Aktive Sterbehilfe für junge Frau spaltet Spanien
Aktive Sterbehilfe ist in Spanien - anders als in Deutschland -
bereits seit 2021 erlaubt. Ein neuer, ganz besonderer Fall sorgt aber
im ganzen Land für Aufruhr.
Madrid (dpa) - Der Tod einer jungen Frau durch aktive Sterbehilfe
sorgt in Spanien für heftige Debatten. Die 25 Jahre alte Noelia
Castillo erhielt am Abend in einem Krankenhaus in Barcelona auf
eigenen Wunsch und gegen den Willen ihrer Eltern eine tödliche
Spritze, wie das Gesundheitsministerium der Region Katalonien
mitteilte. Sie hatte eine Querschnittlähmung, die auf einen
Suizidversuch nach sexuellen Übergriffen im Jahr 2022 zurückgeht.
Castillo ist die jüngste Person, die in Spanien seit der
Legalisierung vor knapp fünf Jahren aktive Sterbehilfe in Anspruch
nahm. Dies und auch die Tatsache, dass - anders als bei typischen
Sterbehilfe-Fällen - ein psychisches Leiden nach schwerem Trauma eine
zentrale Rolle spielte, löste viel Kritik unter anderem von
konservativen Politikern und der katholischen Kirche aus.
«Ich kann nicht mehr mit all dem, was mich in meinem Kopf quält, was
ich erlebt habe», hatte Castillo am Mittwoch in einem Interview des
Fernsehsenders «Antena 3» gesagt. Sie wolle «endlich gehen, aufhöre
n
zu leiden» und sich «endlich ausruhen», sagte sie mit leiser, aber
fester, sicherer Stimme.
«Antena 3» berichtete, vor ihrem Tod habe sich Noelia Castillo im
Krankenhaus von ihren Eltern, ihrer Oma mütterlicherseits, ihren
beiden Schwestern, von zwei Freundinnen und einer Nonne, die sie
unterstützt habe, länger als geplant verabschiedet. Deshalb habe sich
der Vollzug verzögert, hieß es.
Parteisprecherin «total erschüttert»
Wenige Stunden vor dem Vollzug hatte die Spanische Bischofskonferenz
(CEE) bedauert, dass «heute in Spanien der Tod als Lösung für Leid
dargestellt wird». Die CEE sprach auf der Plattform X von einer
«Wohlstandsgesellschaft», die «unfähig ist, zu pflegen und zu
lieben». Konferenzpräsident Luis Argüello sagte: «Ein Arzt darf nic
ht
zum ausführenden Arm eines Todesurteils werden, so legal,
selbstbestimmt und mitfühlend es auch erscheinen mag.»
Als «absolutes Drama» bezeichnete vor Journalisten die Sprecherin der
konservativen Volkspartei PP von Oppositionsführer Alberto Núñez
Feijóo, Ester Muñoz, den Fall. Sie sei «total erschüttert». Der S
taat
habe versagt, fügte sie in einem Beitrag auf X an. Der Fall müsse die
Gesellschaft dazu bringen, viele Dinge zu überdenken. Vor dem Vollzug
der Sterbehilfe versammelten sich Dutzende Menschen vor dem
Krankenhaus zu einer Protestkundgebung.
Aktive Sterbehilfe, also eine Tötung auf Verlangen, ist in Spanien
für Erwachsene mit unheilbarem oder unerträglichem Leiden seit 2021
erlaubt. Während die Gegner der Anwendung in solchen Fällen vor
ethischen Risiken insbesondere bei psychischen Leiden warnen, sehen
Befürworter unter anderem in der linksgerichteten Regierung darin
eine Bestätigung des Rechts auf Selbstbestimmung.
In Deutschland strafbar
Dem Antrag auf Sterbehilfe war von den zuständigen Behörden der
Region Katalonien bereits im Sommer 2024 stattgegeben worden. Der
Vater hatte mit Unterstützung des Verbandes Christlicher Anwälte
versucht, die Durchführung zu verhindern. Doch alle Instanzen,
darunter der Oberste Gerichtshof und das Verfassungsgericht in
Spanien sowie zuletzt diese Woche auch der Europäische Gerichtshof
für Menschenrechte (EGMR), wiesen seine Beschwerden zurück.
Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland strafbar. Erlaubt ist aber der
Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, wenn das dem Willen des
Patienten entspricht. Gleiches gilt für indirekte Sterbehilfe. Davon
wird gesprochen, wenn es um die Schmerzlinderung geht und Patienten
infolge der Medikamente früher sterben. Auch die Beihilfe zur
Selbsttötung ist straffrei - sie kann in der Beschaffung oder
Bereitstellung eines tödlichen Mittels bestehen, das der Patient
allerdings selbst einnimmt.
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