Kampf um Gebärmütter: Russinnen sollen zum Psychologen Von Ulf Mauder und Katharina Schröder, dpa

Der Druck auf Frauen in Russland, Kinder zur Welt zu bringen, ist
traditionell groß. Nun steht eine neue Initiative des
Gesundheitsministeriums als «Zwang zur Fortpflanzung» in der Kritik.

Moskau (dpa) - Frauen ohne einen Kinderwunsch in Russland sollen
künftig von ihrem Arzt an einen Psychologen überwiesen werden. So
will es Moskaus Gesundheitsministerium - und hat damit selbst bei dem
von Kremlchef Wladimir Putin gesteuerten Menschenrechtsrat scharfe
Kritik ausgelöst. Schon jetzt ist der Druck auf Frauen in Russland,
Kinder zur Welt zu bringen, massiv. Doch angesichts niedriger
Geburtenraten wird der Kampf um die Gebärmütter immer verzweifelter
im flächenmäßig größten Land der Erde.

Antworten Frauen bei Vorsorgeuntersuchungen zur reproduktiven
Gesundheit auf die Frage ihres Arztes, wie viele Kinder sie «unter
Berücksichtigung ihrer aktuellen Lebensumstände» haben möchten, mit

«keine», sollen sie «Hilfe» von einem Psychologen erhalten. Zwar
handelt es sich um Empfehlungen, aber in einem autoritären Staat wird
so etwas schnell als Pflicht verstanden.

Ziel der Maßnahme, erklärt das Ministerium, sei die Verhinderung von
Schwangerschaftsabbrüchen und die Förderung einer «positiven
Einstellung» zur Mutterschaft. Genau darum aber ist nun eine Debatte
entbrannt, weil Experten vor einer Verletzung der
Persönlichkeitsrechte der Frauen und Eingriffen in die Privatsphäre
von Menschen warnen.

Kritik am «Zwang zur Fortpflanzung» - Probleme in Russland

Auch in dem sonst Putin treu ergebenen Menschenrechtsrat des
Präsidenten regt sich Widerstand. «Zwang zur Fortpflanzung. Anders
kann ich diese Initiative nicht bezeichnen, die eine Frau von einer
freien Persönlichkeit in ein Instrument zur Verbesserung der
demografischen Lage verwandelt», schimpft die Ärztin Olga Demitschewa
in dem Gremium. 

«Ich bin überzeugt, dass sich die meisten Frauen ein Leben ohne
Mutterschaft nicht vorstellen können. Aber diejenigen, die andere
Lebenspläne haben, brauchen keine «korrigierende Pädagogik»», sag
t
sie.

Klar ist, dass Russland wie viele Industriestaaten nicht ausreichend
Geburten aufweist, um seine Bevölkerung auf einem stabilen Niveau zu
halten. Mit 1,37 Kindern je Frau (2025) stehen die Russinnen zwar
etwas besser da als Frauen in Deutschland, die auf durchschnittlich
1,30 Kinder kommen. Allerdings verweisen Experten darauf, dass es
mindestens 2,1 Kinder je Frau bräuchte, um die demografische
Entwicklung stabil zu halten.

Deutsche Expertin: Anreize schaffen statt bestrafen

Die Expertin Catherina Hinz erklärt, dass der Kinderwunsch allgemein
zurückgehe. Es sollte lieber Anreize geben für Menschen, die
Nachwuchs haben möchten, als jene zu bestrafen, die keine Kinder
wollen. «Das kommt einer Entmündigung gleich», sagt die
Geschäftsführerin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklun
g
zu der umstrittenen Initiative in Russland.

Zudem werde in Zeiten mit vielfältigen Krisen und unsicheren
Perspektiven der Kinderwunsch oft zurückgestellt, bei
wirtschaftlichem Aufschwung hingegen ändere sich das, sagt Hinz.
Wichtig seien viel mehr Anreize wie die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf, eine ausreichende Zahl an Kinderbetreuungsplätzen. 

Kremlchef Putin macht Druck

Kremlchef Putin selbst hat die Steigerung der Geburtenzahlen immer
wieder als dringlichste Aufgabe genannt. Es gehe um die Existenz
Russlands, betonte er und forderte immer neue Vorschläge von seinen
Beamten. Die Liste der Maßnahmen ist inzwischen lang. So erhalten
etwa bisweilen Schülerinnen Prämien, wenn sie bei einer
Schwangerschaft das Kind austragen. 

Frauen sehen sich oft gedrängt, möglichst früh schwanger zu werden,
damit sie ihre Fruchtbarkeitsspanne voll ausnutzen.
Gesundheitsminister Michail Muraschko sagt, Frauen sollten sich nicht
um ihre Ausbildung und Karriere, sondern zunächst um den Nachwuchs
kümmern. «Eine Frau muss verstehen: Je früher sie gebiert, umso
besser.»

Der unabhängige russische Bevölkerungsforscher Alexej Rakscha beklagt
eine ideologisierte Debatte in Russland um die Geburten und eine
«totale Unfähigkeit» der Bürokraten. «Sie hören sich keine Rats
chläge
von Experten an», sagt der Wissenschaftler der Deutschen
Presse-Agentur in Moskau.

Schwangerschaftsprämien, wie es sie etwa für Studentinnen gibt, hält

Rakscha für wirkungslos. Dagegen habe Russland inzwischen viele
Familien mit drei und vier Kindern, aber das reiche nicht. Es müsse
vielmehr Geld in die Hand genommen werden, um die Geburtenrate
dauerhaft zu erhöhen.

Orthodoxe Kirche gegen Schwangerschaftsabbrüche

Vor allem setzt die Staatsführung auf Propaganda. Die Werbebranche in
Russland ist aufgerufen, bei Clips möglichst glückliche Familien mit
vielen Kindern zu zeigen. Besonders geehrt werden jene mit zehn oder
mehr Kindern, die den Titel Mutterheldin samt Orden erhalten. Dagegen
ist es verboten, offen über freiwillige Kinderlosigkeit zu sprechen -
das steht als Propaganda der sogenannten Childfree-Bewegung unter
Strafe. «childfree» ist Englisch und bedeutet «kinderfrei». 

Gesellschaftliches Debattenthema sind auch Schwangerschaftsabbrüche.
Die unter den Kommunisten in der Sowjetunion vergleichsweise liberale
Praxis ist bei vielen Frauen in Russland im Bewusstsein verankert.
Deshalb hat es die inzwischen wachsende Fraktion der
Abtreibungsgegner in Russland schwer.

Formell sind Abtreibungen in Russland zwar erlaubt. In der Praxis
gibt es aber zunehmend Klagen darüber, dass sie je nach Region und
Klinikart schwer bis gar nicht mehr zugänglich sind.

Vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, eine wichtige Machtstütze
für Putin, nutzt ihren Einfluss, um Stimmung gegen Abtreibungen zu
machen. So gibt es etwa auch in Kriegszeiten wie jetzt bei dem für
das Land extrem verlustreichen Angriff auf die Ukraine
Propagandaplakate, die daran erinnern, dass Russland Nachwuchs
braucht.

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