Suchtexperten fordern strengere Regeln für Alkohol
Obwohl die Deutschen inzwischen weniger Alkohol trinken als noch vor
Jahrzehnten, mahnen Mediziner mehr Maß an. Warum Suchtforscher auch
die Politik am Zug sehen.
Hamm (dpa) - Suchtforscher setzen sich für strengere Regeln und
höhere Preise beim Verkauf von Alkohol ein. Wie aus dem aktuellen
Jahresbericht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
hervorgeht, hat Deutschland eine der am wenigsten restriktiven
Alkoholgesetzgebungen in Europa und nach wie vor einen
überdurchschnittlich hohen Konsum.
«Schon einfache Maßnahmen zur Alkoholkontrolle könnten helfen, den
immer noch hohen Alkoholkonsum in Deutschland zu senken - und die
damit verbundene Krankheitslast und die Kosten zu reduzieren», sagt
die Mitautorin des Berichts Carolin Kilian. Auch die DHS beklagt in
einer Mitteilung anlässlich der Veröffentlichung des Jahrbuchs «gro
ße
Defizite in der Alkoholpolitik».
Einfach und effektiv: Höhere Steuern auf Wein und Bier
Es gebe inzwischen gute wissenschaftliche Belege aus Ländern wie
Schweden oder Litauen, dass bestimmte regulative Maßnahmen gut
geeignet seien, den Konsum in der Bevölkerung und die damit
verbundenen negativen Folgen zu reduzieren, erklärt Kilian, die am
National Institut of Public Health im dänischen Kopenhagen forscht
und lehrt. Dazu zählt sie etwa höhere Verbrauchsteuern,
Einschränkungen bei der Dauer-Verfügbarkeit von Alkohol sowie
Marketingverbote.
So gebe es in Deutschland keine Weinsteuer, auch die Biersteuer sei
sehr gering. «Wenn hier die Steuersätze steigen, ist das eine sehr
einfache Maßnahme, die direkt und wirkungsvoll Verhaltensänderungen
herbeiführen kann», so Kilian. «Daneben wäre es sehr wünschenswer
t,
dass Alkohol nicht immer und überall verfügbar ist.» Denkbar sei etwa
ein Verkaufsverbot von Alkohol an Tankstellen - «zumindest ein
Anfang», so Kilian.
Rückgänge ja: Aber nicht bei allen und weniger als anderswo
«Deutschland gehört zu den Hochkonsumländern», sagt die Expertin f
ür
Öffentliche Gesundheit. Zwar sei der Konsum insgesamt rückläufig, das
gelte aber nicht für alle Bevölkerungsgruppen. «Insbesondere junge
und gebildete Frauen trinken heute eher mehr als noch vor 20 oder 30
Jahren», so die Expertin.
Zwar konsumieren die Deutschen heute insgesamt weniger alkoholische
Getränke als noch vor mehr als 15 Jahren. Laut DHS stagniert der
durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum auf immer noch zu hohem Niveau. Wie
aus dem Jahrbuch hervorgeht, tranken Deutsche durchschnittlich 2024
etwa 11 Liter reinem Alkohol pro Kopf jährlich - und damit mehr als
im europäischen Durchschnitt.
Experten: Alkoholtrinken ist immer ein Gesundheitsrisiko
Alkohol sei kein gewöhnliches Genussmittel, betonen auch
Suchtmediziner in dem Jahrbuch. Schon gelegentliches Trinken gehe mit
einem steigenden Risiko für gesundheitliche Schäden einher. Laut WHO
steht Alkohol in Verbindung mit bis zu 200 verschiedenen Krankheiten.
Etwa 44.000 Todesfälle ließen sich so auf Alkoholkonsum zurückführe
n,
heißt es im Jahrbuch.
Die jährliche Veröffentlichung der DHS bündelt Aufsätze zu
verschiedenen Entwicklungen zum Konsum von Alkohol, Tabak, Cannabis,
Medikamenten und illegalen Drogen und will damit auch
Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft geben. Angesichts
stagnierender Entwicklung beim Rückgang junger Raucher beklagen die
Experten laut Mitteilung beispielsweise auch eine mangelhafte
Tabakkontrollpolitik und einen längerfristigen Anstieg beim
Cannabiskonsum.
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