So entlastet der «Gemeinsame Tresen» Notaufnahmen in Hessen von Lea Winkler und Andreas Arnold , dpa

Viele landen in der Notaufnahme, obwohl sie kein Notfall sind. Ein
neues System in Frankfurt soll das ändern und das Personal entlasten.
Was bedeutet das für die Mitarbeiter - und die Patienten?

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Das Projekt «Gemeinsamer Tresen» soll die
Patientensteuerung in der Notfallversorgung verbessern. Seit Januar
2026 ist auch am Bürgerhospital Frankfurt eine zentrale
Ersteinschätzungsstelle in Betrieb. Wie funktioniert der «Gemeinsame
Tresen»? 

Was ist der «Gemeinsame Tresen»?

Der «Gemeinsame Tresen» ist eine zentrale Anlauf- und
Ersteinschätzungsstelle für Patientinnen und Patienten, die mit
akuten Beschwerden selbstständig ins Krankenhaus kommen. Dort wird
direkt nach der Ankunft geklärt, wie dringend ein Fall ist und wo die
Behandlung am besten erfolgen sollte. 

Schwere Fälle werden unmittelbar in die Notaufnahme weitergeleitet.
Bei leichteren Beschwerden erfolgt die Behandlung über den Ärztlichen
Bereitschaftsdienst oder in einer Hausarztpraxis. Ziel ist es,
Notaufnahmen zu entlasten, indem Patientinnen und Patienten schneller
an die richtigen Stellen verwiesen werden.

Hintergrund ist, dass viele Menschen Krankenhäuser aufsuchen, obwohl
ihre Beschwerden auch ambulant behandelt werden könnten - etwa weil
Arztpraxen geschlossen sind oder Termine fehlen. Dadurch kommt es
häufig zu überfüllten Notaufnahmen und langen Wartezeiten. Hessens
Gesundheitsministerin Diana Stolz sagt: «Keiner möchte sechs Stunden
in der Notaufnahme warten, obwohl er dort falsch ist und es nicht
weiß. Das sorgt für Unzufriedenheit im Gesundheitssystem und das ist
einfach nicht nötig.»

Wie ist der Ablauf am «Gemeinsamen Tresen»?

Die leitende Ärztin der Zentralen Notaufnahme am Bürgerhospital
Frankfurt, Daniela Dock-Rust, beschreibt den Ablauf: Patientinnen und
Patienten betreten das Krankenhaus über einen separaten Eingang und
melden sich zunächst per Klingel. Nach dem Einlass gelangen sie in
einen Wartebereich und anschließend in einen Vorraum mit
Schaltfenster. 

Dort erfolgt die Ersteinschätzung im Gespräch mit dem medizinischen
Personal. Die Mitarbeitenden arbeiten dabei strukturiert einen
standardisierten Fragenkatalog, die sogenannte «Standardisierte
medizinische Ersteinschätzung in Deutschland» (SmED), ab und hören
sich die Beschwerden an.

Auf dieser Grundlage wird entschieden, wie dringend der Fall ist und
welche Behandlung notwendig ist. Am Ende erhalten die Patientinnen
und Patienten eine Zusammenfassung der Einschätzung. Darin finden
sich auch konkrete Hinweise zum weiteren Vorgehen - etwa zur
Behandlung zu Hause oder zur Weiterleitung in die passende
Versorgungseinrichtung.

Wie reagieren die Patienten im Bürgerhospital Frankfurt?

Geschäftsführer Marcus Amberger zieht eine erste positive
Zwischenbilanz: Das Modell «Gemeinsamer Tresen» habe die
Patientensteuerung deutlich verbessert. Ariam Yemane, Teamleitung der
Zentralen Notaufnahme, erklärt, das Angebot werde von den
Patientinnen und Patienten gut angenommen: «Wir hatten uns auf
Diskussionen eingestellt, wurden aber positiv überrascht. Die
Menschen fühlen sich ernst genommen, weil ihre Beschwerden angehört
werden.»

Auch aus Sicht der Klinikleitung zeigen sich Vorteile im Ablauf.
Amberger sagt, die Prozesse seien transparenter und strukturierter
geworden. Das sorge nicht nur für mehr Orientierung bei den
Patientinnen und Patienten, sondern entlaste auch die Mitarbeitenden.
Zudem könne der «Gemeinsame Tresen» dazu beitragen, Konflikte in der

Notaufnahme zu reduzieren. Klare Abläufe und nachvollziehbare
Entscheidungen führten nach Einschätzung der Klinik zu mehr Akzeptanz
bei Patientinnen, Patienten und Angehörigen.

Werden dadurch die Notaufnahmen wirklich entlastet?

Nach Angaben der Beteiligten würde die Patientensteuerung durch den
«Gemeinsamen Tresen» spürbar verbessert. Dock-Rust nennt für das
Bürgerhospital Frankfurt konkrete Zahlen: Rund 58 Prozent der
Patientinnen und Patienten müssten in der Notaufnahme behandelt
werden, etwa 42 Prozent könnten ohne Sichtung wieder nach Hause
gehen. Auch Studien zeigten, «dass viele Patientinnen und Patienten
mit eher leichten Beschwerden kommen, die sie aber zu Hause oder beim
Hausarzt nicht ausreichend behandelt bekommen könnten», erklärt
Dock-Rust.

Armin Beck, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der
Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, bestätigt diese Zahlen für die
weiteren Standorte. Auch dort gebe es eine 50/50-Verteilung.

Wo gibt es «Gemeinsame Tresen» und wie geht es weiter?

Das Bürgerhospital Frankfurt ist bereits der vierte Standort in
Hessen, an dem das Modell «Gemeinsamer Tresen» erfolgreich umgesetzt
wird. Erfahrungen aus dem Klinikum Frankfurt-Höchst, dem Klinikum
Darmstadt und dem Sana Klinikum Offenbach zeigen, dass sich dadurch
die Patientenzahlen in den Notaufnahmen deutlich reduzieren lassen.

Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz bezeichnete den
«Gemeinsamen Tresen» als wichtigen Baustein für eine bessere
Steuerung im Gesundheitssystem. Hessen sieht sich damit als Vorreiter
- das Modell gelte als Blaupause für Berlin und ganz Deutschland.
Stolz betonte, Reformen im Gesundheitssystem müssten immer vom
Patienten her gedacht werden und praktische Erfahrungen, wie der
«Gemeinsame Tresen» könnten in die bundesweite Notfallreform
einfließen.

Weitere Standorte in Hessen seien bereits in Planung, sagt Beck.
Geplant sind unter anderem Standorte nach Umbauten am
Nordwestklinikum, in Bad Soden, Rüsselsheim und in Heppenheim. Ziel
sei es, das Modell flächendeckend in Hessen umzusetzen.

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