Keimfabrik Kita: Warum Kinder in Betreuung so oft krank sind
Etliche Eltern hat es schon verzweifeln lassen: Kaum in der Kita
eingewöhnt, sitzt der Knirps schon wieder daheim - mit Fieber,
Ausschlag, Husten. Ganz normal, sagen Forscher, und haben Trost
parat.
London (dpa) - Viele Eltern kennen das: Kaum war der Knirps ein paar
Tage in der Kita, ist er schon wieder krank. Tatsächlich machen
Kleinkinder im ersten Kitajahr besonders viele Infektionen durch,
bestätigt eine Analyse britischer Forschender. Ein einjähriges Kind,
das in die Kindertagesstätte kommt, hat demnach in den ersten zwölf
Monaten typischerweise etwa 12 bis 15 Atemwegsinfekte, zwei
Magen-Darm-Erkrankungen und ein oder zwei Hautausschlag verursachende
Infektionen wie das Dreitagefieber. Dies habe emotionale und teils
auch finanzielle Folgen für Familien.
Gerade die Auswirkungen für berufstätige Eltern seien erheblich. In
Deutschland können beide Elternteile zusammen 15 Arbeitstage pro Jahr
und gesetzlich krankenversichertem krankem Kind freinehmen, bei
mehreren Kindern summiert sich der Anspruch auf bis zu maximal 70
Tage. Gerade im ersten Kitajahr könne das durchaus mal eng werden,
sagte Tanja Brunnert vom Berufsverband der Kinder- und
Jugendärzt*innen (BVKJ).
«Arbeitgeber müssen anerkennen, dass es normal ist, dass Eltern
kleiner Kinder regelmäßig von der Arbeit freinehmen müssen, um ihre
Kinder zu betreuen, und sie auch anfälliger dafür sind, selbst krank
zu werden», sagte Co-Autorin Lucy van Dorp vom University College
London (UCL). Von Jahr zu Jahr bessere sich die Lage merklich.
Für die ersten Schuljahre ein Vorteil
Längerfristig betrachtet gibt es der im Fachjournal «Clinical
Microbiology Reviews» veröffentlichten Übersichtsarbeit zufolge auch
einen positiven Effekt: In den ersten Schuljahren sind Kinder, die
eine Kita besucht haben, seltener krank als nicht in
Gemeinschaftseinrichtungen betreuter Nachwuchs. Der frühe Kontakt
scheine einen gewissen Schutz für die ersten Schuljahre zu bieten,
wahrscheinlich aufgrund der erworbenen Immunität gegen häufige
Infektionen. Das bedeute auch, dass eine längere Betreuung von
Kindern zu Hause in der Summe wahrscheinlich keine Lösung für das
Problem darstelle, sondern nur ein Aufschieben.
Der Grund für die Analyse des Teams war ein ganz persönlicher: «Als
Eltern waren wir alle überrascht, wie oft unsere insgesamt neun
Kinder nach dem Start in der Kindertagesstätte krank wurden», sagte
van Dorp. «Also haben wir uns zusammengetan, um zu untersuchen, wie
oft ein Kind, das in die Kindertagesstätte kommt, im ersten Jahr
krank wird, und was man dagegen tun kann.» Häufige Erkrankungen nach
dem Start in der Kindertagesstätte sind demnach völlig normal und
sagen in der Regel weder etwas über den Gesundheitszustand des Kindes
oder der Eltern noch über die Hygiene der Betreuungseinrichtung aus.
Alle zwei Wochen ein Infekt - ganz normal
Statistiken gebe es in Deutschland nicht, aber aus dem Alltag von
Kinderärzten lasse sich bestätigen, dass Kleinkinder im ersten
Betreuungsjahr besonders oft krank sind, sagte Brunnert. Alle zwei
Wochen ein banaler Infekt sei gerade in den Wintermonaten völlig
normal. «Banal bezieht sich hier auf die Schwere der Erkrankung,
nicht auf die daraus entstehende Belastung in der Familie.»
«Neugeborene verfügen dank der von der Mutter übertragenen Antikörp
er
über einen gewissen Schutz vor Infektionen, doch dieser lässt im
ersten Lebensjahr nach», erklärte UCL-Forscher Leo Swadling, einer
der Autoren. Dadurch würden Kleinkinder anfälliger für Infektionen.
Ihr unerfahrenes Immunsystem sei etlichen Erregern noch nie begegnet
- Kitas seien dann eine Art Bootcamp und bauten die Widerstandskraft
für die Folgejahre auf.
Wann darf das Kind wieder in die Kita?
Zentral sei, dass Eltern ihre Kinder zu Hause behalten, solange sie
krank sind - und je nach Art der Infektion auch noch ein oder zwei
Tage danach, sagte Mitautorin Charlotte Houldcroft von der
Universität Cambridge. «Auch wenn Infektionen in der
Kindertagesstätte normal und weit verbreitet sind, ist es wichtig,
alles zu tun, um ihre Ausbreitung einzudämmen.»
Leider komme es gelegentlich vor, dass Kinder verfrüht wieder in die
Kita gebracht würden, sagte Brunnert. «Dies wird weder dem Kind noch
dem Betreuungspersonal gerecht.» Es gebe eine einfache Regel zur
Orientierung: «Wenn das Kind 24 Stunden frei von Symptomen wie Fieber
oder Durchfall ist und Eltern abends feststellen: «Heute wäre es fit
gewesen für die Kita», dann darf es am nächsten Tag wieder gehen.»
Die Forscher um van Dorp betonen auch, dass Impfungen nach wie vor
der beste Schutz vor Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und
Windpocken sind. «Impfungen senken die Krankheitslast und sind
derzeit unser bestes Mittel zur Vorbeugung und Linderung von
Kinderkrankheiten.»
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