Bericht zu Cannabis-Freigabe: Deutschland jetzt XL-Markt Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Seit zwei Jahren ist Cannabis für Volljährige mit Beschränkungen
legal. Ein Bericht analysiert Entwicklungen im Gesundheitsschutz und
beim Kampf gegen den Schwarzmarkt. Kommen Korrekturen in Sicht?

Düsseldorf/Hamburg (dpa) - Zwei Jahre nach der umstrittenen
Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland sieht eine
wissenschaftliche Zwischenbilanz auch Fehlentwicklungen an einigen
Stellen. Ein leicht wachsender Konsumanteil komme nun aus legalen
Quellen, heißt es in dem Bericht von Expertinnen und Experten der
Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen. Und es gebe
Anzeichen, dass der Schwarzmarkt «langsam durch legale Angebote
verdrängt wird». Aus dem Unionsteil der Bundesregierung kamen Rufe
nach Korrekturen. 

Für eine abschließende Bewertung sei es verfrüht, heißt es im
Bericht. Aus Daten lasse sich bislang nicht ablesen, ob die
Organisierte Kriminalität in diesem Bereich geschwächt sei, sagt
Suchtforscher Jakob Manthey vom Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf der Deutschen Presse-Agentur. 

Kritisch sieht die Analyse: Für therapeutische Zwecke werde viel zu
oft Medizinalcannabis mit zu hohem Wirkstoffgehalt verschrieben, was
ein erhöhtes Gesundheitsrisiko berge. Frühe Interventionen zur
Suchtvorbeugung bei Kindern und Jugendlichen seien zurückgegangen.
Die Polizei beklage Probleme bei der Verfolgung des fortbestehenden
illegalen Cannabis-Handels. 

«Größter legal-kommerzieller Cannabismarkt Europas» 

In der Evaluation zu Folgen des Cannabisgesetzes lässt auch
aufhorchen: Der Gesetzgeber habe in Deutschland «den größten
prinzipiell legal-kommerziellen Markt» für medizinisches Cannabis in
Europa geschaffen. 2025 seien 200 Tonnen medizinisches Cannabis
legal-kommerziell eingeführt worden, berichtet Manthey, Koordinator
des Forschungsprojekts. «Es gibt in keinem anderen europäischen Land
einen legalen Cannabismarkt in dieser Größenordnung.» 

Im Vergleich zu 2024 sei das ein Einfuhrplus von 198 Prozent. Der
Import - vor allem aus Kanada - sei privatwirtschaftlich organisiert,
erläutert der Forscher. Ob und in welchem Umfang illegale Gruppen in
die Herstellung des Cannabis aus medizinischem Anbau involviert seien
und was genau dann hierzulande mit den gestiegenen Mengen passiere,
sei unklar. Es fehle an Transparenz, und es gebe Hinweise darauf,
dass Deutschland auch Verteilzentrum sei. 

Strengere gesetzliche Regeln für den Zugang zu medizinischem Cannabis
hat das Bundeskabinett bereits auf den Weg gebracht. Aus dem
Unionsteil der Regierung kamen nun anlässlich des Berichts Kritik und
Rufe nach Korrekturen der generellen Legalisierung.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nannte sie einen Fehler. Die
«verschwommene Grenze zwischen Konsumcannabis und Cannabis zu rein
medizinischen Zwecken» sei ein zunehmendes Problem.

Dobrindt: Gesetz «vollkommener Rohrkrepierer»

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte, das
Legalisierungsgesetz sei ein «vollkommener Rohrkrepierer», und
kritisierte: «Der Schwarzmarkt boomt, die Kriminalität steigt.» Aus
Sicht von Familienministerin Karin Prien (CDU) sind Nachsteuerungen
bei der Suchtprävention für Kinder und Jugendlichen nötig. 

Die noch von der Ampel-Koalition durchgesetzte Legalisierung lässt
seit 1. April 2024 Kiffen und den Anbau von Cannabis für Volljährige
zu. Erlaubt ist der Anbau von bis zu drei Pflanzen in Wohnungen.
Aufbewahren darf man bis zu 50 Gramm Cannabis, unterwegs dabei haben
25 Gramm. Vorgeschrieben sind Abstände etwa zu Spielplätzen und
Schulen, Konsum vor Minderjährigen ist verboten. Zulässig sind auch
nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen mit bis zu 500 Mitgliedern. Für
Jugendliche unter 18 ist Cannabis weiterhin verboten.

CDU und CSU waren mit der Forderung nach Abschaffung des Gesetzes in
den Wahlkampf gezogen. Im Koalitionsvertrag mit der SPD vereinbart
wurde aber eine «ergebnisoffene Evaluierung». Ein erster
Zwischenbericht wurde im Herbst veröffentlicht, der Abschlussbericht
soll im April 2028 vorgelegt werden.

Anbauvereinigungen spielen kaum eine Rolle

Mit Blick auf den Verbrauch insgesamt in Deutschland heißt es: «Ein
Anstieg des Konsums, der auf die Reform zurückgeführt werden könnte,

ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht erkennbar.» Der Gesamtbedarf pro
Jahr wird von den Experten auf 670 bis 823 Tonnen geschätzt. Die
Anbauvereinigungen spielten «bei der partiellen Verdrängung des
Schwarzmarktes» dabei noch eine untergeordnete Rolle. Anbau und
Weitergabe aus diesen Vereinigungen sollten gestärkt werden. Eine
Genehmigung sei derzeit aber sehr komplex. 

Auswirkungen auf Jugendschutz rufen nach rechtlichen Korrekturen 

Der Kinder- und Jugendschutz sollte gestärkt werden. Doch
Frühinterventionen und Beratungsangebote für Jugendliche, die
Cannabis konsumieren, würden nun deutlich seltener in Anspruch
genommen. Ein Grund dürfte sein, dass bei Cannabis-Auffälligkeit nun
in der Regel keine Strafanzeige mehr erstattet werde - es sei denn,
der junge Mensch mache sich strafbar oder gefährde andere, erläutert
Suchtforscher Daniel Kotz aus Düsseldorf. Es gebe durch die Justiz
kaum noch verpflichtende Zuweisungen in Frühinterventionskurse. 

Strafverfolgung sieht weniger Möglichkeiten 

Die Evaluation sieht Anhaltspunkte dafür, dass der Bezug von Cannabis
auf dem Schwarzmarkt gesunken sei. Eine Befragung von mehr als 2.000
Personen aus Reihen der Kriminalpolizei ergab zugleich, dass es
schwieriger geworden sei, Schwarzmarkt-Akteure zur Rechenschaft zu
ziehen. Strafverfolgungsbehörden beklagten, dass Kriminalität mit
Bezug zu Cannabis schwerer bekämpft werden könne, sagte Kriminologe
Jörg Kinzig von der Uni Tübingen.

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