Pro-Olympia-Material an Schulen sorgt für Streit in Hamburg Von Markus Klemm, dpa
Rund zwei Monate vor dem Olympia-Referendum gibt es Streit um
Unterrichtsmaterialien: Werden die Schülerinnen und Schüler
ausreichend über Gegenargumente informiert?
Hamburg (dpa) - Hamburgs Kinder und Jugendliche sollen in den Schulen
über die geplante Olympia-Bewerbung der Hansestadt diskutieren,
findet der rot-grüne Senat. Die SPD-geführte Innenbehörde hat deshalb
bereits Infomaterial und Themenvorschläge verschickt und auch
Recherchehinweise gegeben - allerdings nur in ihrem Sinne, also
Pro-Olympia. Die ebenfalls SPD-geführte Schulbehörde findet das in
Ordnung. Das Material sei vom Amt für Bildung geprüft «und als
weitergabefähig eingeschätzt» worden, sagt ein Sprecher. Die
Olympia-Gegner sehen darin einen Verstoß gegen den Beutelsbacher
Konsens.
Was ist der Beutelsbacher Konsens?
Der inzwischen 50 Jahre alte Beutelsbacher Konsens mit seinen drei
Grundsätzen gilt nach wie vor als Standard für eine demokratische und
verantwortungsvolle Bildungsarbeit in Deutschland. Demnach dürfen
Lehrkräfte Schülern nicht ihre eigene Meinung aufzwingen, sollen sie
vielmehr in die Lage versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Zweitens gilt: Was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird,
soll auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Am Ende soll
der Schüler eigenständig die politische Lage und seine eigene
Position darin analysieren können, um sich in seinem Sinne aktiv am
politischen Prozess beteiligen zu können.
Was hat die Innenbehörde gemacht?
Angesichts des Bürgerschaftsreferendums am 31. Mai, bei dem alle
Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren über eine Olympia-Bewerbung der
Hansestadt entscheiden können, hatte die Innenbehörde bereits Anfang
Februar in einem Schulbrief - unterschrieben vom Vorprojektteam für
die Olympischen und Paralympischen Spiele - Unterrichtsmaterialien zu
olympischen Werten und zum Hamburger Bewerbungskonzept angekündigt.
Zudem sollte es Unterstützung bei der Einbindung in schulsportliche
Veranstaltungen und einen Aufruf zu ehrenamtlichem Engagement von
Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern als Volunteers geben.
Anfang März erreichten die Materialien dann die ersten Schulen,
zunächst vom Vorprojektteam selbst, später direkt von der
Schulbehörde. In allen Fällen strahlten die Papiere in den Farben der
Olympia-Bewerbung.
Was steht in den Materialien drin?
Für die Klassen 8 bis 10 lautet etwa ein Thema «Wie würde ich
abstimmen? Argumente recherchieren, gewichten und das Referendum
nachspielen». In Aufgabe eins heißt es: «Nutze dazu die
Internetseiten aus der Info-Box als Grundlage.» Doch die wiederum
verweist allein auf die eigens für die Olympia-Bewerbung
eingerichtete Homepage der Innenbehörde sowie auf eine
«Tagesschau»-Bilanz der Sommerspiele 2024 in Paris.
Für die Klassen 11 bis 13 schlägt die Innenbehörde vor, dass sich die
Schülerinnen und Schüler mit dem Bewerbungskonzept des Senats
beschäftigen sollen. Die dafür notwendigen Materialien aus Sicht der
Innenbehörde? Die Olympia-Homepage, die Websites der fünf
Bürgerschaftsfraktionen mit deren Stellungnahmen zu Olympischen
Spielen sowie für die Schülerinnen und Schüler die von der Behörde
erstellten Kopiervorlagen. Kein Wort dazu, dass im Abstimmungsheft
zum Referendum gleichberechtigt auch eine Stellungnahme der
Olympia-Gegner von NOlympia abgedruckt sein wird.
Was sagt die Schulbehörde dazu?
«Aus Sicht der Bildungsbehörde werden die Grundsätze des
Beutelsbacher Konsenses eingehalten. Auf Grundlage der vorliegenden
Materialien und Quellen sowie eigener Recherche können und sollen
sich Schülerinnen und Schüler zu einem eigenen Urteil gelangen», sagt
ein Behördensprecher. Dass auf die ebenfalls online abrufbaren
umfangreichen Informationen der Olympia-Gegner nicht verwiesen worden
sei, liege daran, dass zum Zeitpunkt des Versands der Materialien der
Senat noch nicht formell festgestellt habe, «dass die
Unterschriftensammlung von NOlympia erfolgreich war».
Die Gegner von Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg
hatten bereits am 21. Februar, also deutlich vor dem Versand der
Materialien, nach eigenen Angaben 19.423 Unterschriften an den
Landeswahlleiter übergeben - fast doppelt so viele wie nötig. Die
Überprüfung und Bestätigung von mindestens 10.000 gültigen
Unterschriften durch den Senat erfolgte dann tatsächlich erst am 17.
März. Ob die NOlympia-Leute nun ebenfalls ihr Infomaterial an den
Schulen verteilen dürfen, kläre die Schulbehörde derzeit mit der
Innenbehörde, sagt der Sprecher - «zumal inzwischen die Homepage von
NOlympia online ist und dort auf umfangreiche Materialien
zurückgegriffen werden kann».
Wie finden das die NOlympia-Vertreter?
«Zu einem Zeitpunkt, wo die Regierungsparteien sich über die
vermeintlichen Fesseln des Neutralitätsgebots bei Volksentscheiden
mokieren, ist es erstaunlich wie unreflektiert die Schulbehörde der
Hamburger Olympiawerbeabteilung direkten Zugang zu den Lehrkräften
ermöglicht», sagt NOlympia-Sprecher Eckart Maudrich. Er verweist etwa
auf Volunteering-Avancen oder die Unterrichtsmaterialien auf
Olympiabewerbungspapier, «die eine deutliche Quellenunwucht zugunsten
der Olympiawerbeabteilung» hätten.
Was fehlt?
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betont bei jeder sich
bietenden Gelegenheit, dass sich das Internationale Olympische
Komitee (IOC) geändert habe. Die Stadt müsse sich jetzt nicht mehr
den Spielen anpassen, sondern vielmehr die Spiele der Stadt. Eine
Aussage, denen etliche widersprechen dürften. Eine Diskussion in den
Schulen über das IOC selbst ist in den Papieren der Innenbehörde
dennoch nicht vorgesehen.
Dabei gäbe es durchaus Themen. Etwa über die Frage, ob es angemessen
ist, dass Russland trotz seines Angriffskriegs in der Ukraine bei den
Paralympics in Italien bei der Eröffnungs- und Abschlussfeier wieder
mit Flagge und Hymne einlaufen durfte, während zuvor der ukrainische
Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch vom IOC disqualifiziert worden
war, weil er auf seinem Helm im Krieg gefallener Sportlerinnen und
Sportler gedenken wollte.
Ein weiteres Thema könnte sein, ob das IOC mit seinem Bestehen auf
politische Neutralität beim ukrainischen Skeleton-Fahrer glaubwürdig
ist, wenn es gleichzeitig in Italien im offiziellen Fanshop T-Shirts
mit dem Motiv von Olympia 1936 in Berlin verkaufen ließ. Die Spiele
wurden damals von den Nazis als weltoffenes, tolerantes und
friedliebendes Propaganda-Spektakel missbraucht. Hinter den Kulissen
wurden längst Juden und Andersdenkende unterdrückt und eingesperrt.
Gibt es direkte Gespräche von Abgeordneten und Schülern?
Vor dem Bürgerschaftsreferendum 2015, das letztlich die
Olympia-Gegner für sich entschieden, gab es an vielen Hamburger
Schulen die «it's your choice»-Tour. Schülerinnen und Schüler konnt
en
dabei mit Abgeordneten aller Fraktionen und NOlympia-Vertretern über
das Für und Wider von
Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg diskutieren. Das
Ziel war, die Jugendlichen für das Thema zu interessieren und für
eine Beteiligung an dem Referendum zu gewinnen. Diesmal wird es das
nicht geben. Der Sportausschuss der Bürgerschaft hat einen
entsprechenden Antrag der Linken bereits mit den Stimmen der SPD, der
Grünen und der CDU abgelehnt.
Für den 28. April organisiere die Bürgerschaftskanzlei stattdessen im
Rathaus eine per Livestream übertragene Diskussionsrunde mit
Vertreterinnen und Vertretern aller Fraktionen sowie mit
Parlamentspräsidentin Carola Veit und Schulsenatorin Ksenija Bekeris
(SPD), sagt der Sprecher der Schulbehörde. Die Veranstaltung richte
sich an Schülerinnen und Schüler ab Klasse zehn. Etwa 90 von ihnen
würden persönlich ins Rathaus geladen - von insgesamt fast 271.000
Schülerinnen und Schülern in Hamburg.
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