Wie leben Syrer in Deutschland? Die wichtigsten Fragen Von Michael Donhauser und Martina Herzog, dpa
Auf dem deutschen Arbeitsmarkt erfüllen sie wichtige Aufgaben. Doch
auch beim Wiederaufbau ihres Herkunftslandes könnten die mehr als
900.000 Syrer, die in Deutschland leben, eine Rolle spielen.
Berlin (dpa) - Was wird aus der knappen Million Syrerinnen und
Syrern, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs in der Heimat in
Deutschland Zuflucht gesucht haben? Mehr als 900.000 leben noch hier.
Es gebe es «keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland», machte
Kanzler Friedrich Merz (CDU) schon im vergangenen Jahr deutlich und
stellte Rückführungen in Aussicht.
Nun hat Merz erklärt, 80 Prozent der Syrerinnen und Syrer sollten
binnen drei Jahren zurückkehren - will damit aber nur eine Zielmarke
wiedergegeben haben, die der syrische Übergangspräsident Ahmed
al-Scharaa bei seinem Besuch in Berlin genannt habe.
Wie viele Syrerinnen und Syrer gibt es in Deutschland?
Ende Oktober 2025 waren es nach Auskunft des Bundesinnenministeriums
an die AfD-Fraktion rund 944.000 Menschen - etwa 30.000 weniger als
zum Jahreswechsel. Nach den Ukrainern sind die Syrer die größte
Gruppe von Schutzsuchenden in Deutschland.
Die Zahl der Menschen aus Syrien, die in Deutschland Schutz suchen,
ist seit dem Sturz von Langzeitherrscher Baschar al-Assad Ende 2024
deutlich gesunken. Zwischen Januar und September 2025 seien rund
40.000 Syrerinnen und Syrer gekommen und damit 46,5 Prozent weniger
als im Vorjahreszeitraum, teilte das Statistische Bundesamt im
November auf Basis vorläufiger Zahlen mit.
Wie steht es um Einbürgerungen?
Die Zahl der Syrer, die inzwischen einen deutschen Pass haben, steigt
seit Jahren stark an. Im Jahr 2024 allein waren es fast 100.000, wie
Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
in einem Beitrag auf LinkedIn schreibt. In den Jahren 2025 und 2026
würden noch höhere Zahlen erwartet.
Wie viele von ihnen arbeiten?
Insgesamt sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit derzeit
266.100 Syrerinnen und Syrer sozialversicherungspflichtig in
Deutschland beschäftigt - sie leisten mit ihrer Arbeit also auch
Beiträge etwa für die Kranken-, Renten- oder
Arbeitslosenversicherung. Insgesamt - also mit Minijobs - sind
320.000 von ihnen in Arbeit.
Hinzu gezählt werden müssten diejenigen, die aus Syrien nach
Deutschland kamen, inzwischen aber einen deutschen Pass besitzen und
nicht mehr als Syrer erfasst werden. Die Zahl der arbeitssuchenden
Syrer hat im März im Vergleich zum Vorjahresmonat um mehr als 33.500
abgenommen.
In welchen Branchen arbeiten sie vor allem?
«Wir finden eigentlich aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit, dass
sich die syrischen Geflüchteten gut in den Arbeitsmarkt integriert
haben», sagt die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit,
Andrea Nahles. Syrische Staatsangehörige arbeiteten vor allem in den
Bereichen Gesundheitswesen, in der Pflege, im Handel und in der
Logistik. Das seien Branchen, die Arbeitskräfte bräuchten.
Die Beschäftigungsquote liege derzeit für alle syrischen Geflüchteten
bei 47 Prozent. Darin sind auch die enthalten, die gerade erst
angekommen sind. Bei Männern aus Syrien liegt die Beschäftigungsquote
nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung (IAB) um die 70 Prozent, sie ist damit vergleichbar
mit den Deutschen.
Für die Gruppe, die seit 2015/2016 in Deutschland lebt, liege sie
sogar bei 60 Prozent. Zum Vergleich: Deutsche Staatsbürger haben eine
Beschäftigungsquote von 71 Prozent.
Wie wäre die Lage im Gesundheitssystem ohne Syrer?
Syrische Ärzte bilden laut Deutscher Krankenhausgesellschaft die
größte Gruppe unter den ausländischen Ärzten in Deutschland. «Sie
haben damit eine erhebliche Bedeutung für die Gesundheitsversorgung»,
sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Henriette Neumeyer
dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Ende 2024 hätten 5.745
syrische Ärztinnen und Ärzte in deutschen Krankenhäusern gearbeitet.
Auch in der Krankenpflege seien syrische Fachkräfte von größter
Bedeutung. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft gehe von mehr als
2.000 syrischen Pflegekräften in deutschen Krankenhäusern aus.
«Würden diese Fachkräfte wieder das Land verlassen, hätte das
spürbare Auswirkungen auf die Versorgung», so Neumeyer. «Eine
Rückkehr zu forcieren, wäre aus Sicht der Gesundheitsversorgung nicht
produktiv.»
Wie ist die Lage in Syrien?
Die politische und sicherheitspolitische Lage in Syrien ist mehr als
ein Jahr nach dem Sturz Assads weiterhin fragil. Es kam seitdem zu
mehreren Gewaltwellen, bei denen Hunderte Menschen getötet wurden. Es
gab Gefechte mit Minderheiten wie den Drusen im Süden oder den
Alawiten an der Küste. Anfang des Jahres kam es zu schweren Kämpfen
zwischen Regierungstruppen und kurdisch dominierten Kräften im Norden
des Landes. Fachleute warnen auch vor einem Wiedererstarken der
Terrormiliz Islamischer Staat (IS).
Besonders die von der einstigen Opposition gehaltenen Gebiete sind
noch immer stark zerstört. In vielen großen Städten liegen ganze
Viertel in Trümmern. Ein Leben ist dort kaum möglich.
Werden die in Deutschland lebenden und hier ausgebildeten Syrer dort
nicht dringend gebraucht?
Ja, die erworbenen Ausbildungen können beim Wiederaufbau des
Heimatlandes hilfreich sein, finden Wissenschaftler. Umgekehrt kann
aber auch Deutschland profitieren, wenn Netzwerke entstehen und
Deutschland am Wiederaufbau und auch in der Zeit profitiert,
erläutert IAB-Forscher Weber. «Es geht um die Zukunft eines Landes -
und Deutschland hat die Chance, daran Anteil zu nehmen.»
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