Nach Dreifachmord: «Weitefeld hat weitaus mehr zu bieten» Von Alina Grünky und Thomas Frey

Es ist ein Jahr her, seit die Ermordung einer Familie Weitefeld
erschütterte. Rund um den Tatort fokussieren sich die Menschen auf
das, was sie in Weitefeld schätzen.

Weitefeld (dpa/lrs) - Kann ein Haus trauern? Dass es einmal das
Zuhause einer Familie in Weitefeld war, lässt sich ein Jahr nach dem
Dreifachmord nur noch erahnen. Inmitten der schicken
Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Gärten und frischen Anstrichen
sticht das leere Heim heraus. 

Was war geschehen?

Am 6. April 2025 hatte die Polizei drei Tote in dem Einfamilienhaus
im Kreis Altenkirchen entdeckt. Die Mutter wählte selbst noch den
Notruf. Doch die 44-Jährige, ihr 47 Jahre alter Mann und der
16-jährige Sohn starben. Wenig später stand fest: Das Ehepaar
verblutete nach Stich- und Schussverletzungen, der Jugendliche starb
an einer Schussverletzung. 

Von dem Täter fehlte lange jede Spur. Hunderte Polizistinnen und
Polizisten suchten in den folgenden Wochen immer wieder Gebiete rund
um Weitefeld ab. Auch in der ZDF-Sendung «AktenzeichenXY... ungelöst»

wurde nach dem Verdächtigen gefahndet.

Vier Monate später, am 5. August, wurde die Leiche eines Mannes rund
einen Kilometer vom Tatort entfernt entdeckt. DNA-Untersuchungen
ergaben: Es handelte sich um den gesuchten, 61 Jahre alten
Dreifachmörder.

Offene Fragen

Viele Fragen rund um die Tat vom April sind nach wie vor offen und
werden vermutlich nie beantwortet werden können - so zum Beispiel das
Motiv. Frühere Aussagen von Ermittlern deuten lediglich darauf hin,
dass der Tat eine zufällige Begegnung zwischen Täter und einem der
Opfer vorausging. 

Der Fund der Leiche des Täters sorgte für eine gewisse Erleichterung
in der Gemeinde, wie unter anderem der Ortsbürgermeister Karl-Heinz
Keßler (parteilos) damals sagte. 

Ein Jahr später

Die gelbe Hausfassade sieht mitgenommen aus, die Rollläden an der
Vorderseite sind heruntergelassen, ein provisorisches Türschloss
hängt über zwei Aufklebern mit dem Aufdruck «Amtlich versiegelt». I
m
Garten hinter dem kaum hüfthohen, verrosteten Zaun wuchern Gräser und
Gestrüpp, unter der höhergelegten Terrasse liegen Autoreifen und
andere Gegenstände.

Den einzigen Funken von Farbe und Leben versprühen ein paar
rosafarbene Hyazinthen und gelbe Narzissen im sonst eher verwelkten
Vorgarten, die es über den kalten Winter geschafft haben und nun
erblühen. 

Alle paar Minuten fahren Autos über die Kreuzung, die Fahrerinnen und
Fahrer werfen dem Haus an der Ecke oft nur einen kurzen Blick zu.
Durch die schreckliche Tat und die große Aufmerksamkeit, die sie
auslöste, musste die Gemeinde mit ihren rund 2.400 Einwohnern einiges
mitmachen.

Bürgermeister: Wollen uns nicht unter Wert verkaufen

«Weitefeld hat weitaus mehr zu bieten, als diesen Fall», sagt der
Ortsbürgermeister im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Wir

haben einen großen Kita-Ausbau, sind Träger der Grundschule, sind ein
Wohnort mit tollen Firmen, etlichen Vereinen und christlichen
Institutionen.» Gerade bei diesen Einrichtungen hätten die Mitbürger

in der schwierigen Zeit Trost und Zuspruch gefunden. 

Inzwischen werden in der Gemeinde auch wieder Dorffest gefeiert,
sagte Keßler. So gibt es in Weitefeld etwa das Schützenfest, das
Brunnenfest des TUS Weitefeld-Langenbach sowie das Oktoberfest der
Freiwilligen Feuerwehr. Auch einen Jugendtreff gibt es im Ort.
Freizeitsportler finden auf den nahe gelegenen Rad- und Wanderwegen
Platz zum Auspowern. 

In Anbetracht all dessen ist dem Ortsbürgermeister eines besonders
wichtig: «Wir wollen uns nicht unter Wert verkaufen und auf die
schreckliche Tat reduzieren lassen - das alles macht unseren Ort
aus!», sagt er. 

Was Bürger an Weitefeld schätzen

Ingeborg und Wolfgang aus Weitefeld kommen auf dem Weg ins Grüne an
dem Haus vorbei. Für sie ist Weitefeld ein Zuhause, in dem sie gern
leben, daran haben auch die schreckliche Tat und das große Aufsehen,
das sie erregte, nichts geändert. «Wir haben hier alles - außer einen

Arzt», sagt Wolfgang. Besonders mag das Paar die Menschen der
Gemeinde. Ihr Lieblingsort sind die Wanderwege, die unweit von dem
leerstehenden Haus beginnen.

Auf dem Weg dorthin kommen sie an weiteren beeindruckenden Häusern
vorbei, mit Kunstinstallationen oder Kinderspielzeugen im Garten und
großen Garagen, in denen mehr als ein Auto Platz finden kann. Die
Straßen sind sauber, an einigen Stellen deuten frische Spuren auf
kürzlich verlegten Glasfaserkabel hin. Es wirkt modern und friedlich.

Auf den Wanderwegen ist Ulrike mit ihrem Hund unterwegs, das macht
sie mehrmals täglich. Sie schätzt in Weitefeld besonders die aktiven
Vereine oder auch die Dorfcafés, die regelmäßig veranstaltet werden
und bei denen man bei Kaffee und Kuchen beisammen sein kann. 

Ein weiterer Treffpunkt in der Gemeinde ist das Weitefelder
Dönerhaus. Ein junger Mitarbeiter schwärmt geradezu vom Dorfleben.
«Hier kommt man wirklich zur Ruhe», sagt er und hebt auch das
Gemeinschaftsgefühl hervor. Dass sich vieles sofort herumspricht, hat
aus seiner Sicht auch gute Seiten: «Wenn jemand Hilfe braucht, zum
Beispiel einen Dachdecker, dann kennt immer jemand jemanden, der
jemanden kennt.»

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