Besonderes Training: Wie lerne ich, mitfühlender zu sein? Von Stefanie Järkel, dpa

Wer schnell schwimmen will, trainiert. Wer gut Geige spielen will,
übt. Lässt sich dieses Prinzip auch auf Mitgefühl für andere
übertragen? Ein Besuch beim Training «Wege zu mehr Mitgefühl».

Mannheim/Stuttgart/Berlin (dpa) - Britta K. aus Berlin lebt in einer
klassischen Patchwork-Situation: Ihr Partner hat ein Kind mit in die
gemeinsame Beziehung gebracht, dazu hat das Paar ein gemeinsames
Kind. Der Alltag zu viert stellt K. immer wieder vor emotionale
Herausforderungen, wie sie erzählt. Seit Februar nimmt die 49-Jährige
an einem Training «Wege zu mehr Mitgefühl» an der Universität
Mannheim teil. «Ein Anlass war für mich schon auch unsere
Familiensituation, wo es dann auch immer wieder mal zu Konflikten
kommt - also in der Partnerschaft, aber auch in dieser
Patchwork-Konstellation.» 

Ihr Ziel für das Training: die Kommunikation in der Familie
verbessern, leichter auch mal die Perspektive des Gegenübers
einnehmen und etwas fürs eigene Wohlbefinden tun. Zehn Wochen lang
trifft sie sich einmal wöchentlich mit einem Dutzend anderer
Teilnehmer online und beschäftigt sich mit Themen wie
Selbstmitgefühl, Mitgefühl und Mitleid. Doch lässt sich Mitgefühl
wirklich trainieren, wie geht das?

Um Mitgefühl zu entwickeln, müssen sich Menschen sicher fühlen

Es gehe darum, verschiedene Aspekte von Mitgefühl zu trainieren, sagt
die Psychotherapeutin Corina Aguilar-Raab von der Universität
Mannheim. «Wenn man all diese Bedingungen entwickelt oder kultiviert,
führen die am Ende zu mehr Mitgefühl für andere.» 

Zunächst gehe es darum, dass die Teilnehmer lernen, sich selbst
sicher zu fühlen, erklärt Aguilar-Raab. «Für alles das, was wir an

Gewohnheiten entwickeln wollen - und wir wollen eben Mitgefühl als
eine Gewohnheit entwickeln, dass sie wie in Fleisch und Blut übergeht
-, brauchen wir als Basis ein sicheres Gefühl.»

Meditationen, Tagebuch und der Austausch mit anderen Teilnehmern

So gehe es unter anderem darum, den Teilnehmern Strategien
mitzugeben, wie sie bei Stresssituationen schnell wieder ihr
seelisches Gleichgewicht finden können. Übungen für zu Hause sind
auch tägliche Meditationen, das Führen einer Art Tagebuch und der
regelmäßige Austausch mit einem festen Ansprechpartner in der Gruppe.

In einer Meditation in einer der ersten Sitzungen sollen die
Teilnehmer sich beispielsweise einen Ort vorstellen, an dem sie sich
besonders sicher fühlen, etwa eine Erinnerung. Dieses Bild sollen sie
immer wieder im Geist hervorkramen, wenn sie sich gestresst fühlen -
ein «nährender Moment», wie die Kursleiterin erklärt.

Erinnerungen an den Familienurlaub in der Natur beruhigen

Daniel L. aus Stuttgart hat sich ebenfalls für den Kurs angemeldet,
weil ihn Auseinandersetzungen im Familienalltag beschäftigen. Sein
nährender Moment sind Erinnerungen an Urlaube mit seiner Frau und den
Kindern - etwa mit den Fahrrädern an einem See ankommen, sagt der
40-Jährige. «Es ist kein bestimmtes Bild, sondern einfach das Gefühl

während dieser Zeit.»

In einer Stresssituation habe ihm der Gedanke an dieses Gefühl schon
geholfen, habe ihn noch mal durchatmen lassen, sagt L.. Ihn beruhige
auch schon allein das Wissen, dass es Werkzeuge gebe, mit denen er
sich selbst helfen könne.

Mitfühlende Menschen fühlen sich laut Studie oft auch wohler

Mitgefühl für andere ist laut Aguilar-Raab nicht nur für die anderen

gut. Menschen, die anderen mit Mitgefühl begegnen, fühlten sich auch
selbst wohler. Dies sei das Ergebnis einer Meta-Analyse auf Basis von
37 Einzelstudien, die sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen
der Universität Mannheim durchgeführt habe.

Menschen, die sich in andere einfühlen, sie unterstützen oder ihnen
helfen möchten, berichteten insgesamt von einer höheren
Lebenszufriedenheit, erlebten mehr Freude und sähen mehr Sinn im
Leben, heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Das psychische
Wohlbefinden sei bei ihnen im Durchschnitt höher.

Die Meta-Analyse und ihre Ergebnisse schätzt Judith Mangelsdorf,
Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie, als
belastbar ein. Allerdings sei zu bedenken, dass bisher nicht klar
sei, ob Mitgefühl zu einem höheren Wohlbefinden führe - oder
umgekehrt.

Wie kategorisieren Menschen andere unbewusst?

Beim Mitgefühlstraining geht es Aguilar-Raab zudem um die Frage: Wie
gestalte ich Beziehungen? Jeder kategorisiere Menschen automatisch
und unbewusst. «Wir sind mit Menschen zusammen, die finden wir
sympathisch», sagt die Wissenschaftlerin. «Und dann gibt's Leute, die
finden wir nicht sympathisch. Und dann gibt's eine ganz große Masse,
die ist uns eigentlich ziemlich egal.»

Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, die einem selbst nahe stünden,

sei nicht schwierig. Bei den anderen beiden Gruppen sei dies anders.
Ziel sei, eine Art Unvoreingenommenheit zu trainieren - sich
sozusagen mit anderen zu verbünden «auf gemeinsamer menschlicher
Basis». Damit sich Menschen im Notfall auch mit anderen verbunden
fühlen, die ihnen nicht nahestehen - und bereit sind, ihnen zu
helfen.

Expertin spricht von «lebenslangem Training»

Zehn Wochen Kurs zu Themen, zu denen manche Menschen jahrelang
Therapien machen - ist es realistisch, Mitgefühl in so kurzer Zeit zu
trainieren? «Das ist tatsächlich ein schwieriger Punkt», sagt
Aguilar-Raab. «So was ist eigentlich ein lebenslanges Training.»
Entscheidend sei, wie viel Zeit die Teilnehmer in die Übungen
investierten.

Expertin Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und
Sport in Berlin bewertet Mitgefühlstrainings generell positiv.
«Mitgefühl an und für sich ist eine Fähigkeit, und alles, was eine

Fähigkeit ist, ist auch in sich trainierbar», sagt sie. Erfolge
dieser Trainings seien auch in Studien nachgewiesen worden. 

Wichtig sei, sich über einen längeren Zeitraum täglich mit dem Thema

zu beschäftigen. Gerade durch die sozialen Medien bestehe der Alltag
vieler Menschen darin, sich eher nicht mit dem Leid anderer zu
identifizieren, sondern wegzuschauen. «Das sorgt oft dafür, dass wir
weiter abstumpfen, statt uns wirklich empathisch einzulassen.»

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