Wenn steigende Preise Angst machen Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa

Die Bundesregierung hat Entlastung für Autofahrer und einen
Krisenbonus angekündigt. Doch die Sorgen, dass das Leben unbezahlbar
werden könnte, reichen tiefer. Die Linke macht sie zum Politikum.

Berlin (dpa) - Wenn alles gut geht, sinken die Preise an der
Zapfsäule bald etwas und vom Arbeitgeber gibt es im Idealfall einen
Krisenbonus. Diese Antwort auf die akute Energiepreiskrise kündigte
die Bundesregierung zu Wochenbeginn an. Aber die Sorge vieler
Menschen, dass das Leben immer teurer und womöglich unbezahlbar wird,
ist damit wohl nicht erledigt. Sie begann lange vor dem Iran-Krieg
und reicht tiefer. Bei den «Ängsten der Deutschen» 2025 rangierten
die Lebenshaltungskosten auf Platz eins.

Die Linke hat deshalb einen «Bezahlbarkeitsgipfel» in Berlin
einberufen - eine Art Bürgergespräch bei Suppe und Getränken. Und
obwohl das Ganze sehr nach Wahlkampf aussieht, liegt die Partei bei
dem Thema nicht ganz falsch. «Die Leute schildern uns tagtäglich ihre
Nöte und Sorgen», sagt Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek der
Deutschen Presse-Agentur. «Und die haben sich mit den steigenden
Energiepreisen noch deutlich verstärkt.» Umfragen aus jüngster Zeit
bestätigen das.

Wie teuer wird Energie?

Der Energieversorger E.ON ließ im April in einer repräsentativen
Umfrage des Instituts Civey mit 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern
ermitteln, dass neun von zehn Deutschen wegen der Eskalation im Nahen
Osten weiter steigende Energiepreise befürchten. Sieben von zehn
halten in Deutschland Engpässe bei der Versorgung mit Öl und Gas für

möglich. Eine Yougov-Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Solar geht
in dieselbe Richtung: 68 Prozent halten die Abhängigkeit von Öl- und
Gasimporten für zu hoch.

Wie fülle ich den Einkaufswagen?

In einer Forsa-Umfrage für den Verbraucherzentrale-Bundesverband
sagten vor einigen Monaten 68 Prozent der rund 1.000 Teilnehmerinnen
und Teilnehmer, sie spürten gestiegene Lebenshaltungskosten vor allem
bei Lebensmitteln. «Die hohen Lebenshaltungskosten belasten die
Menschen in Deutschland massiv», schloss Verbandsvorständin Ramona
Pop bei der Vorstellung der Zahlen im Januar. Seit 2020 seien
Lebensmittel um mehr als 35 Prozent teurer geworden.

Kann ich mir eine Wohnung leisten?

Die Angebotsmieten in deutschen Großstädten sind nach einer Übersicht

des Bundesbauministeriums binnen zehn Jahren im Schnitt um 43 Prozent
gestiegen, in Berlin sogar um 69 Prozent. Der Deutsche Mieterbund
ermittelte in seinem Mietenreport 2025, dass sich rund 13 Prozent der
44 Millionen Mieterinnen und Mieter durch hohe Wohnkosten extrem
belastet fühlen. 29 Prozent fürchten demnach, sich ihre Wohnung
künftig nicht mehr leisten zu können. «Wohnen wird zur
Existenzfrage», befand der Verband vor wenigen Tagen.

Kann ich den Lebensstandard halten?

Dazu kommen gestiegene Sozialabgaben etwa für die
Krankenversicherung, wachsende Eigenanteile in Pflegeheimen, höhere
Ticketpreise für Bus und Bahn, schwindelerregende Kosten für Dinge,
die früher einmal erschwinglicher schienen, wie etwa der
Führerschein. Alles zusammen mündet bei vielen in eine
unterschwellige Abstiegsangst, wie der Sozialverband Deutschland
ebenfalls von Civey ermitteln ließ. Demnach blickten zu Jahresbeginn
fast 40 Prozent der 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der
Online-Umfrage mit Sorge auf 2026 und befürchteten finanzielle
Einbußen. 

Bei Umfragen ist immer zu beachten, wie die Fragestellung genau
lautet. Wegen der Fehlermargen können die Ergebnisse bisweilen
mehrere Prozentpunkte abweichen. Skepsis kann also nicht schaden.
Trotzdem geben die Ergebnisse Hinweise - und bestätigen nach
Reichinneks Worten Erkenntnisse der Linken aus Hunderttausenden
Haustürgesprächen, die die Partei im Bundestagswahlkampf 2025 begann
und seither weiterführt. «Die Probleme sind individuell, aber Sorgen
um die Bezahlbarkeit des Lebens ziehen sich durch nahezu alle
Bevölkerungsgruppen», sagt die Fraktionschefin.

Unterschiedliche politische Rezepte

Die Linke verbindet dies mit der Forderung nach Umverteilung etwa
über eine Vermögensteuer oder eine Übergewinnsteuer für
Energiekonzerne nach dem Motto: «Das Geld ist nicht weg - es haben
nur die Falschen!» Reichinnek appelliert an die übrigen Parteien, das
Problem gemeinsam anzugehen. «Unsere Vorschläge liegen auf dem Tisch,
wir sind bereit, Initiativen zu unterstützen, die uns an dieser
Stelle voranbringen», sagt die Fraktionschefin. Ein Konsens zwischen
Regierung und Opposition ist aber nicht in Sicht.

Die schwarz-rote Koalition setzt nach ihrem Energie-Entlastungspaket
stattdessen auf Strukturreformen. Auf dem Plan stehen als Nächstes
die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung und eine
Steuerreform zur Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen. Dass
Ängste und finanzielle Sorgen auf vielen Menschen lasten, wissen aber
auch die Regierungspartner. Gebraucht würden «wieder Zuversicht und
gute Stimmung, auch für eine gute Zukunft in unserem Land», sagte
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Montag.

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