Ein Jahr Klinikreform - Was hat sich für Patienten geändert? Von Marc Herwig, dpa
Längere Wege, dafür mehr Qualität: NRW organisiert seit einem Jahr
die Krankenhaus-Landschaft neu. Für die Patienten hat sich seitdem
einiges verändert.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Wer ins Krankenhaus muss, will am liebsten von
echten Spezialisten behandelt werden. Aber längst nicht jeder Arzt
hat auch bei jedem Eingriff die nötige Routine.
Seit einem Jahr krempelt die NRW-Landesregierung deshalb die
Klinik-Landschaft um: Krankenhäuser müssen sich spezialisieren,
benachbarte Kliniken dürfen nicht mehr identische Angebote vorhalten.
Das hat spürbare Folgen für Patienten, Beschäftigte und die
finanzielle Situation der Träger.
Was hat die Reform den Patienten gebracht?
Krankenhäuser sind heute stärker spezialisiert als früher. Patienten
sollen sicher sein können, dass Kliniken gerade bei komplexen
Eingriffen nur Leistungen anbieten, für die sie ausreichend Personal,
Erfahrung und Ausstattung haben. Das war das wichtigste Ziel der
sogenannten Krankenhausplanung, die am 1. April 2025 in Kraft
getreten ist.
Es gehe um mehr Qualität statt um die reine Zahl der
Behandlungsplätze, sagt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann
(CDU). «Als erstes Bundesland setzen wir nicht auf Betten, sondern
planen auf Basis des tatsächlichen Bedarfs, klarer Qualitätsstandards
und eindeutiger Erreichbarkeitsvorgaben.» Das habe für die meisten
Krankenhäuser deutliche Veränderungen zur Folge gehabt. «Wir sprechen
hier von der größten gesundheitspolitischen Reform seit Jahrzehnten.»
Der Weg sei aber der Richtige, zeigte sich Laumann überzeugt.
Welche Nachteile gibt es für Patienten?
Stärkere Spezialisierung heißt auch, dass einige Behandlungen nicht
mehr im nächstgelegenen Krankenhaus angeboten werden - die Wege sind
also weiter geworden. Das trifft die Bewohner von Städten natürlich
weniger hart als die Menschen auf dem Land.
Vor allem bei Krebstherapien sowie bei Knie- und Hüftprothesen hat
die Landesregierung stark ausgesiebt. Dort müssen Patienten jetzt in
weiter entfernte Kliniken fahren. Grundsätzlich gilt: Je seltener und
spezialisierter eine Leistung ist, desto längere Anfahrtswege müssen
einkalkuliert werden.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fürchtet, dass kleinere
Kliniken dadurch noch stärker unter Druck geraten und letztlich
schließen müssen. «Wie viele Hospitäler den
Transformationsprozess überstehen können, ist noch nicht absehbar»,
sagt Stiftungsvorstand Eugen Brysch.
Aber weitere Wege können bei Notfällen ja gefährlich werden?
Das stimmt. Bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt zählt jede
Sekunde. Die Versorgung von Notfällen wird deshalb auch weiterhin
flächendeckend von den Krankenhäusern vorgehalten. Das Gleiche gilt
für einfache Erkrankungen wie eine Blinddarm-Entzündung oder einen
gebrochenen Arm
In Nordrhein-Westfalen gilt die Regel, dass für 90 Prozent der
Menschen ein Krankenhaus der Grundversorgung nicht mehr als 20
Minuten mit dem Auto entfernt liegen darf. Laut
Gesundheitsministerium wird diese Vorgabe in NRW deutlich
übertroffen.
Was hat sich durch die Reform für die Beschäftigten verändert?
Der Umbau oder die Schließung ganzer Abteilungen habe für viele
Klinik-Beschäftigten Nachteile mit sich gebracht, sagt Susanne Hille,
Fachbereichsleiterin Gesundheit bei der Gewerkschaft Verdi. «Viele
müssen die Abteilung oder den Standort wechseln, manche sogar den
Arbeitgeber.» Manche müssten dadurch weitere Strecken zur Arbeit
pendeln und mit neuen Arbeitsbedingungen und Aufgaben klarkommen.
«Die Belastung steigt - und das in einem System, das längst am Limit
arbeitet», kritisiert Hille. «Für die Beschäftigten ist das kaum no
ch
tragbar.»
Gleichzeitig schwäche es Kliniken, wenn sie bislang lukrative
Leistungen nicht mehr anbieten dürften. Dadurch seien auch finanziell
wenig attraktive Angebote wie die Geburtshilfe plötzlich gefährdet -
denn bislang hätten viele Kliniken sie quersubventioniert.
«Gesundheitsversorgung muss sich am Bedarf der Menschen orientieren -
nicht an ökonomischen Logiken», forderte die Gewerkschafterin.
Welche finanziellen Folgen hat die Spezialisierung für die Kliniken?
Wer eine Leistung nicht mehr anbieten darf, kann damit natürlich auch
kein Geld mehr verdienen. Mit der Reform seien deshalb «durchaus
schmerzhafte Einschnitte für einzelne Krankenhäuser verbunden
gewesen», sagt Ingo Morell, Präsident der Krankenhausgesellschaft
Nordrhein-Westfalen.
Gleichzeitig mussten die Kliniken, die einen Schwerpunkt zugeteilt
bekommen haben, neues Personal finden und teilweise aufwendig
umbauen. Solche Maßnahmen seien sehr teuer und bräuchten Zeit. Der
Umbau sei noch in vollem Gange, betont Morell. «Nach einem Jahr sind
noch längst nicht alle Veränderungen sichtbar.» Wichtig für die 320
Kliniken in NRW sei vor allem, dass sie durch die Krankenhausplanung
bis zum Jahr 2030 Planungssicherheit haben.
Was ist aus dem juristischen Tauziehen um die Reform geworden?
Niemand lässt sich gern etwas wegnehmen - deshalb waren mehrere
Kliniken gegen das Land vor Gericht gezogen und wollten verhindern,
dass sie bestimmte Behandlungen nicht mehr anbieten dürfen. Doch
schon an den Verwaltungsgerichten erlitten die meisten Kliniken mit
ihren Eilanträgen Niederlagen und die Richter hatten juristisch
nichts an der Krankenhausreform des Landes auszusetzen.
58 Eilverfahren landeten schließlich beim Oberverwaltungsgericht in
Münster. In 35 Fällen traf die Kammer dort bereits eine Entscheidung,
ebenfalls meist zugunsten des Landes. In 23 Verfahren am OVG steht
eine Entscheidung noch aus, wie ein Gerichtssprecher sagte.
Laut NRW-Gesundheitsministerium gibt es außerdem 97 sogenannte
Hauptsacheverfahren, in denen dann endgültig geklärt wird, ob die
Krankenhausplanung des Landes rechtmäßig ist. Bis es dort zu
Entscheidungen kommt, kann es aber noch dauern.
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