Wohnungsnot und Sucht: Warum Kiel eine Anlaufstelle braucht Von Felix Müschen und André Klohn, dpa

Der Crack-Konsum steigt, Wohnungen fehlen: Wer in Kiel Hilfe sucht,
kämpft oft um das Nötigste. Was die Drogenhilfe täglich erlebt - und

warum eine zentrale Anlaufstelle dringend nötig wäre.

Kiel (dpa/lno) - Drogensucht kann Menschen aller
Gesellschaftsschichten treffen. «Jede Persönlichkeit ist dabei, jede
Persönlichkeitsstörung auch», sagt Tina Abel. Sie arbeitet bei der
Drogenhilfe Kiel Ost im Stadtteil Gaarden. Menschen mit
psychiatrischen Erkrankungen, Suchtproblemen und vielfältigen
Lebensgeschichten suchen hier Hilfe.

Ihre Anliegen reichen von Kopien für Anträge über
Schuldenregulierungen und Haftvermeidung bis zu Hilfe bei
Beziehungsproblemen, familiären Konflikten und Sucht. «Während der
Sprechstunden vor Ort, montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr, können
die Menschen jederzeit kommen - in jedem Zustand und mit jedem
Anliegen», sagt Abel. 

«Wir machen im Rahmen dieser Beratung auch ein Spritzentauschangebot
oder Vergeben Konsumutensilien», sagt die Sozialarbeiterin. Einige
Utensilien, wie Crackpfeifen, kosteten 2,50 Euro - Spritzen, Kanülen,
Nadeln und Alkoholtupfer seien kostenlos. Außerhalb der Sprechzeiten
gebe es ambulante Betreuung. Die beiden Beratungsstellen der
Drogenhilfe in Kiel nutzten rund 600 bis 700 Menschen.

Belastbare Zahlen zu der Zahl drogenabhängiger Menschen in
Schleswig-Holstein gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums
nicht. Das Ministerium verweist auf den Morbiditäts- und Sozialatlas
der Barmer Ersatzkasse, wonach im Norden statistisch 5,7 Menschen je
10.000 Einwohnenden 2023 von Kokainmissbrauch betroffen waren und
damit mehr als im Bundesschnitt von 3,3.

Crack-Konsum nimmt zu

In den letzten zehn Jahren habe sich die Arbeit mit den Klienten
verändert «Es gibt Altklientel, was wir betreuen, was noch aus alten
überwiegend Opiatkonsumierenden Zeiten ist», sagt Abel. Doch seit
vier Jahren breitet sich Crack zunehmend aus. 

Gleichzeitig wachse der Bedarf an grundlegender Hilfe: Saubere
Wäsche, Essen, Kleidung oder Toilettenpapier fehlten oft. Die
finanzielle Situation der Menschen habe sich spürbar verschlechtert.
«Das Leben ist für uns alle teurer geworden, aber Crack-Konsum ist
einfach Wahnsinn», sagt ihre Kollegin Birthe Kruska. Eine Dosis koste
fünf Euro und wirke nur 15 Minuten. Pro Tag könnten so 200 bis 250
Euro für die kokainbasierte Droge zusammenkommen. Gleichzeitig
griffen viele zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln, um überhaupt wieder
zur Ruhe zu finden.

Aktuell stehen im Landeshaushalt 5,35 Millionen Euro für die
Suchtbekämpfung bereit. Damit werden Mittel für Hilfen vor Ort
aufgestockt. «Die breit angelegten Beratungs- und Behandlungsangebote
für Suchtkranke und deren Angehörige sind auch dazu angelegt, den Weg
für Drogenkonsumenten in die bestehenden Hilfsangebote vor Ort zu
erleichtern», sagt Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken
(CDU). Als Beispiele nennt sie das Check-Mobil. Es bietet
niedrigschwellige und barrierefreie Angebote. 

«Neben der Suchthilfe ist die konsequente Bekämpfung der
Drogenkriminalität eine wichtige Maßnahme gegen die Verbreitung von
Drogen in Schleswig-Holstein», sagt die Ministerin. Mit gezielten
konzertierten Aktionen setzen Staatsanwaltschaft und Polizei Zeichen
gegen organisierte Kriminalität im Zusammenhang mit
Drogenkriminalität.

Mehr Obdachlosigkeit und psychische Ausnahmezustände

Ein weiteres Problem: In Kiel leben immer mehr Menschen auf der
Straße. So nähmen bei Klienten die psychischen Probleme nicht nur
durch Drogen zu, sondern auch durch Lebensumstände. «Die ständige
Geldnot, der Schlafmangel, die Unsicherheit, dass ich morgens nicht
weiß, wenn ich aufstehe, wo ich abends hin soll, wo ich abends
schlafen kann - das führt zu psychischen Ausnahmezuständen bei den
Menschen», sagt Kruska.

Als die Sozialarbeiterin vor 16 Jahren bei der Drogenhilfe anfing,
waren solche Fälle selten. «Heute ist es die Ausnahme, wenn jemand
keine psychiatrischen Begleiterscheinungen in irgendeiner Form hat»,
sagt Kruska. Der überwiegende Teil der Klientinnen und Klienten ist
laut ihrer Kollegin Abel ohne festen Wohnsitz.

«Aber es ist ja für kaum jemanden im Leistungsbezug noch möglich,
Wohnraum zu finden», erklärt sie. Besonders Obdachlose könnten
potenziellen Vermietern nichts vorweisen, was für sie spricht. Zudem
fehle ihnen gesellschaftliches Ansehen. Abel fügte hinzu: «Das liegt
eher im Minusbereich.»

Armut

Nach Angaben der Landesregierung lag die sogenannte
Armutgefährdungsquote 2025 bei 15,7 Prozent. «Armut breitet sich
schleichend immer weiter in Schleswig-Holstein aus - und wir müssen
entschieden dagegen vorgehen», sagt Sozialministerin Aminata Touré
(Grüne). «Zuallererst einmal brauchen wir einen funktionierenden
Sozialstaat, der die Menschen im Zweifel absichert, bezahlbaren
Wohnraum und die Möglichkeit zur Teilhabe am Arbeitsleben.» Die
Gefahr später als Erwachsene in Armut zu geraten, sei besonders für
Kinder hoch, die selbst armutsbetroffen seien und damit schlechtere
Bildungs- und Teilhabechancen hätten. 

Forderung nach zentraler Anlaufstelle

Die Drogenhilfe in Kiel, mit zwei Standorten am Ost- und Westufer,
ist laut Kruska die einzige Einrichtung in Schleswig-Holstein, die
sich auf illegale Substanzen spezialisiert hat. In Gaarden gibt es
ausreichend Anlaufstellen, doch die Öffnungszeiten könnten länger
sein. Was jedoch fehlt, ist eine zentrale Einrichtung.

Kollegin Abel erklärt: «Eine Einrichtung, die alles vereint:
Medizinische Versorgung, Substitutionsversorgung, Anlaufstelle,
essen, schlafen, waschen und Aufenthalt.» Ein Platz, an dem Menschen
stundenlang bleiben können - auch ohne konkretes Anliegen.

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