Was Eltern an der digitalen Welt ihrer Kinder Sorgen macht Von Thomas Strünkelnberg, dpa
Oft aufs Handy starren wohl die meisten: Aber ist es per se schlecht,
wenn Kinder und Jugendliche in den Sog digitaler Medien geraten?
Vielen Eltern bereitet das Kopfschmerzen. Eines ist überraschend.
Hannover (dpa) - Das Handy ist immer dabei, Nachrichten ploppen im
Sekundentakt auf, der Stream scheint nicht zu enden - und der Blick
ist meist auf den Bildschirm gerichtet: Eltern wissen, wie stark die
verführerische Macht digitaler Medien sich auf Kinder und Jugendliche
auswirken kann.
Überraschend allerdings: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH
Kaufmännische Krankenkasse wissen die meisten Eltern ziemlich genau,
welche digitalen Medien und Online-Angebote ihr Kind nutzt.
Demnach fühlt sich die Hälfte der Befragten eher gut informiert, 24
Prozent sogar sehr gut. Für ein Fünftel der Eltern ist die
Mediennutzung den Angaben zufolge allerdings «eine Art Blackbox», sie
fühlen sich schlecht darüber informiert, was ihr Kind sich im
Internet ansieht, welche Spiele es spielt und was es postet.
Für die repräsentative Untersuchung befragten die Meinungsforscher
vom 30. Januar bis 16. Februar bundesweit 1.001 Eltern, die Kinder im
Alter zwischen 6 und 18 Jahren haben. Die KKH zählt nach eigenen
Angaben mit gut 1,5 Millionen Versicherten zu den großen bundesweiten
Krankenkassen.
Wie groß ist die Anziehungskraft von Handy, Tablet, Spielekonsole und
Co.?
Laut Befragung nutzt fast jeder Heranwachsende regelmäßig digitale
Medien - insgesamt sind es demnach 96 Prozent. Ganz klar vorn liegen
bei Kindern und Jugendlichen Video-Streaming-Dienste (80 Prozent) vor
Musik-Streaming (64 Prozent) und Social-Media-Plattformen (52
Prozent).
Online-Spiele kommen auf 45 Prozent, künstliche Intelligenz wie
ChatGPT auf 26 Prozent. Die Krankenkasse urteilt: Digitale Medien
seien immer früher fester Bestandteil des Alltags der Kinder - in der
Familie, im Freundeskreis und in Schule, in der Ausbildung bis hin zu
Urlaub und Freizeit.
Denn sogar 6- bis 9-Jährige sind der Untersuchung zufolge online
schon erstaunlich rege - über zwei Drittel von ihnen nutzen nach
Angaben der Eltern Streaming-Angebote, mehr als ein Fünftel spielt
Online-Spiele. Allerdings: Mit 59 Prozent ist der Anteil unter ihnen,
der Lern-Apps nutzt, recht hoch. Soziale Netzwerke nutzen dagegen nur
3 Prozent der Kinder dieses Alters.
Was macht den Eltern die größten Sorgen?
Eindeutig die größte Sorge der befragten Eltern: das Suchtpotenzial.
Immerhin 53 Prozent der Eltern fürchten das Risiko einer Mediensucht,
fast ebenso viele, nämlich 50 Prozent, befürchten
Konzentrationsprobleme. Gut die Hälfte der Eltern geht der Befragung
zufolge davon aus, dass der Umgang mit digitalen Geräten und Inhalten
sich auf ihre Kinder auswirkt, gut ein Drittel nimmt demnach negative
Folgen wahr.
34 Prozent der Befragten befürchten psychische Probleme oder
Bewegungsmangel, auch Schlafstörungen (27 Prozent) bereiten Sorgen.
Fast die Hälfte der Eltern hat außerdem Bedenken, ob ihr Kind es im
Netz mit gefährlichen Inhalten zu tun bekommt, 39 Prozent treibt die
Sorge wegen Cybermobbings um.
Gibt es Zahlen zur Suchtgefahr bei Kindern und Jugendlichen?
Ja, die gibt es. Eine in der vergangenen Woche vorgestellte Studie
der Krankenkasse DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums
Hamburg-Eppendorf kommt zu dem Ergebnis, dass der problematische
Umgang mit sozialen Medien bei Kindern und Jugendlichen anhält - und
Anwendungen mit künstlicher Intelligenz mit neuen Risiken dazukommen.
Hochgerechnet fast 1,5 Millionen Jungen und Mädchen zwischen 10 und
17 Jahren sind demnach von Social-Media-Sucht bedroht oder schon
davon betroffen.
Programme wie ChatGPT oder Gemini, die eine «menschenähnliche
Kommunikation» per Text oder Sprache ermöglichen, gehören laut Studie
bei vielen Kindern und Jugendlichen zum Alltag. Einzelne Befragte
sagten, sie vertrauten Chatbots Dinge an, die sie sonst keinem oder
nur engen Freunden erzählten.
Was sagen Experten zu den Risiken?
Social Media und andere digitale Angebote seien
«Verführungskünstler», sagt die Psychologin Franziska Klemm. Diese
Dienste arbeiteten mit technischen und psychologischen, teils
personalisierten Mechanismen - mit dem Ziel, die Nutzerinnen und
Nutzer an sich zu binden, erklärte sie. «Denn damit verdienen sie ihr
Geld.»
Klemm betont: «Das bewusst wahrzunehmen und sich dagegen zu schützen,
ist vor allem für Kinder schwer. Und so können ständiges Swipen,
Chatten, Posten und Liken überhandnehmen und sich negativ auf die
mentale Gesundheit auswirken.» Die Lösung: Medienkompetenz. Diese
helfe «Heranwachsenden, das online Erlebte einzuordnen und zu
hinterfragen und befähigt sie, Medien nicht nur zu konsumieren,
sondern aktiv zu nutzen».
Die Sorgen der Eltern seien nachvollziehbar - Schlafmangel,
Konzentrationsstörungen, Ängste, depressive Symptome oder Isolation
könnten die Folgen übermäßiger Bildschirmzeiten sein. «Für Elte
rn
liegt die Herausforderung darin, die Balance zwischen Chancen und
Risiken auszuloten.»
Wie lässt sich das erreichen?
Vieles ist selbsterklärend - altersgemäß begrenzte Bildschirmzeiten,
Zeitlimits für bestimmte Apps, Privatsphäre-Einstellungen und
Offline-Zeiten für Treffen mit Gleichaltrigen. Nur: Genau da liegen
für Eltern der Umfrage zufolge oft die größten Herausforderungen:
Klare Regeln aufstellen, diese konsequent durchsetzen und den
Überblick über Inhalte behalten ist fordernd - das sagen jeweils etwa
50 Prozent. Mit den eigenen Kindern darüber zu sprechen, ist für ein
knappes Drittel zudem alles andere als einfach.
«Dabei können offene Gespräche der Eltern mit ihrem Nachwuchs
entscheidend zum digitalen Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen
beitragen», betont Klemm. Das sei wichtig - damit Kinder sich «in der
digitalisierten Welt nicht alleingelassen fühlen».
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