Erdrutsch in Süditalien - Ein bekanntes Phänomen Von Robert Messer, dpa

Der Erdrutsch in Petacciato ist großflächig und langsam, doch seine
Wirkung ist massiv: Autobahn, Bahn und Häuser sind betroffen.
Anwohner hatten das Ereignis kommen sehen.

Campobasso (dpa) - Für die Menschen in Petacciato sind die Bewegungen
der Erde in ihrem Ort kein neues Phänomen: Der Hang in dem Gebiet in
der Region Molise in Süditalien gilt seit langem als instabil.
Erdbewegungen wurden dort in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder
registriert. Zuletzt war es ruhig, doch Unwetter mit heftigen
Regenfällen haben die Erde Anfang der Woche wieder in Bewegung
gesetzt und einen großflächigen Erdrutsch reaktiviert.

Seit 1906 gab es in der 3.500-Einwohner-Gemeinde an der Adriaküste
mehr als ein Dutzend Erdrutsch-Episoden. «Hier sind wir alle mit dem
Erdrutsch aufgewachsen», sagt Rosa Marcucci aus Petacciato der
Zeitung «Corriere della Sera». Das gehe schon seit Jahren so. «Er
bleibt 10 bis 15 Jahre ruhig und setzt sich dann wieder in Bewegung»,
versucht sie das Phänomen zu erklären. «Ich bin 75 Jahre alt, und das

erste Mal habe ich ihn als Kind gesehen.»

Risse im Asphalt, verbogene Bahngleise

Am Dienstagmorgen war es wieder so weit. Die Erde setzte sich langsam
in Bewegung und rückte in Richtung Meer vor. Risse in Straßen,
verbogene Bahngleise sowie eine abgesunkene Erdfront waren die Folge.
Wichtige Verkehrsverbindungen mussten vorübergehend gesperrt werden.

Ein Abschnitt der Autobahn A14, die den Norden Italiens mit dem
äußersten Südosten des Landes verbindet, war vorerst auf beiden
Seiten komplett gesperrt. Die Autobahn verläuft parallel zu einer
Bahntrasse, die ebenfalls gesperrt werden musste. Die Regierung in
Rom sprach von einem «faktisch in zwei Teile geteilten» Italien. Denn
wegen einer bereits zuvor eingestürzten Brücke ist auch eine weitere
parallel zum Meer laufende Staatsstraße gesperrt.

Autobahn und Bahnstrecke wieder freigegeben

Inzwischen hat sich die Lage wieder beruhigt. Sowohl die Autobahn als
auch die Bahnstrecke sind inzwischen wieder geöffnet. Zivilschutzchef
Fabio Ciciliano gab zumindest im Hinblick auf die Dynamik des
Erdrutsches Entwarnung.

Die Regierung in Rom rief am Donnerstagabend unter anderem für die
Region Molise angesichts der schweren Unwetter und ihrer Auswirkungen
den Notstand aus. Dies ist nach Naturereignissen oder -katastrophen
ein gängiges Vorgehen. Dabei geht es vor allem darum, bürokratische
Hürden für rasche Aufräumarbeiten aus dem Weg zu räumen und Gelder

schneller freizumachen.

Bei einem Erdrutsch stellt man sich meist eine Front vor, von der
Gestein und Erde herabstürzen oder herunterhängen - so wie im Januar
in dem Ort Niscemi auf Sizilien, von wo aus die Bilder von
Wohnhäusern am Abgrund, abgerissenen Straßen und lose heraushängenden

Leitungen um die Welt gingen. Der Erdrutsch von Petacciato ist jedoch
großflächiger und damit schwerer zu erkennen, außerdem bewegte sich
die Erde langsam und nicht ruckhaft.

Erdmaterial des Gebietes ist tückisch

Der Geologe Francesco Fiorillo bezeichnet die Aktivität des
Erdrutsches in Petacciato als besonders. «Seine Geschichte zeigt,
dass es Aktivierungsphasen gibt, die von 10 bis 15 Jahren Stillstand
unterbrochen werden. Die Phase der Reaktivierung dauert einige
Stunden, höchstens ein oder zwei Tage, und dann kommt er wieder zum
Stillstand», sagt Fiorillo dem «Corriere della Sera».

Das betroffene Gebiet erstreckt sich etwa vier Kilometer vom Norden
der Gemeinde bis zum Meer. Die Landfläche besteht nach Angaben von
Fiorillo aus einem älteren Fachartikel zu der Situation in Petacciato
(2003) aus einer tief reichenden Tonschicht, über die sich im Laufe
von Jahrtausenden härtere Sand- und Kiesschichten abgelagert haben.
Auf der obersten, festeren Schicht wurde die Gemeinde Petacciato
demnach über die Zeit errichtet und aufgebaut.

Die Tonschichten am Fuß des Hangs haben allerdings eine tückische
Eigenschaft: Sobald sie Wasser aufnehmen, verlieren sie ihre
eigentliche Festigkeit und werden zähflüssig. In Verbindung mit dem
Gefälle des Geländes hin zum Meer kann dies die Reaktivierung von
Erdrutschen begünstigen.

Kann ein Spezial-System die nächste Reaktivierung verhindern?

Die starken Regenfälle der vergangenen Wochen und Tage werden also
wahrscheinlich ihren Beitrag zu der jüngsten Reaktivierung des
Erdrutsches geleistet haben. Aber nicht nur: Nach Angaben von
Experten hängt die Reaktivierung auch von der Wassermenge ab, die
sich in einer gesamten Saison durch Regenfälle über die Zeit im
Untergrund angesammelt hat. Die jüngsten Unwetter könnten
sprichwörtlich das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

«Erdrutsche dieser Größenordnung lassen sich nicht aufhalten. Man
muss mit ihnen leben», sagte der Präsident des Nationalen Instituts
für Ozeanografie und experimentelle Geophysik (OGS) Nicola Casagli
bei einer Anhörung im Rathaus von Petacciato. «Man kann das Risiko
verringern, man kann damit leben, aber man kann es nicht lösen.»
Komplex sei die Situation in dem Gebiet vor allem, weil es sich um
einen Erdrutsch mit mehreren Schichten handelt, so Casagli.

Eine Möglichkeit, das Risiko zu mindern, könnte jedoch ein anderswo
erprobtes spezielles System zur Stabilisierung des Erdmaterials mit
Brunnen sein, meinen Experten. Dabei werden große Brunnen in der Erde
errichtet, die das Wasser sammeln und letztlich ableiten. So soll
verhindert werden, dass sich Wasser staut und der Erdrutsch erneut in
Bewegung gerät.

Für die Einwohner von Petacciato war die jüngste Reaktivierung des
Erdrutsches fast schon absehbar. Marcucci erzählte dem «Corriere
della Sera», sie habe sich bei dem jüngsten heftigen Regen schon
gedacht: «Es regnet zu viel, in diesen Tagen wird der Erdrutsch
wieder aufwachen - und tatsächlich.»

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