gegen mächtige Männer
ermutigte dabei viele. Dem britischen Ex-Prinzen Andrew
Mountbatten-Windsor warf sie vor, sie mehrmals vergewaltigt zu haben
- und brachte ihn letztendlich zu Fall. Der jüngere Bruder von König
Charles III. verlor im Laufe der Zeit alle Titel und Ehren.
Mountbatten-Windsor bestreitet die Vorwürfe, Berichten zufolge
einigten sich beide auf einen millionenschweren Vergleich.
Lange hatten viele Betroffene und ihre Anwälte die Veröffentlichung
sämtlicher Ermittlungsakten zu Epstein gefordert. Auf die
schrittweise Publikation folgte dann jedoch primär Ernüchterung: Die
Erkenntnisse waren durch die vielen Schwärzungen beschränkt. Dafür
wurden teils Namen und sogar Kontaktdaten von Opfern veröffentlicht -
«versehentlich», wie die damalige US-Justizministerin Pam Bondi
sagte.
Eine von ihnen ist Annie Farmer. Ihr Geburtsdatum und ihre
Telefonnummer sind Berichten zufolge in den Akten zu sehen gewesen.
«Es fällt schwer, sich auf die neuen Informationen zu konzentrieren,
die ans Licht gekommen sind, weil das Justizministerium den
Überlebenden durch diese Art der Enthüllung so großen Schaden
zugefügt hat», sagte sie zuletzt der BBC.
Laut der Präsidentin der US-Organisation «National Organization for
Women» (Now), Kim Villanueva, ist das gefährlich. «Es entsteht der
Eindruck, dass man keinen Schutz erhält, wenn man sich meldet», sagte
Villanueva der BBC. Now hatte sich immer wieder für die Freigabe der
Akten eingesetzt.
Opfer seien nicht genug geschützt worden, während die Namen von
Tätern und Komplizen unkenntlich gemacht worden seien, kritisierte
auch der demokratische Kongressabgeordnete Jamie Raskin. Einige der
Opfer hätten sich öffentlich zum Missbrauch geäußert, viele jedoch
nicht. «Viele hatten ihre Peinigung geheim gehalten, sogar vor
Familie und Freunden» - das Justizministerium habe dennoch ihre
Identitäten mit der Welt geteilt.
Bryant: Kein Weg, Epstein zu entkommen
Auch bei Juliette Bryant gelangten sensible E-Mails an die
Öffentlichkeit, erzählt sie dem Sender Sky. Bryant hatte ähnlich wie
Giuffre, Farmer und viele andere Frauen immer wieder über den ihr
widerfahrenen Missbrauch berichtet. Als junge Studentin und
angehendes Model sei sie 2002 von Epstein rekrutiert worden, mehrmals
habe er sie vergewaltigt.
«Der einzige Grund, warum die Epstein-Akten öffentlich zugänglich
sind, warum wir von diesem Fall wissen, ist, dass die Überlebenden
immer wieder ihre Stimme erhoben haben», sagt die auf sexualisierte
Gewalt spezialisierte Medienforscherin Lindsey Blumell der Deutschen
Presse-Agentur. Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen, dass es
traumatisierend sein könne, «diese Erfahrungen immer wieder
durchleben» zu müssen.
Für Bryant ist auch die stetige Präsenz des Falls nur schwer
auszuhalten. Egal, wo sie hinschaue, überall sehe sie Epstein, sagte
sie dem Sender Sky weiter. In manchen Momenten werde ihr davon
«körperlich übel». Epsteins Gesicht sei «ständig präsent, und
es gibt
keinen Weg, dem zu entkommen.»
Aus Sicht der Expertin hat sich zumindest im Laufe der Zeit in der
öffentlichen Wahrnehmung des Falls viel geändert. In der
Berichterstattung der frühen und mittleren 2000er-Jahre sei Virginia
Giuffre oft noch als «Masseurin» dargestellt worden, erklärt Blumell.
Inzwischen habe sich das gebessert.
Bislang kaum Verurteilungen
Nun sei man jedoch an einem Punkt angelangt, an dem es genug Berichte
über die unzähligen Straftaten gebe. «Einige Konsequenzen müssen f
ür
diejenigen folgen, die beschuldigt wurden», sagt Blumell. Bisher
seien zu wenige Leute für ihre Taten belangt worden, meint auch
Now-Chefin Villanueva.
Epstein war 2008 wegen der Prostitution Minderjähriger verurteilt
worden und musste wenige Monate ins Gefängnis. Einer weiteren
Verurteilung nach den Enthüllungen zum enormen Ausmaß der Verbrechen
entging der Multimillionär durch seinen Tod in der Zelle. Seine
Gehilfin Ghislaine Maxwell wurde 2022 zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Die Hoffnung auf Konsequenzen, das war auch für Giuffre stets ein
wesentlicher Antrieb. Ganz heilen werde sie jedoch nie, sagt sie 2019
dem «Miami Herald». «Es gibt Teile von mir, die sich nie wieder
zusammensetzen lassen.» Doch darüber zu sprechen sei wichtig, egal,
wie lange der Missbrauch her ist. Denn am Ende würden die Täter ihre
Strafe bekommen, war sich Giuffre damals sicher: «Denn wir Mädchen
werden nicht einfach hier sitzen und zulassen, dass das immer weiter
passiert.»
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