Limo, Tiefkühlpizza, Wurst - für Kinder besonders schädlich? Von Irena Güttel, dpa

Hochverarbeitete Lebensmittel wie Chips oder Wurst sind bei Kindern
oft beliebt. Doch wer zu viel davon isst, kann dick werden. Fachleute
erläutern, welche Folgen das noch haben kann.

Berlin (dpa) - Limos in bunten Flaschen, Wurst oder Chips in Tierform
und gesüßter Joghurt mit beliebten Filmmotiven - in den
Supermarktregalen gibt es viele Fertigprodukte, die besonders für
Kinder und Jugendliche verlockend wirken. Doch oft sind diese auch
besonders ungesund. Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel gelten
als Dickmacher und werden mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung
gebracht. Welche Folgen könnte das für Kinder haben, wenn diese schon
früh im Leben regelmäßig zum Fertigsnack greifen? Fachleute geben
Antworten. 

Was sind stark verarbeitete Lebensmittel?

Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel enthalten häufig viel
Zucker, viel Salz, gehärtete Fette, industrielle Stärken und
zahlreiche Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Farbstoffe oder
Aromastoffen. Meist sind sie verzehrfertig oder müssen nur noch
aufgewärmt werden. 

In der Diskussion kommt Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut,
Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, vor allem
folgender Aspekt zu kurz: «Wir essen diese Produkte ja nicht on top,
sondern diese ersetzen unsere traditionellen Lebensmittel - und im
Normalfall sind das eben das frische Obst und Gemüse, die
Vollkornprodukte.» Sprich: Statt Haferflocken mit frischem Apfel gibt
es Frühstückszerealien, statt Vollkornbrot weißen Toast, statt eines

frisch gekochten Mittagessens Tiefkühlpizza. 

Welche Folgen kann das für die Gesundheit von Kindern haben?

Das Hauptproblem ist aus Sicht des Berliner Kinder- und
Jugendmediziners Frank Jochum vom Evangelischen Waldkrankenhaus
Spandau, dass diese Lebensmittel eine hohe Energiedichte haben und
Zusatzstoffe und Aromen diese gleichzeitig sehr schmackhaft machen.
«Da passiert es eben schnell, dass man mehr isst, als man Hunger
hat.» 

Dazu trägt nach Angaben von Graf bei, dass viele dieser Lebensmittel
einfach zu verzehren sind und nicht lange gekaut werden müssen, so
dass man innerhalb kurzer Zeit viele Kalorien zu sich nimmt. 

Wer regelmäßig zu viele dieser Lebensmittel isst, kann also dick
werden. Jeder vierte junge Mensch zwischen 5 und 19 Jahren in
Deutschland ist laut dem Kinderhilfswerk Unicef übergewichtig, 8
Prozent gelten sogar als adipös. Es sieht die «allgegenwärtige
Präsenz und Vermarktung stark verarbeiteter Lebensmittel» als einen
der Gründe für die global gestiegene Zahl fettleibiger Kinder an. 

Übergewicht wiederum erhöht Jochum zufolge das Risiko für zahlreiche

chronische Erkrankungen, darunter Typ-2-Diabetes, Arthrose und
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Im Kinderalter habe das noch eine viel größere Dimension als im
Erwachsenenalter, betont der Experte der Deutschen Gesellschaft für
Ernährungsmedizin. «Denn bei den Kindern kommt im Vergleich zu den
Erwachsenen eine weitere Komponente hinzu, nämlich die
Beeinträchtigung von Wachstum und Entwicklung.» 

Welche Folgen hat das für die kindliche Entwicklung?

Wer Übergewicht hat, bewegt sich in der Regel weniger. «Wenn ein Kind
sich regelmäßig nicht ausreichend bewegt, dann wird dadurch auch die
Entwicklung gestört», erläutert Jochum. Die motorische und die
neurologische Entwicklung werde weniger angeregt, auch die
intellektuelle und die psychische Entwicklung könne leiden. «Das hat
Auswirkungen auf das gesamte zukünftige Leben.»

Kinder, die sich weniger bewegen, verbringen ihm zufolge mehr Zeit am
Computer und Smartphone, was wiederum negative Folgen hat. «Sie
vereinzeln vielleicht, haben einen höheren Hang zu Depressionen.» 

Snacks und Fertiggerichte führten außerdem zu einem anderen
Miteinander zu Hause, sagt er. «Die Zeiten, in denen in Familien
wirklich gekocht und gemeinsam gegessen wird, werden seltener.»
Außerdem seien die Mahlzeiten so beschaffen, dass man diese mühelos
neben dem Computerspielen oder Fernsehgucken essen könne.

Kann sich die Ernährung auf die psychische Gesundheit auswirken?

Eine kanadische Studie sieht jedenfalls Hinweise darauf, dass der
Verzehr von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der frühen Kindheit
die Verhaltens- und emotionale Entwicklung negativ beeinflussen kann.
Dafür untersuchten die Forschenden die Ernährungsgewohnheiten von
fast 2.100 Kindern im Alter von drei Jahren und deren Verhalten im
Alter von fünf Jahren. 

Dabei zeigte sich, dass kleine Kinder, die mehr hochverarbeitete
Lebensmittel aßen, später vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zeigten.

Die Fachleute folgern daraus, dass eine gesündere Ernährung sich
langfristig vorteilhaft auf die psychische auswirken könnte. 

«Gesundes Essen ist immer gut», sagt Christine M. Freitag von der
Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Aber eine
psychische Störung kann man nicht allein durch gesundes Essen
verhindern. Da gibt es zahlreiche weitere Risikofaktoren.» Kritisch
sieht sie, dass die Studie nicht untersucht hat, ob bei den Kindern
auch genetische Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten oder ob
die Eltern selbst an psychischen Störungen litten. 

Denn etwa bei Eltern mit ADHS sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass
der Alltag zu Hause unstrukturierter und weniger geplant ablaufe,
wodurch mehr Fertiggerichte auf den Tisch kommen könnten, erläutert
die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und
Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Frankfurter
Universitätsklinikum. Zugleich hätten die Kinder selbst ein höheres
ADHS-Risiko. «Betroffene Kinder essen oft schlechter.» Auch Eltern
mit Depressionen hätten Probleme, den Alltag zu bewältigen und ihren
Kindern ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten. 

Wie eindeutig ist die Forschungslage?

Dass hochverarbeitete Lebensmittel, die viel Salz, Zucker, Fette und
Zusatzstoffe enthalten, ungesund sind, darin sind sich viele
Fachleute einig. Doch welche Krankheiten diese genau begünstigen
können, ist noch unklar. «Tatsächlich weiß man leider noch gar nich
t
so viel über die Mechanismen», sagt Ernährungsexpertin Graf. 

Dazu müsse man mehr Interventionsstudien machen, bei denen zum
Beispiel eine Gruppe von Testpersonen gezielt eine bestimmte Menge
hochverarbeitete Lebensmittel über einen festgelegten Zeitraum
bekomme, sagt sie. Danach müssten Parameter wie Blutdruck,
Körpergewicht, Blut- und Urinproben mit denen einer Kontrollgruppe
verglichen werden, die in dieser Zeit keine hochverarbeiteten
Lebensmittel zu essen bekomme. 

Nach Ansicht von Jochum sollte sich die Forschung zudem mehr auf das
gesamte Lebensmittel konzentrieren als auf die einzelnen
Inhaltsstoffe. «Es spielt nicht nur eine Rolle, wie viele Aminosäuren
oder Proteine es zum Beispiel enthält. Man muss auch die
Wechselwirkungen der Inhaltsstoffe genauer betrachten, welche
Auswirkungen etwa Aromastoffe auf die Verzehrmenge haben und wie die
Textur dazu beiträgt.»

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