WHO Europa: Jeder fünfte Tuberkulose-Fall bleibt unerkannt

Unentdeckte Tuberkulose-Fälle, Ausbreitung resistenter Erreger -
beides hängt Experten zufolge zusammen und gefährdet den Kampf gegen
die Krankheit. Hinzu kommt eine gewaltige Finanzierungslücke.

Kopenhagen/Würzburg (dpa) - Jede fünfte Tuberkulose-Erkrankung in
Europa bleibt nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
unerkannt oder wird nicht gemeldet. 2024 seien knapp 162.000 Fälle
gemeldet worden, heißt es in einem aktuellen Bericht. Tatsächlich sei
von etwa 204.000 Erkrankungen auszugehen. 

Zudem träten Rifampicin-resistente Tuberkulose-Bakterien in Europa in
23 Prozent der Fälle und damit rund siebenmal häufiger auf als im
weltweiten Durchschnitt (3,2 Prozent). Das Antibiotikum Rifampicin
gehört zu den Standard-Wirkstoffen gegen Tuberkulose.
«Arzneimittel-resistente Stämme sind wesentlich schwieriger zu
behandeln, erfordern längere und komplexere Therapien und sind für
eine deutlich höhere Sterblichkeit verantwortlich.»

Stärkere Übertragung - mehr Resistenzen

Beides hänge zusammen, so die WHO: «Menschen, bei denen die Diagnose
erst spät gestellt wird, haben ein höheres Risiko, Tuberkulose auf
andere zu übertragen, und sind schwerer zu behandeln.» Eine stärkere

Übertragung wiederum könne zu einer höheren Zahl an Menschen führen
,
bei denen die Behandlung nicht anschlage - «was ein Hauptgrund für
die Entstehung von Resistenzen ist». 

Zwar sind die Fallzahlen seit 2015 deutlich gesunken. Doch Europa
verfehle weiterhin wichtige Ziele in Bezug auf Früherkennung,
Behandlung und Nachverfolgung - und damit die Eindämmung der
Krankheit. Zur Europäischen Region zählt die WHO 53 Länder, darunter

neben den Staaten der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR)
auch Großbritannien, die Ukraine, Russland und mehrere
zentralasiatische Länder.

Mehr als 4.000 erfasste Fälle in Deutschland

In Deutschland gab es laut Robert Koch-Institut (RKI) im vergangenen
Jahr 4.070 Meldungen neu diagnostizierter Tuberkulose-Erkrankungen.
In 237 Fällen waren Kinder unter 15 Jahren betroffen. Drei von vier
Menschen, bei denen in Deutschland eine Tuberkulose diagnostiziert
wird, sind in einem anderen Land geboren, wie es im Bericht des RKI
zum Welt-Tuberkulose-Tag am Dienstag heißt.

Tuberkulose ist nach WHO-Daten die weltweit tödlichste
Infektionskrankheit in Bezug auf die Zahl jährlicher Todesfälle.
Weltweit erkrankten 2024 etwa 11 Millionen Menschen. Mehr als 1,2
Millionen Menschen starben, vor allem in Ressourcen-schwachen
Ländern. Besonders betroffen sind Länder wie Indien, Indonesien,
China, Pakistan und die Philippinen.

Tuberkulose wird unter anderem über die Luft übertragen. Zu den
Symptomen zählt vor allem Husten, möglich sind zudem Brustschmerzen
und Appetitverlust. Die Bakterien können neben der Lunge auch andere
Organe befallen. Ohne Behandlung führt eine Tuberkulose-Erkrankung
laut WHO-Daten bei etwa jedem zweiten Betroffenen zum Tod.

Experten befürchten mehr Todesfälle

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) befürchtet, dass die
Zahl der Todesfälle künftig steigen könnte. Im vergangenen Jahr sei
mit den USA ein zentraler Geldgeber weggebrochen, seither könnten
sich viele Länder Labortests, Röntgenuntersuchungen und spezielle
Therapien nur noch eingeschränkt leisten. Laut WHO machten die
US-Gelder die Hälfte der internationalen Finanzmittel in diesem
Bereich aus. Studien prognostizieren, dass ihr Fehlen in den
kommenden fünf Jahren bis zu elf Millionen mehr Neuerkrankungen und
bis zu zwei Millionen mehr Todesfällen bedeuten könnten. 

«Tuberkulose wird oft als Krankheit der Vergangenheit wahrgenommen -
das Gegenteil ist richtig», sagte DAHW-Vorstand Patrick Georga. «Wenn
TB-Programme ausreichend finanziert werden, sinken die
Infektionszahlen. Wenn Mittel fehlen, sterben Menschen. Es liegt am
politischen Willen.» 

Weit hinter WHO-Zielen zurück

Tendenziell befindet sich die Tuberkulosebekämpfung auf gutem Weg:
Die Neuerkrankungen sind laut WHO seit 2015 um 12 Prozent
zurückgegangen, die Todesfälle um 29 Prozent. Angestrebt waren
allerdings 50 Prozent weniger Neuerkrankungen und 75 Prozent weniger
Todesfällen bis 2025. 

Der Tuberkulose-Gedenktag fällt auf den 24. März, weil das Bakterium
am 24. März 1882 entdeckt wurde, vom Mikrobiologen Robert Koch.

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