) Cyberchondrie: Googeln, bis man zum Arzt muss Von Marco Krefting, dpa

Fast jeder hat schon mal im Internet zu Symptomen recherchiert. Doch
bei manchen schüren die Ergebnisse Ängste. Was das bedeutet, wer
gefährdet ist und was man tun kann.

Karlsruhe (dpa) - Die Schmerzen können doch nicht nur Seitenstiche
sein! Und wer weiß, was das Kribbeln in den Fingern zu bedeuten hat!?
Schnell zwei, drei Klicks im Internet - und schon landen manche in
einer Welt von dramatischen Krankheitsverläufen und vermeintlichen
Diagnosen. Angst macht sich breit.

Fachleute sprechen von Cyberchondrie. Der Begriff setzt sich zusammen
aus Cyber und Hypochondrie. Er beschreibt laut Heiko Graf vom
Städtischen Klinikum Karlsruhe ein Phänomen, aber keine
klassifizierte Erkrankung. 

Bei der Cyberchondrie bestehe eine unbegründete Angst oder eine
erhöhte Aufmerksamkeit auf ernste körperliche Erkrankungen, die auf
der Kenntnisnahme von Internetinhalten beruhe, erklärt der Direktor
der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Daraus
könnten sich eine Depression oder eine hypochondrische Störung
entwickeln. Letztere sei gewissermaßen die Maximalvariante. 

Immerhin sechs Prozent der deutschen Bevölkerung leiden laut einer
Studie der Uni Mainz unter starken Gesundheitsängsten. Mit klarer
Tendenz: «Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den
letzten 30 Jahren», sagt Graf.

Hohes Gefährdungspotenzial

«Betroffen sind vor allem unter 35-Jährige», erklärt der Experte.
Diese Gruppe nutze das Internet häufiger als etwa über 80-Jährige.
Zudem entwickelten sich Angststörungen im jüngeren Lebensalter. «Man

ist da noch empfänglicher.»

Aber auch Menschen mit erhöhter Grundängstlichkeit oder solche, die
mit Unsicherheiten schlecht umgehen können, seien anfälliger. Studien
gingen davon aus, dass bei 30 bis 50 Prozent der Menschen die Angst
vor Erkrankungen steige, wenn sie im Internet danach suchen.

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische
Krankenkasse haben 91 Prozent der Befragten schon einmal zu
Krankheiten und Symptomen im Netz recherchiert - egal ob sie selbst
betroffen waren oder jemand aus ihrem Umfeld. Rund ein Drittel gab
an, sich so Arztbesuche zu sparen.

13 Prozent haben sich demnach schon einmal eine Selbstdiagnose
gestellt. Unter den 16- bis 34-Jährigen sei es sogar jeder Fünfte
gewesen (20 Prozent).

Von der Internetrecherche nach Symptome zu Morbus Google 

«Wer im Netz nach Krankheiten und Symptomen googelt, macht erst
einmal nichts falsch», sagt KKH-Psychologin Isabelle Wenck der
Krankenkasse zufolge. «In den meisten Fällen verbessert dies sogar
die eigene Gesundheitskompetenz - vorausgesetzt, die Informationen
sind seriös und aktuell.» 

Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten aber schnell
in einen Teufelskreis geraten. «Das gilt insbesondere für diejenigen,
die bereits eine konkrete Angst vor schweren oder unheilbaren
Krankheiten haben.» In der Folge könne eine Cyberchondrie entstehen.
«Diese zwanghafte Sucht nach einer Internetdiagnose wird auch Morbus
Google genannt», erläutert Wenck. 

Die Onlinesuche wirke dabei oft wie eine Art Brandbeschleuniger
bereits bestehender Ängste: Betroffene surften viele Stunden am Tag
nach passenden Erklärungen für ihre Beschwerden, zögen falsche
Schlüsse, überdramatisierten ihre Symptome und stellten
schlimmstenfalls dramatische Eigendiagnosen.

Wie Cyberchondrie auffällt

Auch Graf sagt: «Das Problem ist ja nicht das vereinzelte
Nachschlagen von Erkrankungen im Internet, sondern dass daraus eine
Angststörung und hypochondrische Angst werden kann.» Die Grenze sei
fließend. «Irgendwann bekommt die Suche nach Krankheiten einen
zwanghaften Charakter. In der Regel entwickeln die Betroffenen zwar
einen Leidensdruck, werden aber dann häufig von anderen auf deren
unbegründete Ängste angesprochen.» 

Ärzten falle zum Beispiel auf, dass ihr Patient schon viele Mediziner
vorab konsultiert habe und immer wieder an unauffälligen Befunden
zweifle. Aber auch Freunde und Familie könnten ungewöhnliches
Verhalten bemerken.

Experte hält auch KI-Anwendungen für problematisch

Im Grunde spricht laut Graf nichts dagegen, das Internet für
Gesundheitsfragen zu konsultieren. Ärzte aber berücksichtigen bei
Diagnosen auch Wahrscheinlichkeiten, etwa wie häufig eine Erkrankung
in einem bestimmten Alter auftrete. «Diesen Kontext hat man häufig
nicht, wenn man im Internet nach einzelnen Symptomen recherchiert.
Dann landet man bei der Recherche über Kopfschmerzen innerhalb von
drei Klicks beim Hirntumor, obwohl Spannungskopfschmerzen oder
Migräne viel wahrscheinlicher sind.»

Zudem mahnt der Fachmann, mindestens 40 Prozent der
Gesundheitsinhalte im Netz seien nicht verifiziert oder gar falsch.
Insbesondere bei Krebs sei das der Fall, ergab eine systematische
Auswertung Dutzender Studien. 

KI-Anwendungen wie ChatGPT sind aus Grafs Sicht ebenfalls
problematisch, weil diese ebenso ungefiltert auf Webinhalte mit nicht
fundierten Angaben zurückgreifen könnten. «Die Informationen im Netz

sind von sehr unterschiedlicher Qualität», sagt auch Wenck. Nur
Fachleute könnten die Vielzahl an Ergebnissen fachgerecht deuten und
richtig einordnen.

Hilfe bietet Betroffenen Psychotherapie. Medikamente werden laut Graf
eher selten verabreicht. Mit Verhaltenstherapie könne man binnen 25
Sitzungen - auch ambulant - schon sehr viel erreichen. «Wichtig ist
zunächst, nicht mit dem Patienten in die Diskussion zu gehen, dass er
keine körperliche Erkrankung hat, sondern Strategien zu vermitteln,
wie er auf Angst regieren kann.»

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