Wenn Sprache zur Hürde wird - Kliniken suchen Lösungen Von Daniel Josling, dpa
Immer mehr Patientinnen und Patienten sprechen kaum Deutsch - im
Klinikalltag wird das zur Herausforderung. Ein Beispiel aus
Sachsen-Anhalt zeigt, wie Ärztinnen und Ärzte damit umgehen.
Querfurt (dpa/sa) - Es sind oft die kleinen Fragen, die plötzlich
entscheidend werden: Wie lange bestehen die Schmerzen? Sind sie
stechend oder dumpf? Hat sich der Zustand verschlechtert? Wenn
Patient und Arzt nicht dieselbe Sprache sprechen, bleiben solche
Details schnell im Unklaren - mit Folgen für Diagnose und
Behandlung.
Im Carl-von-Basedow-Klinikum Saalekreis greifen Ärztinnen und Ärzte
in solchen Situationen seit einiger Zeit zum Telefon. Wenige
Knopfdrücke, wenige Sekunden warten - dann ist eine Dolmetscherin
oder ein Dolmetscher in der Leitung. «Die Dauer, bis man jemanden am
Telefon hat, beträgt durchschnittlich 30 Sekunden», sagt Marthe
Hammer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Dienstes Triaphon.
Nach ihren Angaben sind schätzungsweise rund fünf Prozent der
Patientinnen und Patienten auf Sprachmittlung angewiesen. «Es ist
schon eine bedeutende Zahl an Patientinnen und Patienten, die das
betrifft», sagt Hammer.
Für Ärztinnen und Ärzte ist das mehr als eine organisatorische Frage.
«Wenn man Symptome nicht abfragen kann, ist die Diagnosestellung
schwieriger», erklärt Hammer. Sprache sei «elementar für die
Behandlung».
Kommunikation unter Zeitdruck
Wie wichtig Verständigung ist, zeigt sich besonders in
Notfallsituationen - etwa in der psychiatrischen Klinik des
Carl-von-Basedow-Klinikums in Querfurt. Dort geht es häufig um
schnelle Einschätzungen. «Der Extremfall ist, dass ich nicht in der
Lage wäre, mit jemandem sehr, sehr schnell zu klären, ob er sich oder
andere gefährden kann», sagt Chefärztin Bettina Wilms.
Gerade in solchen Momenten stoßen einfache Lösungen an ihre Grenzen.
Viele Kliniken versuchen zunächst, sich mit mehrsprachigem Personal
oder Angehörigen zu behelfen. Doch das funktioniert nicht immer.
«Wenn der Patient hier ist und der Kollege, der beispielsweise Farsi
spricht, in Merseburg ist, dann kann der nicht plötzlich den OP-Saal
verlassen», erklärt Wilms.
Auch Angehörige als Dolmetscher sind problematisch - etwa bei
sensiblen Themen. «Wollen wir dann den möglicherweise besser Deutsch
sprechenden Ehemann darüber befragen, ob seine Frau Grund hat, sich
vor ihm zu fürchten?», fragt Wilms.
Alltag zwischen Improvisation und Technik
Der Alltag in deutschen Kliniken ist vielerorts von Improvisation
geprägt. «Man holt beispielsweise eine Reinigungskraft von einer
anderen Station, die zufällig Sprache X spricht, hinzu», beschreibt
Hammer typische Situationen. Das gemeinnützige Angebot Triaphon wurde
nach ihren Angaben von einer Kinderärztin und einem
Allgemeinmediziner gegründet, die solche Situationen aus dem
Klinikalltag kannten. Auch Apps oder Übersetzungsprogramme kommen zum
Einsatz - mit begrenzter Verlässlichkeit.
Am Universitätsklinikum Magdeburg gehört die Verständigung mit
fremdsprachigen Patienten längst zum Alltag. In der
Narkosesprechstunde seien es im Schnitt «vier bis fünf Patientinnen
und Patienten», bei denen eine Sprachbarriere bestehe. Ohne
Unterstützung bedeute das einen erheblichen Mehraufwand: Gespräche
könnten sich um bis zu 15 Minuten verlängern.
Andere Häuser setzen auf technische Lösungen. Im Klinikum Dessau
sollen künftig Smartphones mit integrierten Übersetzungsfunktionen
helfen. Auch in Halle stehen Dolmetschdienste und digitale Systeme
bereit, etwa Piktogramme am Patientenbett.
Dolmetsch-Hotline als Zwischenlösung
Im Carl-von-Basedow-Klinikum wird der telefonische Dienst inzwischen
regelmäßig genutzt. «Es kann durchaus sein, dass wir Triaphon
mehrfach in der Woche benutzen», sagt Wilms. Besonders in
Akutsituationen sei die schnelle Verfügbarkeit entscheidend.
Die direkte Kommunikation erleichtere den Alltag spürbar. «Es ist
eine ziemlich direkte und zeitnahe Kommunikation mit Menschen
möglich, mit denen wir ansonsten noch sehr, sehr viel schwerer
kommunizieren können», so Wilms.
Mensch statt Maschine
Auch im Vergleich zu technischen Lösungen sieht sie Vorteile. Erste
Erfahrungen mit KI-gestützten Übersetzungen hätten gezeigt, dass
diese in sensiblen Situationen an Grenzen stoßen - etwa weil Nuancen
verloren gehen oder nicht nachgefragt werden kann.
Für komplexe Gespräche ersetzt der Dienst jedoch keinen
professionellen Dolmetscher. «Das ist kein gutachtensicheres
Explorationsmedium», sagt die Ärztin. Vielmehr sei es eine erste
Verständigung in akuten Situationen.
Offene Frage der Finanzierung
Trotz der Vorteile bleibt ein Problem: die Kosten. «Das größte
Hindernis ist die Tatsache, dass man für den Dienst bezahlen muss und
dass die Kosten aktuell nicht von den Krankenkassen oder vom Staat
getragen werden», sagt Hammer.
Auch Wilms sieht hier ein strukturelles Problem. «Für solche
Alltagsthemen extra auf einen Dolmetscher zu warten, ist weder
effizient noch hilft es dem Patienten», sagte sie. Krankenkassen
verwiesen häufig darauf, dass sie für solche Leistungen formal nicht
zuständig seien. Die Kosten müssten deshalb bislang die Kliniken
selbst tragen.
Von einer flächendeckenden Lösung kann bislang keine Rede sein. «Es
ist nicht Standard - es ist ein Flickenteppich», sagt Hammer. Viele
Kliniken behelfen sich weiterhin mit improvisierten Lösungen.
Dabei ist die Bedeutung klar. Denn am Ende geht es um mehr als Worte.
Es geht darum, dass Ärztinnen und Ärzte verstehen, was ihre
Patientinnen und Patienten ihnen sagen wollen - und umgekehrt.
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