Per Kamera dem Darmkrebs auf der Spur - schon vor Entstehung Von Christopher Hirsch, dpa

Darmkrebs verursacht vergleichsweise viele Todesfälle. Dabei ist die
Vorsorge laut einer neuen Studie hochwirksam. Ein Chefarzt zeigt, wie
es geht und gibt ungewöhnliche Einblicke.

Stralsund (dpa/mv) - «Wir sind jetzt hier erstmal am Ziel angelangt»,
sagt Stefan Ziemer, während er auf einen Bildschirm im
Behandlungszimmer schaut. Am Übergang von Dick- zum Dünndarm
angekommen, zieht der Mediziner langsam sein 1,40 Meter langes
Endoskop wieder zurück und beginnt die eigentliche Untersuchung. Die
Kamera zeigt eine Art rötlichen Tunnel, Blutgefäße, Verengungen und
Ausbuchtungen. Nach weniger als einer halben Stunde ist die Reise
durch den Dickdarm von German Horn vorbei. Das Ergebnis: keine
Anzeichen für Darmkrebs oder mögliche Vorstufen.

«Viel zu kurz» sei die Untersuchung gewesen, scherzt Horn wenig
später nach dem Aufwachen. Er habe überhaupt nichts mitbekommen und
von einer bevorstehenden Reise nach Argentinien geträumt. Er ist
Ziemers Chef und führt eigentlich selbst Darmspiegelungen durch. Doch
nun liegt der Chefarzt der Gastroenterologie am Helios Hanseklinikum
Stralsund selbst im Behandlungszimmer.

Er sei vergangenen August 50 geworden und habe sich gedacht: «Was
soll es? Ja, jetzt lass' Dich selber koloskopieren.» Seit April
vergangenen Jahres können sowohl Männer als auch Frauen ab 50 zur
Darmkrebsvorsorge im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung eine
Darmspiegelung machen lassen und im Falle eines negativen Befundes
zehn Jahre später eine zweite.

Krebsart mit zweithäufigsten Todesfällen

«Darmkrebs ist die Krebsart mit den zweithäufigsten Todesfällen
deutschlandweit sowie weltweit», sagt Hermann Brenner vom Deutschen
Krebsforschungszentrum (DKFZ). «Wir haben immer noch etwa 23.000
Todesfälle wegen Darmkrebs pro Jahr in Deutschland. Das sind fast
zehnmal so viele wie Todesfälle durch Verkehrsunfälle.»

Laut Schweriner Gesundheitsministerium leben aktuell in
Mecklenburg-Vorpommern etwa 7.550 Menschen mit der Diagnose. Jedes
Jahr kämen rund 1.200 Neuerkrankungen dazu, obwohl sich kaum eine
andere bösartige Tumorerkrankung so sicher im frühen Stadium erkennen
und behandeln ließe.

Der Stralsunder Wolf-Rüdiger erhielt seine Diagnose 2021, kurz
nachdem er nach 49 Jahren Berufstätigkeit die Arbeit hinter sich
gelassen hatte. Er habe Schmerzen gehabt und gedacht, er habe
Hämorrhoiden. «Dann kam die Diagnose: Darmkrebs», erinnert sich der
ehemalige Elektromonteur. «Hat man eine Chance zum Überleben? Das war
die erste Frage.» Für seine Frau sei es besonders schlimm gewesen.

Ehemaliger Krebspatient rät zur Vorsorge

Der heute 71-Jährige wurde operiert und erhielt Chemotherapien. Wegen
letzterer fehle es seinen Händen und Füßen teils an Gefühl. «Das
wird
sich auch nicht mehr ändern.» Krebs oder Auffälligkeiten im Darm
seien bei ihm zuletzt aber nicht mehr festgestellt worden. Mögliche
Vorsorgeuntersuchungen habe er seinerzeit vor sich hergeschoben.
Heute sagt er: «Man sollte hingehen.»

Horn erklärt die Besonderheit der Darmkrebsvorsorge: Bei der
Krebsfrüherkennung suche man einen Tumor im frühen Stadium. Bei
Darmkrebs setze man noch früher an. «Wir machen uns auf die Suche
nach Polypen, und Polypen sind die Vorgänger von Darmkrebs.»

Brenner sagt: «Wir haben ja schon viel erreicht die letzten 20 bis 30
Jahre. Die Sterberate an Darmkrebs ist heute um über 40 Prozent
niedriger als noch zu Beginn des Jahrtausends.» Vorsorge habe einen
«ganz großen Anteil» daran. 

Vorsorge laut Studie hochwirksam

Risikofaktoren seien etwa familiäre Veranlagung. Aber auch Rauchen,
Übergewicht und Fettleibigkeit oder ein hoher Konsum roten Fleisches
könnten Darmkrebs begünstigen. Eine neue wissenschaftliche Arbeit
lege auch nahe, dass möglicherweise auch stark verarbeitete
Fertignahrungsmittel eine Rolle spielen könnten. «Da gibt es aber
noch nicht viele Studien dazu.»

Einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie zufolge können
regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen teils mehr als 80 Prozent der
Darmkrebs-Sterbefälle verhindern. Es handelt sich dabei um eine
Simulationsstudie, zu deren Autoren auch Brenner zählt. Die
Berechnung erfolgte für 100.000 Männer und 100.000 Frauen im Alter
von 50 Jahren und simulierte deren Risiko, bis zum Alter von 85
Jahren an Darmkrebs zu erkranken beziehungsweise zu sterben. Das
Rechenmodell basierte laut Brenner auf realen Daten etwa zur
Häufigkeit positiver Befunde oder zur Wirksamkeit von Eingriffen. 

Wünsche nach Untersuchung: Espresso und Schokolade

Berechnet wurde nicht nur die Wirksamkeit von Vorsorgekoloskopien,
sondern auch bestimmter Stuhlbluttests. Diesen können Frauen und
Männer ab 50 als Kassenleistung alle zwei Jahre machen lassen - meist
als Alternative zu den Koloskopien. Ein solcher Test kontrolliert, ob
sich nicht sichtbares Blut im Stuhl befindet. Laut der
Simulationsstudie reduziert eine Kombination von Koloskopien mit
Stuhlbluttest die Darmkrebssterbefälle noch stärker, nämlich um 89
Prozent.

Die Schweriner Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sagt: «Eine
Vorsorgeuntersuchung ist nicht sonderlich angenehm.» Aber sie sei
weniger schmerzhaft oder angsterfüllend als eine Krebsbehandlung. 

Horn konnte noch kurz vor seiner Darmspiegelung arbeiten. Allerdings
durfte er seit dem Vorabend nur noch bestimmte Getränke zu sich
nehmen, nichts mehr essen und nahm ein Mittel zur Spülung seines
Darms. Nach der Untersuchung hat er daher vor allem zwei Wünsche:
«Einen Espresso und eine Tafel Schokolade.»

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