Lebenslange Beziehung: Geschwister-Klischees auf Prüfstand Von Stefanie Järkel, dpa
Einzelkinder sollen egoistisch sein, Sandwichkinder besonders
kooperativ: Zum Thema Geschwister - oder Einzelkinder - gibt es
zahlreiche Klischees. Was es mit einigen von ihnen auf sich hat.
Stuttgart (dpa) - Manche lieben sich, andere können sich nicht
ausstehen, und viele sind etwa bei der gemeinsamen Pflege der Eltern
aufeinander angewiesen: Mit Geschwistern führen viele Menschen die
längste Beziehung ihres Lebens. Zum Thema Geschwister halten sich
etliche Klischees hartnäckig. Vor dem Welttag der Geschwister (10.
April) ein paar Einordnungen:
Einzelkinder sind eher egoistisch
Hier gehen die Meinungen der Experten auseinander: Studien wiesen
darauf hin, dass Einzelkinder stärker auf sich bezogen seien als
Kinder mit Geschwistern, sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes für
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Inés Brock-Harder.
«Selbstverständlich hat es einen psychologischen und
Entwicklungseinfluss, ob ein Kind alleine mit seinen Eltern
aufwächst», sagt die Geschwistertherapeutin.
Es sei kein Klischee, dass Einzelkinder in der frühkindlichen Prägung
anderen Einflüssen ausgesetzt seien als Geschwister, die gemeinsam
weite Teile ihrer Kindheit miteinander verbrächten. Dies gelte auch
für jene Erstgeborenen, die frühestens nach sieben Jahren ein
Geschwisterchen bekämen.
Als Hintergrund können der Therapeutin zufolge auch die vielen
Studien zur Ein-Kind-Politik in China dienen: Einzelkinder zeigten
einen höheren Egozentrismus und geringere soziale Kompetenzen. Durch
den fehlenden Umgang mit Geschwistern seien Fähigkeiten wie Teilen
und Kooperation weniger ausgeprägt, so Brock-Harder. Zudem sei eine
geringere Frustrationstoleranz ermittelt worden. Diese Erkenntnisse
ließen sich teilweise auf Deutschland übertragen, wobei hier Kinder
in Kita und Schule noch nachreifen könnten.
Der Einschätzung widerspricht die Persönlichkeitspsychologin Julia
Rohrer von der Universität Leipzig: Wenn überhaupt, fänden Studien
oft nur kleine Unterschiede, etwa im prosozialen Verhalten. Je nach
Studie zeige sich teilweise bei Einzelkindern sogar ein weniger
egoistisches Verhalten.
Eltern wollen lieber Mädchen als Jungen
Eltern bekommen im Vergleich zu früher weniger Kinder. Die
Geburtenrate lag laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 bei 1,35
Kindern pro Frau - zwei Prozent niedriger als im Vorjahr.
Entsprechend hoch seien Erwartungen an die Elternschaft, aber auch an
das Kind, sagt Anna-Lena Zietlow, Professorin für Klinische Kinder-
und Jugendpsychologie an der Technischen Universität Dresden. «Man
will das Allerbeste für sein Kind. Dieses muss aber auch gut ins
Leben passen - überspitzt formuliert.»
Vor Generationen noch wünschten sich Eltern demnach einen männlichen
Nachkommen, der etwa den Hof erben konnte. Doch mittlerweile wiesen
einige Studien darauf hin, dass es in westlichen Kulturen eine
Präferenz für Mädchen geben könnte, sagte die Forscherin vor kurzem
.
«Ich denke, da spielen auch ganz viele Geschlechtsstereotypen eine
Rolle.» Mädchen gelten als angepasster, fürsorglicher und fleißiger
.
Jungen seien dagegen wilder, neigen eher zu Gewalt und sind
schlechter in der Schule, heißt es oft.
Unter dem Hashtag «Gender Disappointment» - also
Geschlechtsenttäuschung - finden sich etwa auf Tiktok viele Videos
von enttäuschten Eltern, weil ihr Baby nicht das gewünschte
Geschlecht hat. Das scheint häufiger der Fall zu sein, wenn das Baby
ein Junge ist. Auch in Internet-Foren für Eltern berichten Frauen,
dass sie sich immer ein Mädchen gewünscht hätten und nun damit
haderten, dass es doch ein Junge sei.
Sandwichkinder versuchen, es allen recht zu machen
Aktuelle Studien belegen laut der Geschwistertherapeutin
Brock-Harder, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit bei Sandwichkindern
häufiger auftreten. Damit sind Kinder gemeint, die mindestens ein
älteres und ein jüngeres Geschwisterchen haben. Zudem gelten sie
demnach als verträglicher und schneiden unter Geschwistern sogar am
besten ab, wenn es um kooperative Eigenschaften geht. Verträgliche
Kinder sind Kinder, die unter anderem kooperativ, bescheiden und
emphatisch sind.
Persönlichkeitspsychologin Rohrer sagt dagegen: «Auch für
Sandwichkinder finden sich in der Literatur keine dramatischen
Persönlichkeitsunterschiede.» Allerdings stütze eine neuere Studie
die These, dass mittlere Kinder eine etwas höhere Verträglichkeit
hätten als Letztgeborene - und diese wiederum etwas verträglicher
seien als Erstgeborene.
Eltern haben stets ein Lieblingskind
Viele Eltern haben favorisierte Kinder. Generell erhielten oft
Mädchen sowie besonders pflichtbewusste und umgängliche Kinder den
Vorzug, berichtete im vergangenen Jahr ein Forscherduo im Fachblatt
«Psychological Bulletin».
Der Auswertung zufolge bevorzugen Eltern tendenziell Mädchen eher als
Jungen - und zwar überraschenderweise nicht nur Mütter, sondern auch
Väter. Zudem würden gewissenhafte, verantwortungsbewusste Kinder eher
favorisiert. In beiden Fällen waren die Effekte zwar nur leicht
ausgeprägt. Allerdings sollten Eltern sich dessen bewusst sein,
schrieben Hauptautor Alexander Jensen von der Brigham Young
University in Provo im US-Bundesstaat Utah und McKell Jorgensen-Wells
von der Western University im kanadischen London (Provinz Ontario).
Die Zahl der Einzelkinder steigt
Steigende Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Sorgen - für viele
Menschen basiert die Entscheidung für ein oder mehr Kinder schlicht
auf der Frage: Können wir uns das leisten? Laut Statistischem
Bundesamt lebten 2024 insgesamt rund 3,2 Millionen Kinder und
Jugendliche (23,1 Prozent) ohne Geschwister in einem Haushalt - rund
5 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. 2014 waren es noch rund 3,4
Millionen (26,4 Prozent) gewesen.
2024 lebten demnach zudem 47,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen
mit genau einem Geschwister in einem Haushalt. Bei 29,6 Prozent waren
es mindestens zwei Geschwister.
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