Giftige Rückstände im Iran-Krieg bedrohen Umwelt und Gesundheit Von Simone Humml, dpa

Schadstoffe in der Luft und im Trinkwasser: Welche Gefahren Experten
durch bisherige Ereignisse im Iran-Krieg für Umwelt und Gesundheit
sehen.

Berlin (dpa) - Im Iran-Krieg sind bislang nach Angaben einzelner
Staaten einige Tausend Menschen getötet worden. Doch Bomben und
Brände setzen auch giftige Substanzen frei, die schon beim Einatmen
gesundheitsschädlich sind und langfristig wirken. Zudem ist das
Trinkwasser in Gefahr. 

Bomben verursachen hohe Giftstoffmengen

Zu den deutlich sichtbaren Umweltfolgen des Krieges zählen die
Angriffe auf Ölanlagen wie Öllager im Iran oder eine Raffinerie in
Israel. Besonders drastisch waren die dunklen Wolken über Irans
Hauptstadt Teheran nach dem Brand mehrerer Depots Anfang März.
«Allein die israelischen Angriffe auf die Ölanlagen in Teheran
führten dazu, dass potenziell Millionen von Menschen einer breiten
Palette gefährlicher Schadstoffe ausgesetzt waren, von denen einige
in der Umwelt persistent sind und eine anhaltende Bedrohung für Böden
und Wasserressourcen darstellen», sagt Doug Weir, Direktor der
britischen Organisation The Conflict and Environment Observatory
(Ceobs). 

Diese giftige Mischung aus Schadstoffen regnete laut Ceobs
anschließend über der Stadt ab und gelangte in die
Entwässerungssysteme, was zu Bedenken hinsichtlich einer möglichen
Verunreinigung von Oberflächen- und Grundwasser geführt habe. Zu den
typischen Schadstoffen von Öl- oder Raffineriebränden zählten etwa
Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Stickoxide und Ruß. 

«Teheran selbst ist generell stark verschmutzt. Jahrelange Sanktionen
haben dazu geführt, dass die Autos veraltet sind», sagt Sana
Chavoshian vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin. Zur
Energiegewinnung werde das besonders umweltschädliche Schweröl Masut
verbrannt. «Und jetzt kommen diese neuen Explosionen und
Bombardierungen dazu, so dass sich weitere Schadstoffe ansammeln.»
Forschungsergebnisse zeigen laut Weir, dass Menschen in stark
verschmutzten Umgebungen wie in Teheran besonders anfällig für
gesundheitliche Auswirkungen in solchen Phasen sehr schlechter
Luftqualität seien.

Die Schadstoffe verteilen sich über weite Regionen

Partikel aus dem Rauch können laut Ceobs innerhalb von Tagen Hunderte
Kilometer weitergetragen werden. Das niedergegangene
Schadstoffgemisch könne mit dem Wind von den Straßen und Dächern
abgetragen werden und bis nach Turkmenistan in Zentralasien und
Tadschikistan gelangen, sagt Chavoshian. «Staubstürme bringen schon
seit Jahren Feinstaub in andere Länder und jetzt kommen weitere
Schadstoffe hinzu als giftiges Erbe des Krieges.»

Weitere Gefahr durch Bombardierung von Militäranlagen

Gefahr kommt nicht nur von brennendem Öl, sondern auch von Bomben und
anderer Munition. «Der weitverbreitete Einsatz von Munition kann zur
Freisetzung von Schwermetallen und giftigen Chemikalien in die Umwelt
führen», schreibt das UN-Umweltprogamm (Unep). Die Schwermetalle und
explosive Chemikalien seien selbst in geringsten Mengen giftig. Auch
Angriffe auf Munitionsdepots können laut Ceobs Schadstoffe freisetzen
und zusätzlich könnten bei Bränden von Depots mit konventionellen
Waffen Dioxine und Furane entstehen. 

Bei einem Angriff auf Erdgasanlagen sieht Weir nicht das Gas als
Hauptproblem. «Unsere Hauptsorge gilt weniger dem Gas selbst - obwohl
die Freisetzung von unverbranntem Methan erhebliche Auswirkungen auf
das Klima hat», sagt Weir. Vielmehr sehe er eine Gefahr in den
petrochemischen Anlagen, in denen Gas verarbeitet wird. Sie befänden
sich oft in unmittelbarer Nähe von Erdgasfeldern und enthielten eine
größere Bandbreite potenzieller Schadstoffe. 

Grundwasser und Trinkwasser langfristig gefährdet

Eine weitere Gefahr ist die Verschmutzung des Wassers. «Schäden an
der Ölinfrastruktur können Kohlenwasserstoffe, Schwermetalle und
giftige Chemikalien in Böden und Oberflächengewässer freisetzen, die

anschließend ins Grundwasser gelangen können», sagt Nima Shokri,
Leiter des Instituts für Geohydroinformatik der Technischen
Universität Hamburg. «Diese Verschmutzung kann über Jahre oder sogar

Jahrzehnte bestehen bleiben und Wasser für Trink- und
Landwirtschaftszwecke unbrauchbar machen.» 

In Küstenregionen könnten solche Verschmutzungen auch das Wasser
beeinträchtigen, das für Entsalzungsanlagen entnommen wird, wodurch
die Aufbereitung teurer und riskanter wird. «Frühere Konflikte und
Unfälle haben gezeigt, dass selbst begrenzte Ölverschmutzungen
langfristige Auswirkungen auf die Wasserqualität und die Gesundheit
von Ökosystemen haben können.»

Mögliche verheerende Wirkung auf das ohnehin knappe Trinkwasser

Überlebenswichtig sind in der trockenen Region Anlagen zur Entsalzung
von Meerwasser. «Entsalzungsanlagen bilden das Rückgrat der
Wasserversorgung am Persischen Golf. Eine größere Störung könnte
innerhalb weniger Tage die Trinkwasserversorgung von Millionen
Menschen unterbrechen», sagt Shokri. 90 Prozent des Trinkwassers in
Kuwait stammt nach Daten der UN-Ernährungs- und
Landwirtschaftsorganisation (FAO) aus diesen Anlagen. In Oman sind es
86 Prozent, in Saudi-Arabien 70 Prozent und in den Vereinigten
Arabischen Emiraten 42 Prozent. Über einige wenige Angriffe auf
solche Anlagen wurde bereits berichtet.

Mangel an Lebensmitteln 

Für viele Menschen in ärmeren Staaten könnte der Iran-Krieg ebenfalls

drastische Folgen haben. Wenn der Krieg bis Sommer anhalte, könnten
zusätzlich 45 Millionen Menschen in Hungersituationen geraten, warnt
das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen. Die Blockade
vieler Schiffe treibe bereits jetzt die Kosten für Energie,
Treibstoff und Düngemittel in die Höhe und verschärfe den Hunger weit

über den Nahen Osten hinaus. Viele Grundzutaten für Dünger kommen aus

der Region, wie etwa Harnstoffs, Schwefel und Phosphat. 

Die eine Hoffnung inmitten der Hiobsbotschaften

In einer ersten groben Schätzung, die es selbst als «Schnappschuss»
bezeichnet, erhob ein Team den Treibhausgasausstoß der ersten zwei
Wochen des Krieges. Dazu gehörten etwa Experten der Queen Mary
University of London und der Denkfabrik Climate and Community
Institute. Demnach hat der Krieg in der Zeit Treibhausgase mit der
Wirkung von fünf Millionen Tonnen CO2 verursacht. Rund die Hälfte sei
entstanden, weil zerstörte Gebäude wieder aufgebaut werden müssten,
was sehr viel CO2 produziere. Es folgen unter anderem die Verbrennung
und sonstige Zerstörung von Öl sowie der Treibstoffverbrauch des
Militärs. 

Klimaexperte Lennard de Klerk verweist darauf, dass eine solche
Berechnung viele Unsicherheitsfaktoren habe und nennt eine weitere
Klimawirkung. Zu den indirekten Effekten zähle etwa die Störung der
Lieferung von Flüssigerdgas (LNG) nach Asien, was zu einer
verstärkten Nutzung der viel klimaschädlicheren Kohle führe, solange

die Sperrung der Straße von Hormus andauere, sagt Klerk, der Mitglied
einer Initiative zur Erhebung der Klimawirkung von Kriegen ist
(Initiative on GHG accounting of war). 

Er hofft auf eine spezielle Folge des Krieges. Auf der positiven
Seite für das Klima stehe, «dass der Krieg im Iran eine weitere
Erinnerung daran ist, dass fossile Brennstoffe eine unzuverlässige
Energiequelle sind, wodurch die Energiewende nicht nur in Europa,
sondern auch in Asien vorangetrieben wird.»

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