Musik weckt Erinnerungen - Demenzkranke blühen auf Von Andreas Hummel, dpa
Mehr als 100.000 Menschen in Sachsen sind an Demenz erkrankt. Wenn
die Erinnerungen verblassen, kann Musik wie Balsam für Betroffene
sein. Darauf setzt nicht nur die Robert-Schumann-Philharmonie.
Chemnitz (dpa/sn) - Wenn die Streicher der
Robert-Schumann-Philharmonie am Freitagnachmittag aufspielen, setzen
sie auf bekannte Melodien: Mozarts kleine Nachtmusik etwa oder Lieder
wie «Alle Vögel sind schon da». Anders als in einem herkömmlichen
Konzert ist Mitsingen und Mitsummen bei den Liedern ausdrücklich
erwünscht. Denn das Sonderkonzert richtet sich speziell an Menschen
mit Demenz und ihre Angehörigen. In lockerer Atmosphäre sollen sie
dem Alltag entfliehen. Dazu wird auch Kaffee und Kuchen gereicht.
Mit solchen Konzertformaten hat der Chemnitzer Generalmusikdirektor
Benjamin Reiners Erfahrung aus seiner früheren Arbeit in Kiel. Dabei
gab es für ihn oft Gänsehaut-Momente, wie er erzählt. Etwa als sich
ein Paar im Konzert liebevoll an die Hand nahm. «Da war auf einmal
wieder große Nähe und Verbundenheit zwischen ihnen zu spüren.»
Berührend seien die Konzerte sowohl für die Betroffenen und ihre
Angehörigen, als auch für die Musiker. «Es sind besondere Momente, zu
sehen, was Musik auslösen kann, wie Erinnerungen und Persönlichkeit
wiederkommen.» Dabei zeige sich eindrucksvoll die Kraft der Musik und
wie unmittelbar sie Menschen erreiche.
Mehr als 100.000 Menschen in Sachsen an Demenz erkrankt
In Deutschland leben laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft mehr als
1,8 Millionen Menschen mit Demenz, in Sachsen sind es etwa 104.000 im
Alter von über 65 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu
erkranken steigt mit zunehmendem Alter. Weil die Gesellschaft älter
wird, nimmt auch der Anteil von Menschen mit Demenz zu. In Sachsen,
Thüringen und Sachsen-Anhalt ist er den Angaben zufolge bundesweit am
höchsten.
Eine Demenzerkrankung beginnt schleichend und verändert das Leben von
Betroffenen und ihren Angehörigen enorm. Dabei nehmen die geistigen
Fähigkeiten ab: Erkrankte haben Probleme, sich zu orientieren,
Gesprächen zu folgen, das Überführen von Inhalten aus dem Kurz- in
das Langzeitgedächtnis ist gestört; es kommt zu Verhaltens- und
Stimmungsänderungen und sie ziehen sich von sozialen Aktivitäten
zurück.
Die Ursache seien Abbauprozesse in verschiedenen Hirnarealen, erklärt
Mirko Wegscheider, Oberarzt an der Klinik für Neurologie am Klinikum
Chemnitz. Die Alzheimer-Krankheit als häufigste Form der Demenz
betreffe in den frühen Stadien andere Bereiche des Gehirns als das
«Musikgedächtnis». Vor allem aktives Musizieren wie Singen und das
Spielen eines Instruments, aber auch passives Musikhören stimulierten
motorische, sprachliche und emotionale Areale im Gehirn. Dadurch
könnten auch bei einer Demenz vereinzelt neue Verknüpfungen im Gehirn
hergestellt oder bestehende Netzwerkverbindungen verstärkt werden, so
der Experte.
Musik weckt Emotionen und Erinnerungen
«Die positiven Effekte von Musik sind gut nachweisbar», ergänzt der
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und
Psychosomatik, Thomas Barth. Das beobachte er regelmäßig bei seinen
Patienten. «Die Verbesserungen durch Musiktherapie sind denen von
Medikamenten ebenbürtig.» Denn bisher könne die Medizin die
Erkrankung nicht stoppen, sondern nur ihre Symptome behandeln. Die
Musik schaffe es, trotz des Gedächtnisverlustes durch Demenz
Emotionen und Erinnerungen zu wecken, helfe Patienten, ruhiger zu
werden und besser zu schlafen. Das werde auch durch Studien belegt.
Ein Konzertbesuch könne darüber hinaus eine Abwechslung im oftmals
durch Pflege belasteten Alltagstrott bringen. «Manche Patienten
drängeln sich regelrecht danach», erklärt Barth. «Selbst schwer
Demenzerkrankte kommen da zur Ruhe, bekommen Stimulation und es kommt
für den Moment wieder mehr Leben in sie.» Zudem könnten Betroffene
auf diese Weise wieder etwas am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Angebote wie das Sonderkonzert in Chemnitz gibt es auch andernorts in
Sachsen. Die Oper Leipzig bietet seit 2018 unter dem Titel «In mir
singt ein Lied» Musikangebote für Menschen mit Demenz. Dabei sitzen
die Besucher im Konzertfoyer des Opernhauses in einem großen Kreis
und singen gemeinsam mit Klavierbegleitung etwa Operettenarien,
Schlager oder Volkslieder.
Wenn der Geliebte Mensch trotz Demenz wieder auflebt
«Die Nachfrage ist ungebremst hoch, die Termine immer sehr schnell
ausgebucht», sagt Opern-Sprecherin Gudula Kienemund. Die Resonanz sei
ergreifend. Sie habe dabei persönlich miterlebt, «wie Menschen zu
lächeln und sogar tanzen beginnen, die sonst völlig in einer
unbekannten Welt verloren scheinen». Auch für die Angehörigen sei es
eine zutiefst emotionale Erfahrung zu sehen, wie ihre demenzkranken
Lieben aufleben.
Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat dagegen bisher kein solches
Angebot in petto. «In den letzten Jahren gab es für die Staatskapelle
nicht die Möglichkeit, Erfahrungen mit Musikangeboten für Menschen
mit Demenz in Sachsen zu sammeln», erläutert eine Sprecherin auf
Anfrage. «Es klingt nach einer sehr bereichernden geragogischen
Vermittlungsarbeit!»
Für das Sonderkonzert in Chemnitz verlassen die Musiker der
Robert-Schumann-Philharmonie ihre angestammten Räume und laden in die
Universitätsbibliothek. Auch sonst ist einiges anders. Die Stücke
werden in Ausschnitten gespielt und das Konzert sei auf eine Stunde
begrenzt, um die Besucher nicht zu überfordern, wie Dramaturgin
Friederike Pank erläutert. Ab einer Stunde vor Beginn können sie sich
mit dem Ort vertraut machen und mit Musikern ins Gespräch kommen. Die
Sitzplätze seien locker angeordnet und es gebe jederzeit die
Möglichkeit, den Raum zu verlassen. «Wenn jemand mitklatscht oder
aufsteht und tanzt, ist das kein Problem.»
Angemeldet hätten sich neben Gruppen auch Paare und Familien mit
Kindern und Enkeln. Und schon jetzt sind sich Pank und Reiners
sicher: Auch in der nächsten Spielzeit soll das neue Format
fortgesetzt werden.
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